Hetzkampagnen & Unterleuten

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. März

Worte und Bilder machen Geschichte und Geschichten. Eine Binsenweisheit, gewiss. Aber in den vergangenen zehn Tagen eine höchst sehr. Während einige Tausend verängstigte Syrerinnen und Syrer vor den Toren der EU bei politisch Voreingenommenen populistische Schnappatmung auslösten, titelte etwa die FAZ vom „Supersturm“ wie 2015, während die Fotos von Bild über Welt bis Abendblatt insinuierten, es kämen keine Kriegsgeflüchteten, sondern Alice Weidels Messermänner.

Bilder und Worte des surrealsten Nebenkatastrophenschauplatzes der Woche erweckten dagegen den Anschein, das einzig wahre, echt bemitleidenswerte Diskriminierungsopfer sei derzeit ein sehr mächtiger, ziemlich weißer, ganz schön alter Milliardär aus Hoffenheim, den marodierende Horden von Linksfaschisten ins Fadenkreuz einer Hetzkampagne stellen. Wäre es der leistungsaffine DFB gewesen, der das Koordinatensystem des Sag- und Zeigbaren so vehement zugunsten der Täter verschiebt, man hätte es kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen. Unterstützt wurde er allerdings von denen, die es besser wissen.

Meist männliche Journalisten jeder Couleur haben die Beschimpfungen von Dietmar Hopp nämlich nicht nur aus dem Kontext des Ultra-Protestes gegen Kollektivstrafen gerissen; in Ermangelung jeder Art von Berufsethos landete ihre Betroffenheitsberichterstattung von Sportschau bis Tagesthemen auch in Echtzeit auf dem Niveau saftiger Regenbogenmagazine. Jene Zeitschriften also, die ihre Promi-Märchen offenbar ähnlich konstruieren, wie es auch Joko & Klaas tun. Nach Recherchen der Panorama-Abteilung STRG_F haben sie vorgeblich reale Protagonisten mehrerer Sendungen mit Laiendarstellern besetzt.

Würden RTLzwei oder der Bauer-Verlag ihr Publikum so verachten, es wäre keiner Rede wert. Hier allerdings sind es zwei honorige Haltungskomiker, denen Wahrhaftigkeit angeblich weniger wichtig ist als Wirkung. Damit begeben sie sich aufs sehr dünne Eis eines Florian Silbereisen, der ausnahmsweise mal die Frischwoche einleitet. In einem Anflug von Empathie hat der Showpragmatiker schließlich eine Liebesschlagersause am Samstag im Ersten abgesagt. Der Grund, klar: Corona.

Die Frischwoche

9. – 15. März

Wäre es nicht so lächerlich, man müsste laut lachen. Das aber bleibt dann doch eher den Zuschauern von Andere Eltern vorbehalten, deren Fortsetzung den Wahnsinn echter Helikopter-Eltern ab Dienstag auf TNT wieder großartig persifliert. Abgesehen von der 2. Staffel Masked Singer ab morgen auf Pro7, ist der breite Rest empfehlenswerter Formate hingegen relativ spaßbefreit. Allen voran Unterleuten. Nach Juli Zehs gleichnamigem Bestseller wird das fiktive Brandenburger Dorf Montag, Mittwoch, Donnerstag um 20.15 Uhr zum Schauplatz einer Geschichte, die sprachlos macht.

Denn am Beispiel eines Windparks, der alte und neue Wunden öffnet, symbolisieren gleich 17 tragende Sprechrollen die Gräben unserer Gesellschaft – und das ist trotz einiger Längen und Klischees einfach herausragend. Was auch für den ARD-Mittwochsfilm Südpol gilt, in dem der ausdrucksstark stille Jürgen Maurer einen Wiener Desperado spielt, der sein miserables Leben mit einer Entführung aufbessern will, ohne zu wissen, wohin die Reise dabei geht.

Die Krimi-Reihe The Bay ist dagegen am Freitag ab 22 Uhr auf Neo eigentlich eher konventionell geraten. Doch weil britisches Fernsehen die Fähigkeit besitzt, Atmosphäre selten mit Alarmismus zu verwechseln und Sound mit Getöse, gerät die Suche einer involvierten Ermittlerin nach zwei Geschwistern sechs Teile am Stück ohne Effekthascherei authentisch. Das hätte man am Sonntag auch der Pro7-Eigenproduktion 9 Tage wach gewünscht, und ehrlich – das Soap-Gewächs Jannik Schürmann gibt sich auch ersichtlich Mühe, den Meth-Head im Suchtexzess glaubhaft zu verkörpern. Trotzdem bleibt da dieses privatfernsehtypische Hyperventilieren, das manchmal nur noch erschöpft.

Dabei kann Hyperventilation brillant sein wie in Tarantinos Wiederholung der Woche. Sein westlicher Eastern Kill Bill konnte 2003 noch so viele Gliedmaßen durch die Gegend splattern – es blieb auch inhaltlich konsistent. Ganz ohne Kunstblut eindrücklich war Alain Delons schwankender Profikiller im Film Noir Der eiskalte Engel (Montag, 20.15 Uhr, Arte) von 1967 – schon, weil in den ersten elf Minuten kein Wort gewechselt wird. Der Tatort ist dann aber doch wieder redselig: Der Traum von der Au (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) ein bayerischer Gentrifikationskrimi von 2007.



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