Jürgen von der Lippe: Smalltalker & Feierbiest

Ich bin xenologophil

Wenn Jürgen von der Lippe mit seiner WDR-Talkshow Nicht dein Ernst! sonntags über Alltägliches plaudert, kehrt der 71-Jährige nicht auf die Bühne zurück – er war nie fort davon. Ein Gespräch über Partymäuse, Altersmilde, Ehrenpreise und was er als Offizier für die Bühne gelernt hat.

Von Jan Freitag

Herr von der Lippe, wenn Sie nicht zufällig der Gastgeber ihrer Auftaktsendung zum Thema Party wären – würden Sie sich selber als Gast einladen?

Jürgen von der Lippe: Klar. Ich würde mich zwar nicht mehr als Partymaus bezeichnen, hatte wie die meisten  aber solche Phasen.  Und das gilt ja scheinbar auch für Frank Plasberg, der hat da einiges zu erzählen.

Wobei einem sein Name nicht zwingend als erstes einfallen würde, wenn man sich in einer Talkshow übers Feiern unterhalten möchte.

Mag sein, aber wir mussten auch nichts aus ihm rauskitzeln. Meine Einstiegsfrage an ihn als Moderator verschiedenster Fernsehformate, der zudem in mehreren Filmen mitgespielt hat und laut Wikipedia bisher mit acht Preisen ausgezeichnet wurde, lautete: welches Völkchen feiert die besten Partys?

Oh, ist mir gar nicht aufgefallen.

Weil es dem Schnitt zum Opfer gefallen ist. Aufzeichnungen dauern ja stets viel länger als die geplante Sendung. Dennoch zeigt sich, dass jeder zu fast allem was zu sagen hat. Das muss gar nicht so naheliegend sein wie bei Elena Uhlig, wo beide zusammen auf sieben Kinder kommen und die man dann natürlich zu dem Thema einlädt. Wobei das Interessante an Nicht dein Ernst! ist, dass sowohl Sabine und ich als auch der jeweilige Gast manchmal persönliche Erfahrungen offenbaren, die man noch nie gehört hat.

In diesem Fall Dinge von großer Leichtigkeit. Ist das alltägliche Plaudern auch ein Statement gegen die Härte politischer Talkshows?

Ich persönlich empfinde das in der Tat als angenehm. Wobei Themen wie Geld oder Partnerschaft alltäglich, aber keinesfalls belanglos sind. Es geht meist um Probleme, die die meisten von uns betreffen, manchmal auch um heikle.  Das unterscheidet sich aber wohltuend von der allgemeinen Hysterie um uns herum. Ich zitiere da gern Max Goldt: wenn die Kritik an den Zuständen nerviger wird als die Zustände, muss man aufpassen, also Ruhe bewahren.

Für Ruhe sind Sie selbst ein gutes Beispiel. Können Sie eigentlich auch richtig laut sein?

Kann ich schon, bringt aber nichts. Und das ist einer der wenigen Vorteile des Alters, die Altersmilde, die, wie ich in meinem aktuellen Bühnenprogramm erkläre, ein hormonelles Geschehen ist: das Kämpferbenzin, das Testosteron wird weniger, das Östrogen mehr, leider nur bei Männern, bei Frauen ist es umgekehrt. Vom Rumbrüllen hatte ich schließlich schon bei der Bundeswehr genug.

Weil Sie dort so angeschnauzt wurden?

Zunächst ja. Aber meine einzig abgeschlossene Berufsausbildung ist die zum Offizier; da habe ich auch gelernt, andere anzuschnauzen. Hierarchie ist natürlich in einer solchen Organisationsform notwendig, aber als junger Leutnant und stellvertretender Kompaniechef lässt man dann schon mal die Sau raus, einfach weil man es kann und das ist Scheiße.

War es andererseits eine gute Übung für die Bühne, Menschen nach der eigenen Pfeife tanzen zu lassen?

Das nicht, aber ich habe es nur meinem schauspielerischen Talent zu verdanken, dass ich die ganzen Lehrgänge überhaupt bestanden habe. Schließlich war ich nicht beim Bund, weil ich so ein begeisterter Militarist bin, aber Wehrdienstverweigerung kam für mich nicht in Frage, weil ich den pazifistischen Standpunkt nicht sinnvoll finde: Es hat noch nie einen Aggressor abgehalten, dass jemand sich nicht verteidigen kann, warum sollte ihn  also die Tatsache abhalten, dass jemand sich nicht verteidigen will.

Außerdem?

Hatte ich keine Lust, meine Eltern vor Gericht zu schleppen, um feststellen zu lassen, wie viel Bafög ich kriege. Deshalb war die recht hohe Abfindung, die man als Zeitsoldat bekam, natürlich ein Anreiz, zumal man mir in Aussicht stellte, beim PSK-Sendebataillon in Andernach eine Journalistenausbildung zu bekommen, was aber, wie sich später herausstellte, eine Fehlinformation war. Also habe ich die drei Jahre abgeleistet, war aber wirklich keine Traumbesetzung. Egal, lange her.

So wie Ihr Start ins Unterhaltungsgeschäft. Wenn man wie Sie bereits mit Ende 50 die ersten Preise fürs Lebenswerk erhält fühlt man sich da geehrt oder doch bloß alt?

Eher alt! Und es klang für mich wie eine Aufforderung, nun aber bitte endlich aufzuhören. Ich hatte also den Produzenten ersucht, es bei „Ehrenpreis“ zu belassen und das Wort „Lebenswerk“  zu vermeiden. Das hatte man mir auch versprochen, es aber Dieter Nuhr, der die Laudatio hielt, nicht  gesagt. Also war ich sauer und habe Dieter angemeckert, der daraufhin, völlig zu Recht, auch sauer wurde. Meine Empfindlichkeit hat sich aber gelegt, als ich im Jahr drauf den zweiten Grimme-Preis erhielt und Hape Kerkeling, der ja noch jünger ist, zugleich den für sein Lebenswerk und bei der Dankesrede meinte, super, da kann ich ab jetzt ja Scheiße bauen. Diese Haltung habe ich mir zueigen gemacht.

Fühlen Sie sich demnach befreit, seit Ihr Alter jederzeit den Ruhestand erlaubt?

Nö. Ich fiebere keinem Pensionsdatum entgegen, sondern mache weiter, so lange mein Körper, das Gehirn und die Zuschauer mitspielen. Schließlich habe ich den für mich schönsten Beruf der Welt gewählt, was ich als großes Privileg empfinde.

Haben Sie sich auch deshalb so lange gehalten, weil das Publikum glaubt, es hätte nicht Jürgen von der Lippe, sondern den echten Hans-Jürgen Huber-Dohrenkamp vor sich?

Keine Ahnung, de facto schlüpfe ich aber ständig in andere Rollen, bin mal Autor, Komiker, Leser, Schauspieler, Moderator. Gerade erst habe ich auf Einladung der Uni Düsseldorf im Audimax einen Vortrag über den Einfluss der alten Sprachen auf meine Comedy gehalten. Hat Riesenspaß gemacht.

Sie sind aber kein Philologe?

Kein studierter. Aber in der Schule hatte ich sieben Jahre Griechisch und neun Jahre Latein. Seitdem bin ich xenologophil, habe also eine Schwäche für Fremdwörter.

Was zeichnet Sie noch aus?

Dass ich privat  lieber zuhöre als rede. Nur wer ständig mit ausgefahrenen Antennen durchs Leben geht, kriegt genug Stoff für die Bühne. Überall gibt es Comedy-Material, im Cafe, im Zugabteil, beim Sport, beim Einkaufen, im Hotel und und und.

Ihr Hawaii-Hemd ist also auch eher Maskerade als Kleidungsstil?

Reines Bühnenoutfit –  ich muss nicht auch noch privat so auf mich aufmerksam machen.



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