HMLTD, La Roux, Bambera

HMLTD

Nein, man soll neue Bands nicht dauernd mit alten vergleichen, womöglich gar wertend. Neue Bands sind neue Bands und alte sind alte, aber wenn eine neue sehenden Auges so vertraut klingt wie HMLTD, dann kommt man ohne ein paar Analogien kaum aus. Das Londoner Quintett um den Sänger Henry Spychalski klingt also leicht nach The Scientist auf einer Überdosis Human League oder besser noch: Joe Jackson im Folterkeller von Marilyn Manson. Darüber hinaus allerdings ist ihr Debütalbum West of Eden absolut einmalig.

Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass es angeblich über fünf Jahre daran getüftelt hat, bis der experimentelle Kunstrock in all seinem überfrachteten Facettenreichtum aufgebläht genug für die Platte der Woche war. Alles daran – vom stimmlichen Pathos über die griechisch-mythologischen Lyrics bis hin zur instrumentellen Vielfalt – wirkt wie absurdes Poptheater mit einem Hauch von Alternative Country und Psychobeat. Grandios aufgeplustert. Und beispiellos gut.

HMLTD – West of Eden (Luke Number Music)

La Roux

Ein bisschen aufgeplustert ist auch die rundum wunderbare Elly Jackson, seit sie gemeinsam mit dem Produzenten Ben Langmaid 2009 als La Roux aus dem Schatten kleiner Clubs ins Rampenlicht der Charts trat. Anfangs hatte ihr funkiger Synthiepop allerdigs noch eine Grundmelancholie, die zwar nie in Schwermut mündete, aber diesen Hauch getragener Eleganz enthielt, der schon dem selbstbetitelten Debütalbum Zeitlosigkeit verlieht. Drei Platten später nun haben sich die Achtzigerjahre endgültig aus ihrem Post-Wave verabschiedet. Man könnte das nun beklagen, man kann es aber auch einfach feiern.

So etwa, wie sich der Operner 21st Century mit einer nostalgischen Orgelpeitsche feiert, die den Doppelgesang der Britin ähnlich zerteilt wie ein paar slappige Gitarrensamples das Schlüsselstück International Woman of Leisure, in dem sie mit etwas mehr Wucht als Wut, aber angemessen trotzig die männlich geprägten Machtstrukturen des Entertainments zerlegt. Und so bleibt Supervision trotz aller Leichtigkeit im Sound das, was La Roux seit jeher liefern: Effektvoller Selbstbehauptungspop für eine Welt jenseits tradierter Geschlechterklischees.

La Roux – Supervision (Supercolour Records)

Bambara

Nicht ganz so genderneutral, aber dadurch kaum weniger eindrücklich sind Bambara aus New York, die seit ihrem Debütalbum vor sieben Jahren vom gesamten Feuillton jenseits mainstreamaffiner Bewertungskriterien konequent gefeiert werden. Ihr Postpunk ist aber auch echt maximal invasiv. Denn so wenig Struktur er auch auf der neuen Platte Stray offenbart, so tief dringt sein psychedelischer Noise ins Gemüt ein und irrt dort auf der Suche nach Halt ein bisschen wie die Swans mit weniger Bombast herum, ohne je fündig zu werden.

Und vielleicht zieht der Barition des schwarzgekleideten, schwarzbeseelten Sängers Reid Bateh den Trübsinn dabei weniger aus Avancen an den Avantgarderock der späten Siebziger, vielleicht findet er sie stattdessen auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs seiner Heimat Georgia, die vor fast 160 Jahren ähnlich verwüstet wurde wie es die polarisierte Kommunikation der USA heute wieder einzuleiten scheint. Vielleicht sind die dunkeldüsteren Klanggewittert aber auch nur Ausdruck dunkeldüsterer Stimmungsschwankungen, die zum Glück nicht im Suizid enden, sondern herausragendem Artrock.

Bambera – Stray (Cargo)



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