Ali Barter, Grey Hairs, clipping.

Ali Barter

Als Ali Barter vor zwei Jahren ihr Debütalbum herausgebracht hat, verfügte Alternative-Rock plötzlich über völlig neues Handwerkszeug, um den räudigen Charme selbstbestimmter Musikerinnen zu tarnen. Die australische Songwriterin überzuckerte ihre scheinbar fragile Lolita-Stimme nämlich mit so süßlichem Liebreiz, dass oft gar nicht auffiel, wie bitter und derb die Texte überm Gitarrenbrett vielfach waren. Das legte die Messlatte fürs neue Album hoch oder tief – je nach Perspektive.

Und in der Tat: Hello I’m Doing My Best schmeißt uns schon im Opener über ihren Ex Lester kratzig schön “Don’t you know that love sucks” oder “don’t you know that life’s a bitch” um die Ohren, bevor Ali Barter im powerpoppigen Punk des Titelsongs alles macht, was böse Mädchen eigentlich schon immer gemacht haben, nur diesmal mit einer noch hinreißenderen Schnodderigkeit in den Riffs und mehr wütendem Geschrei darüber. Selten so lieblich gekratzt worden.

Ali Barter – Hello I’m Doing My Best (PIAS)

Grey Hairs

Nicht mehr nur zerkratzt, sondern virtuos zerfleischt kriecht man hingegen nach einer Ladung Grey Hairs unter der Wall of Punkrocksound hervor, die das Quartett aus Nottingham auch auf ihrer dritten Platte bauen. Irgendwie bandnamengerecht Health & Social Care betitelt, geht es darin dramaturgisch in der Tat um Englands heillos ruinierte Gesundheits- und Sozialsysteme, wobei die meisten der zehn Tracks klingen, als würden Slayer dabei sediert in der Gummizelle randalieren.

Kein Wunder, dass die Grauen (Scham-)Haare 2018 mit den Sleaford Mods getourt sind. Der Noisepunk von Chris (Gitarre), James (Gesang), Amy (Bass) und Dave (Drums) ist schließlich so wellblechscheppernd schön und saitenzersägt schillernd, dass man sich an die frühen NoMeansNo erinnert fühlt – nur mit weniger Jazz und Humor, dafür mehr Rotz und Wut. Das Resultat ist eine Art Psychosurfrock ohne Sommer, Sonne, Strand und Surfen zum stocknüchtern durchdrehen.

Grey Hairs – Healt & Social Care (Gringo Records)

Hype der Woche

clipping.

Der Prophet, so heißt es, zählt im eigenen Land wenig, was in der Musik fürs eigene Genre gelten würde. Das ist natürlich zunächst mal nur ein Sprichwort, aber wäre es anders, müsste das experimentelle Rap-Trio clipping. auf dem Olymp einflussreichen HipHops ganz oben stehen, schräg gegenüber von den Einstürzenden Neubauten, für die das Gleiche im experimentellen Rock gilt. Dummerweise sind beide unter Fachleuten respektiert, im Mainstream aber nicht, was schon deshalb interessant ist, weil sie ziemlich wesensverwandt sind, ohne es zu wissen. Auf dem neuen Album der Kalifornier türmen die Producer William Hutson und Jonathan Snipes ja wieder ein zerkratztes Sampling-Gebäude über die Hochgeschwindigkeitsreime von Daveed Diggs, das Noise mit Industrial und Rap zu einer ganz neuen Form alternativen Pops macht. Ständig stürzt auf There Existed an Addiction to Blood (Sup Pop) etwas in sich zusammen, überall knarzen, knirschen, scheppern Alltags- und Kunstgeräusche durch die Lyrics. HipHop als Abraumhalde der musikalischen Subversion und als solche nicht weniger als prophetisch brillant.



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