Medienmedien & Schneeweihnacht

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. Dezember

Namen machen Moderne. Fast ein halbes Leben, nachdem der bislang letzte Rundfunkstaatsvertrag verabschiedet wurde und zeitgleich zur News, mit Klaas Heufer-Umlaufs Late Night Berlin habe ein Pro7-Format erstmals mehr Total Video Viewtime, also abgerufene Minuten über alle Plattformen hinweg, als die lineare Ausstrahlung am Montag, haben sich die 15 Ministerpräsidenten (darunter zwei Frauen) auf einen Nachfolger geeinigt, der ab Herbst seinen Titel ändert und damit (anders als die Frauenquote deutscher Regierungschefs) ein Stück Richtung Zukunft rückt. Schließlich berücksichtigt der künftige Medienstaatsvertrag, dass sich vor allem junge Menschen kaum noch von Fernsehen oder Radio informieren oder berieseln lassen und nimmt dafür gar nicht mehr allzu neue Kommunikationsmittel in die Pflicht.

Soziale Plattformen, YouTube, selbst die Sprachassistentin Alexa müssen sich dann Regeln unterwerfen, Lizenzgebühren entrichten, also Verantwortung tragen. Das gilt besonders für Tech-Giganten wie Facebook, die Medienintermediäre werden also Medienmedien, die Medien medial vermitteln. Wie gut, werden Larry Page und Sergey Brin da womöglich sagen, dass sie mit dieser Schuldigkeit nichts mehr zu tun haben. Beide Google-Gründer wechseln schließlich vom Vorstand in den Aufsichtsrat des Mutterkonzerns Alphabet und überlassen das operative Geschäft ihrem Nachfolger Sundar Pichai.

Es könnte der letzte CEO mit einer Art Ethos sein. Denn man muss ja kein Misanthrop sein, um Populisten, gar Diktatoren am Horizont zu sehen, die sich dank unbegrenzter Mittel oder Machtbefugnisse Medienintermediäre erkaufen oder anderweitig aneignen und der Demokratie damit endgültig den Saft freier Meinungsbildung abdrehen. In einer solchen Zukunft würde der MDR dann nicht die Zusammenarbeit mit dem Pegida-Kabarettisten Uwe Steimle beenden, der öffentlich-rechtliche Sender „gelenkt“ und Deutschland „besetzt“ nennt. Was allerdings definitiv jedes politische System überdauern dürfte, ist – klar – der Tatort.

Pünktlich zum 50. Geburtstag im nächsten Jahr dann mit Jasna Fritzi Bauer, Luise Wolfram und dem Dänen Dar Salim (Game of Throne) als neue Ermittler in Bremen. Davon gänzlich unbeeindruckt, gibt es jedoch immer noch mehr und mehr und mehr und mehr und mehr Kommissare jeder Herkunft, Natur und Güte am Bildschirm bis in alle Ewigkeit.

Die Frischwoche

9. – 15. Dezember

Ab heute im ZDF zum Beispiel Kommissar Danowski (Milan Peschel), der mit einer ganzen Reihe psychischer Störungen und seiner Kollegin Meta (Emily Cox) zur Seite (angeblich ungewöhnliche) Mordfälle in – oder wie beim Auftakt Blutapfel – unter Hamburg löst. Oder am Donnerstag zur gleichen Zeit, wenn das Erste zum dritten Mal Miriam Stein und Hary Prinz als – verrückt! – total verschiedene LKA-Beamten der österreichischen Reihe Steirerkreuz Todesfälle klären lässt.

Da atmet man doch glatt mal erleichtert durch, dass Rainer Bock Mittwoch an selber Stelle ganz ohne Leichen den König von Köln als rheinischer Strippenzieher spielt, der den korrupten Kölsche Klüngel leider nur teilweise, aber durchaus unterhaltsam persifliert. Richtig überraschend wird es dann sogar, wenn der vielseitige Schauspieler am Sonntag drauf die Hauptfigur von Weihnachten im Schnee gibt. Der denkbar bescheuertste Titel kann nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem ZDF hier ein ebenso anrührender wie tiefgründiger Familienfilm zur Scheinheiligkeit festlicher Bräuche gelungen ist.

Parallel dazu schafft es übrigens Pro7, seine Kernkompetenz jugendaffinen Bubblegum-Entertainments in einen relativ gelungenen Psychothriller zu packen. Nach vorheriger Häppchen-Auswertung im Internet, strotzt Schattenmoor zwar nur so vor Effekthascherei. Die mysteriösen Ereignisse in einem Internat, liefern der Zielgruppe unter 30 allerdings sehr souveräne Fernsehunterhaltung – und ähneln damit dem einzig nennenswerten Streaming-Produkt der Woche: Staffel 2 des spanischen Renaissance-Krimis Die Pest, ab Mittwoch auf Sky.

Vor den Wiederholungen der Woche aber noch kurz einen Dokutipp von zeitgemäßer Relevanz: Dienstag (20.15 Uhr) skizziert 1979 – Ursprung der Gegenwart ein wegweisendes Jahr, das mit der Rückkehr von Neoliberalismus, Islamismus und Chinas Macht die Weichen für unsere Gegenwart gestellt hat, religiös vertieft von Der Schah und der Ayatollah im Anschluss. Ein Jahrzehnt früher spielt Zeit des Erwachens (Montag, 20.15 Uhr, Arte), die Verfilmung von Oliver Sachs‘ Psychiatrie-Studie um Patienten wie Robert de Niro, die Robin Williams als idealistischer Arzt 1990 aus dem Dämmerschlaf befreite. Zum Niederknien ist Helmut Berger als flamboyant-entrückter Ludwig II von 1972 (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte). Und beim Tatort machen wir morgen (22 Uhr) im NDR nochmals Bekanntschaft mit dem Akronym von Kommissar Murot, das Ulrich Tukur im Auftaktfall Wie einst Lilly 2010 aufs Gemüt drückt.



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