Hamburger MoPo: Feuilleton & Fake News

Fünf Minuten Lesezeit

Die Hamburger Morgenpost war mal ein wichtiges Blatt der Pressestadt Hamburg. Ihr Chefredakteur allerdings hat sie derart auf populistischen Kurs gebracht, dass die drohende Abwanderung ins Netz irgendwie gar nicht so furchtbar klingt. Dabei könnte sie viel mehr. Versuch einer Ehrenrettung.

Von Jan Freitag

Am 10. Januar war‘s mal wieder so weit, da hat sich die grassierende Dummheit unserer Zeit weit rechts überholt: in der Mopo. So nennen viele Menschen der Pressehauptstadt jener Tage, als „Presse“ noch für Papierpublikationen stand und „Hauptstadt“ für Bonn, eine Zeitung, die wirklich mal bedeutsam war. Lange her. Jetzt füllt die Hamburger Morgenpost ihre Titelseiten gern mit Schlagzeilen wie der vor drei Wochen: „Diese 5 Radlertypen nerven uns“. Außen illustriert mit plump gestelltem Foto, innen ergänzt von faktenfreier Attacke gegen „Dunkelraser“ und „Kopfhörer-Zombies“.

Dicke Lettern, dürre Substanz, dreiste Anbiederung an Klimawandelleugner und ähnliche Populisten rechts der FDP – so tickt eines der ältesten Boulevardblätter im Land heute. Es ist zum Heulen. Denn nur zur Erinnerung: das frühere Parteiorgan der SPD nach dem Verkauf an den G+J-Verlag 1986 auch weiterhin die wichtigste Stimme sozial benachteiligter, kulturell interessierter, tendenziell linksalternativer, aber nicht ideologisch festgelegter Bürger*innen der Hansestadt. Sicher, sie hatten früher noch taz und Szene, Oxmox und ein Magazin namens Die Woche für den progressiveren Blick aufs örtliche Geschehen. Aber die MoPo besaß eben nicht nur Haltung, sondern auch die passende Auflage, sie zu verbreiten.

Gut 450.000 Stück wurden Ende der Fünfziger verkauft, immerhin noch ein Drittel davon 40 Jahre später, als der Kulturmäzen Frank Otto sie von G+J übernahm. Und wann immer es seinerzeit zwischen Hafenstraße und Hamburger Kessel, FC St. Pauli und Roter Flora sozialpolitisch hoch her ging, nahm die Redaktion an der Bahrenfelder Griegstraße alle Seiten in den Blick, nicht nur die bürgerlich-konservative. Doch spätestens, seit Frank Niggemeier das regionale Flaggschiff journalistischer Vielfalt 2008 leitet, steht „Boulevard“ darin nicht mehr für „bunt“, sondern „blöde“, schlimmer noch: bis zur intellektuellen Selbstverleugnung populistisch.

Das zeigt sich nicht nur im Pkw-seligen Fahrradbashing einer Belegschaft, die jeden Schlagermove bedingungslos feiert. Mehr noch zeigte es sich, als Proteste gegen die Hamburger Flüchtlings- und Strukturpolitik vor fünf Jahren Schlagzeile für Schlagzeile kriminalisiert wurde, was beim G20-Gipfel im fachlich-ethischen Bankrott gipfelte, ausschließlich Gewalt gegen, nicht von Polizisten anzuprangern. Im Grunde ist die Nachricht also gar nicht mal so schlecht, dass der Kölner DuMont-Verlag das Hamburger Regenbogenblatt wohl an die Essener Funke-Mediengruppe verkauft, wo es zur Digitalmarke geschrumpft werden soll. Schließlich ist die Auflage ausgerechnet zum 70. Geburtstag 2019 unter 50.000 gesunken, schließlich werden die überregionalen Inhalte schon jetzt von einer Gemeinschaftsredaktion in Hannover geliefert, schließlich benötigt man auch für die lokalen keine fünf Minuten Lesezeit – so belanglos billig, so bildlastig brachial werden sie vorwiegend zubereitet.

Dennoch wäre es ein herber Schlag für die Presselandschaft, wenn eines der letzten redaktionell erstellten Blätter Hamburgs vom Kiosk verschwände. Noch immer berichten dort schließlich ausgebildete Journalistinnen und Journalisten, deren Output zwar oft kritikwürdig ist, verglichen mit dem clickorientierten Erregungscontent sozialer Medien allerdings hochseriös. Noch immer schafft es das Feuilleton, trotz Personalmangels, Eventisierung und Frank Niggemeier, die örtliche Subkultur mit Leidenschaft abzubilden. Noch immer berichten echte Menschen statt Bots und Influencern vom Mikrokosmos einer bewohnten Metropole. Und noch immer gehört sie aus Sicht von Kultursenator Carsten Brosda damit zu Hamburg „wie der Michel und die Elbe“. Einerseits.

Andererseits gibt es mit dem Abendblatt, das Springer vor sechs Jahren an Funke verscherbelt hat, bereits ein politisch konservatives Blatt in Hamburg, das zwar staubig wie Krümelkekse, aber qualitativ hochwertig den Standort feiert. Für die alternativere Lokalberichterstattung hält sich – wenn auch künftig nur noch im Netz – die kämpferische taz. Wer es offen rechtspopulistisch mag, greift ohnehin zur Bild. Und online steht die Mopo erstaunlicherweise seit Jahren in den Top-10 der meistgelesenen Presseseiten. Nüchtern betrachtet ist die Existenzberechtigung dieser selbstverzwergten Zeitung also umstritten. Doch mit etwas Empathie für Personal und Kundschaft möchte man ihr wünschen, nicht von Essen aus in den Orkus digitaler Sensationslust verklappt zu werden.

Wer weiß – sollte Frank Niggemeier abtreten, hätte vielleicht auch der ewige Kampagnenjournalismus ein Ende. Und mit ihm die ritualisierte Schlacht gegen Hamburgs Fahrradverkehr. In der nämlich hatte die Mopo bereits Anfang vorigen Jahres unterm Titel „Rambo-Radler“ mitsamt gestelltem Foto alle journalistischen Ideale verraten, mit denen sie einst relevant geworden war. Sollten solche Fake News die Regel bleiben, darf die Mopo gern sterben.

Der Text ist vorab bei Mitvergnügen-Hamburg erschienen

 

 



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