Gewinnspielemissionen & Irland-Krimis

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Oktober

Dass dicke Autos und dauerndes Fernsehen die zwei Lieblingsbeschäftigungen des (seltener der) Durchschnittsdeutschen sind, ist hinlänglich bekannt. Aber wie eng dicke Autos und andauerndes Fernsehen miteinander zusammenhängen, zeigt sich erst so richtig, wenn es in letzterem um Gewinnspiele geht, bei denen nahezu ausschließlich erstere zu gewinnen sind. Das ist seit jeher irgendwie einfallslos, billig und plump, kriegt in Zeiten der Klimakrise allerdings von seiner ganz besonders deprimierenden Seite.

Während Pro7 zum Beispiel in der Green Seven Week auf die globale Verschmutzung durch Plastikmüll informiert und auch sonst immer mal wieder Betroffenheitsentertainment zum vermeintlichen Wohl der Umwelt zwischen die Massenkonsumwerbung quetscht, gibt es beim Duell von Joko & Klaas gegen den eigenen Sender einen BMW Z4 mit emissionsfreien 380 PS für den testosterongesättigten Klimawandelleugner zu gewinnen. Eine Art zynischer Doppelzüngigkeit, die nur das Erste noch toppt, indem es bei der Wahl zum Tor des Monats ein superfettes Wohnmobil für den hyperfossilen Urlaubsspaß verlost. Mal ein Elektro-Auto oder sagen wir: ökologisch verantwortungsbewussten Urlaub in der Region als Hauptpreis? Nicht mit den Massenmedien.

Die dafür allerdings auch weitaus weniger Energie pro Sendeeinheit verbrauchen als Streamingdienste, deren Stromverbrauch sich jährlich auf mittlerweile 200 Milliarden Kilowattstunden summiert – Tendenz steigend, sobald Anfang November die Portale von Disney und Apple auf Sendung gehen. Dem Platzhirsch Netflix bereitet das allerdings aus einem ganz anderen Grund Sorge, und der ist, wenig überraschend, finanzieller Natur. Denn nachdem die zuletzt stagnierenden Abos im vorigen Quartal um stolze 6,8 Millionen auf mittlerweile 158 gestiegen ist und der Umsatz im Jahresvergleich um 31 Prozent auf 5,2 Milliarden Dollar wuchs, könnte die neue Konkurrenz für eine Delle sorgen.

Die Frischwoche

21. – 27. Oktober

An dieser Stelle Video-on-Demand-Formate zu empfehlen, ist natürlich ebenfalls ein wenig, nun ja, hybrid. Aber entscheiden tut am Ende ja doch das Publikum, was es sehen will und was nicht, aus welchem Grund auch immer. Qualitativ jedenfalls ist am Vierteiler Catherine the Great mit Helen Mirren, die ab Donnerstag auf Sky vier Teile lang als russische Herrscherin brilliert, nichts auszusetzen – was mit Abstrichen auch für die Netflix-Serie Daybreak gilt, in der das Zombie-Thema zeitgleich zur Coming-of-Age-Geschichte erweitert.

Um weniger Profit und Kohlendioxid geht es dagegen bei der öffentlich-rechtlichen Fiktion dieser Woche. Zugleich sorgen geringere Budgets und Emissionen offenbar auch dafür, dass die öffentlich-rechtlichen Ergebnisse spürbar konventioneller sind. Extrem explizit gilt das für den Irland-Krimi, mit dem die ARD ab Donnerstag (20.15 Uhr) ihr Portfolio klischeehafter Auslandsermittler*innen aufbläht, was die Hauptdarstellerin Désirée Nosbusch als exildeutsche Kommissarin mit deprimierendem Privatleben nach ihrem zweiten Frühling in Bad Banks wieder auf den Boden der deutschen Durchschnittsunterhaltung zurückholt.

Immerhin ordentliche Durchschnittsunterhaltung ist der ARD-Mittwochsfilm Was wir wussten, um den Skandal gefährlicher Antibaby-Mikropillen für Teenager, der sich vor zehn Jahren tatsächlich ereignet hatte. Geradezu gelungene Durchschnittsunterhaltung gibt es an gleicher Stelle schon heute in Die Irrfahrt der St. Louis. Ulrich Noethen spielt darin den real existierenden Kapitän Gustav Schröder, der 1939 knapp 1000 jüdische Flüchtlinge auf seinem Luxusdampfer über den Atlantik und zurück in Sicherheit gebracht hatte. Dass unkonventionell nicht gleich anspruchsvoll ist, belegt aber Sascha Lobo Donnerstag um 23 Uhr auf Neo.

Eigentlich will der selbsternannte Digitalhipster mit dem Irokesen-Brandig in seinem Social Factual Radikalisiert ja über den Hass im Netz informieren; heraus kommt dabei jedoch nur eine Freak- und Horrorshow des herrschenden Wut- und Terrordiskurses. Letzteren gab es zur Drehzeit der Wiederholung der Woche nur bedingt, weshalb Bernhard Wickis schwarzweißes Meisterwerk Die Brücke (Samstag, 23.30 Uhr, RBB) ums kindliche Kanonenfutter des nationalsozialistischen Volkssturms 1959 in ein gewaltiges Schweigegebäude über deutsche Schuld und Sühne eindrang. Eines, das noch fünf Jahre später von Filmen wie Winnetou II und III tapeziert wurde, die der SWR drei Stunden früher zeigt. Guten Gebraucht-Tatort gibt es dieser Tage leider nicht



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