Guido Merz & Thea Dorn

Die Gebrauchtwoche

24. Februar – 1. März

Die Bundespressekonferenz ist selten ein Ort aufrichtiger, geschweige denn ehrlicher Aussagen. Vor den Augen mehr oder minder aufmerksamer Journalist(inn)en wechselt sich PR-Geschwurbel mit Polit-Sprech ab, bis alle kollektiv eingenickt sind. So geht es Mittag für Mittag, Jahr für Jahr. Von daher muss man dem neoliberalen Rechtsaußen Friedrich Merz fast danken, dass er die rechtsextremen Morde von Halle bis Hanau dort am Dienstag, nein, nicht mit Rassismus oder Antisemitismus, sondern Clans und Grenzkontrollen erklärt hat.

Damit befindet sich der Ehevergewaltigungsverteidiger – der für den frisch verurteilten Harvey Weinstein vermutlich wärmstes Verständnis aufbringt – in guter Gesellschaft von Guido Cantz. Als der am vorigen Montag den Kölner Karneval im WDR moderierte, war er schließlich schwer irritiert, dass dort nur die rechtsextremen Morde von Halle bis Hanau persifliert wurden. Schlimmer seien schließlich die linksextremen in, äh, wann und wo waren die alle noch mal gleich seit dem Mauerfall? Egal. Einer wie Cantz will es sich halt nicht mit dem erzkonservativen Publikum seiner Humptataa-Witze verscherzen.

Da bleibt kein Auge trocken.

Was übrigens ebenfalls für die zwei Hauptdarstellerinnen der Wochen des Männerwahnsinns gilt, auch wenn sie augenscheinlich nichts gemeinsam haben: Miss Clinton und Mutter Beimer. Erstere eroberte mit Tränen der Rührung die Berlinale, als sie mit großem Aplomb die Filmbiografie Hilary zur One-Woman-Show machte. Um letztere werden derzeit dagegen Tränen der Trauer vergossen, weil einerseits nicht klar ist, ob sie einen Hausbrand in der Lindenstraße überlebt, die andererseits unwiderruflich todgeweiht ist. Bleiben wir beim weiblichen, also immer noch strukturell benachteiligten, aber zügig aufstrebenden Teil der Medienlandschaft.

Die Frischwoche

2. – 8. März

Am Freitag beerbt die raumgreifende Großintellektuelle Thea Dorn die etwas weniger raumgreifenden Christine Westermann und Volker Weidermann im Literarischen Quartett (23 Uhr, ZDF). Morgen skizziere Antje Christ und Dorothe Dörholt um 20.15 Uhr in der Arte-Doku Bloß keine Tochter, wie sich Asiens frauenfeindliche Mehrheitsgesellschaft einen absolut toxischen Männerüberschuss schafft. Und heute schon wird Noomie Rapace in der düsteren Zukunftsvision Was geschah am Montag? (22.15 Uhr, ZDF) versiebenfacht, wenn sie und ihre sechs Zwillingsschwestern gegen die restriktive Geburtenkontrolle einer autokratischen Neo-EU von übermorgen rebelliert.

Trotz Topbesetzung (Willem Defoe, Glenn Close) ist das allerdings doch recht krude Effekthascherei und damit dramaturgisch nicht allzu weit entfernt von der deutschen SyFy-Serie Spides. Acht Teile lang ist der englischsprachige Mix aus Alien-Invasion und Drogen-Drama zwar durchaus hochwertig inszeniert; trotz bemerkenswerter Besetzung verliert es sich allerdings dauernd in oberflächlichen Berlin- und Cop-Klischees. Spannend ist das ab heute auf Sky aber schon irgendwie, wenn der GoT-Star Rosabell Laurenti Sellers in einer Doppelrolle gegen insektenartige Invasoren from outta space kämpft.

Noch ein frauenlastiges Format im männerlastigen Fernsehzirkus. Weshalb wir jetzt doch mal kurz einem richtig echten Kerl die Ehre erweisen: Jenke von Wilmsdorff. Im Jenke-Experiment stellt der einsatzfreudige Grenzgänger von RTL heute Abend die Frage Wie viel Fleisch muss sein? Und auch, besser: gerade, weil die Konfrontationsreportage volle 90 Minuten lang vorwiegend aufdringlich produziert wurde, erreicht sie damit mehr Wechselesser als jedes ZEIT-Dossier. Noch etwas Testosteron gefällig?

Die erste Wiederholung der Woche lizenztötet sich Donnerstag bei Vox in Ein Quantum Trost vom neuen 007 (Daniel Craig) anno 2008 zum ersten (Sean Connery), der 46 Jahre zuvor Dr. No jagte. Mann kann das gut fünf Stunden lang als Quervergleich männlicher Herrschaftsriten angucken. Frau kann es aber auch lassen und heute um 20.15 Uhr auf Arte Simone Signoret und Véra Clouzot dabei beobachten, wie Die Teuflischen 1954 ihren Ehemann und Geliebten mit mystischen Folgen um die Ecke gebracht haben. Und mangels Alternativen bietet sich als Tatort-Tipp Der treue Roy (Dienstag, 22 Uhr, NDR) mit Tschirner/Ulmen von 2016 an.



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