Pigs, Everything is Recorded, Peel Dream Mag

Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs

Wer in der Wohnung hockt, eingezwängt zwischen Corona, Klimakrise, beginnender Depression, möchte gewiss gern mal lauthals die Welt anschnauzen, so richtig nach Leibeskräften, übellaunig, vulgär und den Villenbesitzern und Klopapierhortern, Trumps und Orbans, den Adidas-CEOs und Fußballmillionären siebenmal zubrüllen, was für Schweine, Schweine, Schweine, Schweine, Schweine, Schweine, Schweine sie sind, auf Englisch: Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs. Der Name dieser britischen Hardocore-Band könnte zeitgenössischer kaum sein, vom Sound ganz zu schweigen.

Viscerals heißt ihr drittes Album, und wie die zwei ersten kommt es tief aus den Eingeweiden, wie sich ihr Titel ebenso übersetzen lässt wie mit “instinktiv” und “bauchgesteuert”. In ihrer Mischung aus Stoner, Punk und dronigem Doom verdunkeln sie ihren Gitarrenrock mit einem verwaschenen Metal, der manchmal an Kampfgeschrei, manchmal an Trauermärsche erinnert, aber immer schön angepisst und unversöhnlich klingt. Das macht PIGSx7 zur Band der pandemischen Kontaktlosigkeit. Wenn schon niemand mit mir mosht, moshe ich allein gegen die Wand.

Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs – Viscerals (Cargo)

Everything is Recorded

Weil brachiale Methoden manchmal aber auch brachiale Folgen nach sich ziehen, ist ein bisschen Harmonie im dystopischen Kopfsalat vielleicht auch nicht das schlechteste Krisendressing. Zumindest wenn sie wie beim britischen Indie-Label XL-Recordings nicht mit Belcanto gezuckert ist, sondern einer teils brillanten Mischung aus Eingang und Irrsinn, M.I.A. oder Prodigy. Mit ihr hat XLR-Chef Richard Russell voriges Jahr ein Studioprojekt initiiert, das von Kamasi Washington über Damon Albarn bis Syd und Giggs ein furioses Ensemble zusammenbrachte. Nun kommt der Nachfolger. Und auch oder wegen der geringern Prominenz ist er sogar noch besser.

Auf Friday Forever finden nämlich Stile zueinander, die zeitgleich auseinander driften und distanziert für Nähe sorgen. An der Seite von Stars wie Ghostface Killah oder Penny Rimbaud zelebrieren sie einen zerkratzt wütenden HipHop, der seinen Soul nicht aus dem Sahnetopf des R’n’B bezieht, sondern dem Bedürfnis alle Grenzen zu perforieren. Alternative Raps wie Walk Alone oder I Don’t Want This Feeling To Stop beziehen ihre angenehm aggressive Verspieltheit dabei jedoch nicht aus dem Bedürfnis, auf Teufel komm heraus zu mashen, sondern der Fähigkeit, dieses Verkleistern wie zufällig und doch versiert klingen zu lassen.

Everything is Recorded – Friday Forever (XL-Recordings)

Peel Dream Magazine

Es ist natürlich völlig verfrüht und schon logistisch unmöglich jetzt schon Durchhalteparolen auf Platte zu produzieren, aber das neue Album vom Peel Dream Magazine aus New York bringt die Stressresilienz dieser Stadt im Ausnahmezustand auch dann ganz gut auf den Punkt, wenn sie lange vorm Covid19-Ausbruch im Kasten war. Als wären Yo La Tengo und The Velvet Underground dem Friedhof der Popkultur entstiegen, um mit We Are Scientists und My Bloody Valentine auf dem Grabstein zu musizieren, zeugt Agitprop Alterna unablässlich von dieser unzerbrechlichen Kreativität einer unbeugsamen Stadt.

Watteweich mäandert der zerkratzte Dreampop von Joe Stevens und seiner Gastmusiker*innen durch den modernisierten Sixtiessound und macht ihn gleichsam gefällig und herbe. Fuzziger Gitarrenbrei vom Opener Pill mischt sich da fröhlich mit Psychowaveorgeln von Emotional Dvotion Kreator im Anschluss, während überall ein Easy Listening durch den gemischtgeschlechtlichen Gesang wabert, der niemals mühsam von Misstönen aus Keyboards und Saiten zersägt wird. Im Gegensatz zu den ersten zwei Plattentipps, kann man diesen hier also einfach so in sich reinlaufen lassen – und die Einsamkeit daheim ganz entspannt genießen.

Peel Dream Magazine – Agitprop Alterna (Cargo)



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