Dietmar Hopp: Männermacht & Sexismus

Schwule, Fotzen, Dietmar Hopp

In der Empörung über die vermeintliche Diskriminierung des mächtigen Milliardärs Dietmar Hopp zeigt sich die Verlogenheit des Toleranzgeschwafels von DFB und Medien. Ergebnis: Beleidigungen sind nicht so schlimm, solange sie Farbige, Frauen, Homosexuelle betreffen, keine reichen weißen Männer.

Von Jan Freitag

Eine Schweigeminute, das fehlt jetzt eigentlich noch. Einen Moment kollektiven Innehaltens für Dietmar Hopp. Dietmar Hopp, den Geschmähten, Dietmar Hopp, die Hassfigur, Dietmar Hopp, das Diffamierungsopfer. Es steht außer Frage, wie verabscheuungswürdig es ist, Menschen gleich welcher Herkunft, Denkweise, Lebensart ins Fadenkreuz zu stellen, also zum Abschuss freizugeben. Konsens besteht wohl auch darüber, dass der Verrohung öffentlicher Diskurse – ob im Messenger oder Stadion – gemeinsam entgegengewirkt werden muss. Beleidigungen, wie sie der Erfinder des Bundesligisten TSG Hoffenheim erfährt, sind nicht nur stupide, sie sind auch populistisch, ignorant und äußerst riskant.

Aber diskriminierend?

Diesen Eindruck haben Berichte von der Sportschau übers sportstudio bis zu den Tagesthemen erweckt, als sie am Wochenende übers Spiel des FC Bayern in Sinsheim berichtet haben, das wegen unflätiger Transparente der Auswärtsfans kurz vorm Abbruch stand. Dietmar Hopp, nur zur Erinnerung, ist einer der mächtigsten Männer Deutschlands. Sein Computerkonzern SAP hat ihn zum Milliardär gemacht, der es sich leisten kann, einen Amateurclub mit Abermillionen aus der Portokasse in die Champions League zu kaufen. Dank seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seinem Status kann er also durchaus beleidigt werden kann, diskriminiert hingegen nicht. Denn dafür bedarf es die Zugehörigkeit zu einer sozial geächteten, mithin existenzgefährdeten Gruppe. Schön wär’s, wenn damit mal die Kaste der Superreichen gemeint wäre…

Die Empörung über geschmacklose Kritik, der er sich zuletzt in den Kurven selbsternannter Lordsiegelbewahrer sportlicher Traditionen von Dortmund über Köln bis Berlin ausgesetzt sah, mag demnach aufrichtig sein; angemessen ist sie nicht. Und dafür muss man noch nicht mal der Frage nachgehen, warum es eigentlich despektierlich sein soll, ein „Hurensohn“, also das Kind einer Prostituierten zu sein; entscheidender ist die Frage nach Maß und Mitte der journalistischen, also gesellschaftlichen Haltung.

Denn während rassistische Anfeindungen nach jahrzehntelanger Duldung sehr, sehr langsam verurteilt werden, regt sich über sexistische oder homophobe Schmähungen noch immer kein bürgerliches Gewissen. Wer sich die DFB-Seite nach verhängten Strafen wegen Fehlverhaltens des Publikums ansieht, findet unter Stichworten wie Rauchbombe oder Pyrotechnik zwar Hunderte von Urteilen; sobald es Beleidigungen wegen Geschlecht, Sexualität oder Herkunft geht, purzelt die Zahl in den niedrigen einstelligen Bereich.

Als Dresdner Fans weibliche des FC St. Pauli unlängst per Transparent als „Fotzen“ bezeichnete, blieb es bis auf eine Anfangsermittlung folgenlos. Auch ein Banner im Stuttgarter Block mit der Aufschrift „Geizige Schwaben ficken eure Mütter zu fairen Preisen!“ ließ den Schiedsrichter an gleicher Stelle Anfang Februar offenbar so kalt wie den DFB. In derselben Sportschau jedenfalls, die sich nun zu Recht über die Herabwürdigung von Dietmar Hopp echauffierte, fanden solch misogynen Auswüchse zu Unrecht keine Erwähnung.

Dass sich der DFB-Präsident wegen homophober Sprechchöre, die unverdrossen durch deutsche Arenen gebrüllt werden, ins aktuelle sportstudio einfliegen lässt, scheint da vorerst undenkbar. Wer seine undifferenzierten Worte dort hörte, muss darüber indes wohl ganz froh sein. Die Feststellung jedenfalls, wer Hopp diffamiere, sei kein Fußballfan, geht ähnlich am Kern der Sache vorbei wie die Bemerkung, Hopp habe für sein Vermögen schwer gearbeitet. Dass er überdies sozial eingestellt und überhaupt „ein feiner Kerl“, hat schlichtweg nichts mit dem Fall zu tun.

In dem nämlich protestieren Ultras diverser Couleur gegen ein DFB-Urteil, das Borussia Dortmund entgegen anderslautender Bekundungen eine Kollektivstrafe für Attacken auf Dietmar Hopp verpasste. Das vielfach geäußerte „Hurensohn“ plus Fadenkreuz wiederholte dabei bewusst den Tatbestand von damals. Einerseits. Andererseits steht die Kritik an seiner Person stellvertretend für eine Kommerzialisierung, die es Menschen wie ihm erlaubt, unterklassige Clubs mit der Kraft willkürlich gestreuter Millionen erstklassig zu pampern und damit den Wettbewerb zu verzerren.

Kein Wunder, dass es im Leipziger Stadion am Sonntag keinerlei Proteste gegen den Gönner gab. Wunderlich ist es hingegen, dass im ARD-Beitrag von der Partie gelobt wurde, wie vorbildlich tolerant sich das Heimpublikum verhalten habe. Das ignoriert die Tatsache, dass RB Leipzig selbst ein Retortenclub von Milliardärs Gnaden ist. Auch hier stellt sich also die Frage, warum Journalist*inn*en aller Medien ihrer Sorgfaltspflicht so wenig nachgekommen.

Genauer: warum Katrin Müller-Hohenstein im sportstudio beim DFB-Präsidenten mit keiner Silbe auf Ursache und Wirkung hingewiesen, warum Alexander Bommes in der Sportschau weder von Kollektivstrafen noch Kommerzialisierung berichtet, warum ein Sport1-Reporter tags drauf bei der Zusammenfassung des Zweitligaspiels Bochum gegen Sandhausen allen Ernstes ein Transparent im Heimblock verurteilt, ohne – wie er offen zugab – den Text darauf zu kennen, warum – in einem Satz – professionelle Berichterstatter derart ihr Handwerk verachten?

Dahinter, so scheint es, steckt eine Agenda, die sportlichen Erfolg ungeachtet aller sozialen, kulturellen, humanistischen Belange so überhöht, dass sämtlich Medien nur noch vom tollen Fußball sprechen, wenn RB Leipzig (aber auch der zusehends machiavellistisch herrschende FC Bayern) spielt, statt zu thematisieren, wie brutal dieser Erfolg zu Lasten sportlich gewachsener Vereine durchgeprügelt wurde. Diese Agenda muss nicht ausgehandelt werden, sie ist selbsterhaltend, ein Perpetuum Mobile der Marktwirtschaft. Sinnbildlich dafür steht die Gesprächsendung Sky90, in der Patrick Wasserziehr am Sonntag mit drei Männern und einer Frau diskutierte, die meist nur dekorativ nickte – bis sie den Fall Hopp unwidersprochen in den Kontext von Halle und Hanau stellte.

Doch anstatt ihr in die populistische Parade zu fahren, überbot sie der Moderator noch an geistiger Schlichtheit, indem er von Nazis-raus-Rufen faselte, die es bei gleicher Gelegenheit in Münster gegeben habe. Immerhin konnte ihm der besonnene Gladbacher Max Eberl darauf hinweisen, dies sei in der 3. Liga geschehen. Nach einem rassistischen Vorfall. Egal, mag sich der Journalist da gedacht haben: Schwule, Ausländer, Weibsvolk, Dietmar Hopp – werden doch alle gleichermaßen diskriminiert…



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