Menschenleere & Echtzeitserien

Die Gebrauchtwoche

30. März – 5. April

Okay, wir haben’s jetzt verstanden: auch A- bis C-Promis haben Wohnzimmer, in denen es Möbel, Wände, Bilder, Grünpflanzen gibt, also Einrichtungselemente, die nun als TV-Kulisse reichen müssen. Seit zwei Wochen schon begrüßen Max Giesinger, Max Giesinger, Max Giesinger und ein paar andere PR-Berater in eigener Sache das Publikum aus ihrer Privatsphäre, um in Zeiten der Kontaktsperre Studioatmosphäre zu simulieren. Was anfangs den Umständen geschuldet noch irgendwie kreativ wirkte, ist allerdings rasend schnell zur ritualisierten Kommunikationsstörung verkommen.

Die Jubiläumssendung zum 40. Geburtstag von Verstehen Sie Spaß? etwa, mit der Guido Cantz am Samstag abermals unter Beweis stellte, sich selbst weitaus mehr zu lieben als seinen Beruf, zeigte mit jeder Videoschalte mehr, wie schal der zweidimensionale Ersatz für dreidimensionale Anwesenheit ist. Und weil das langsam alle begreifen, macht das Fernsehen nun Phase 3 der coronabedingten Transformation durch. Auf die erste der Nachrichtendruckbetankung Anfang März folgte schließlich auf halber Strecke die heitere Smartphone-Heimberichterstattung, bevor nun langsam die Phase des Eskapismus anbricht.

Die Leute haben halt die Schnauze voll von Informationen über die Dramatik der globalen Pandemie und wünschen sich andere Bilder als jene, menschenleerer Städte und sterbender Patienten. Gleichwohl ist auch da Einfallsreichtum gefragt. Nachdem Sender vom Ersten bis Sport1 die fußballfreie Zeit mit „Re-Live“ genannten Spielen früherer Tage überbrücken, hat Sky das Wiederholungsprinzip am Wochenende perfektioniert und den abgesagten Bundesligaspieltag in einer HisTOOOrischen Konferenz durch Highlights exakt jener Partien ersetzt, die eigentlich angesetzt waren. Und während sämtliche Tatort-Dreharbeiten seit Freitag brachliegen, hat Neo eine Online-Serie gestartet, die quasi in Echtzeit entstanden ist.

Die Frischwoche

6. – 12. April

Seit Freitag kann man Lavinia Wilson nun werktags in der Mediathek dabei zusehen, wie sie als Werberin Charlotte ihr Hipster-Leben umkrempeln will, durch die Pandemie aber Drinnen festsitzt, so der Titel. Das ist trotz (oder wegen) der räumlich getrennten Herstellung aller Beteiligten von Showrunner Philipp Käßbohrer wirklich charmant und belegt das Improvisationsvermögen der Branche. Noch klassisch entstanden ist dagegen das Serienjuwel Merz gegen Merz mit Annette Frier und Christoph Maria Herbst, die ab Donnerstag um 22.15 Uhr acht Folgen lang ihren Ehekrieg fortsetzen.

Zwischendurch erinnert uns Arte im Themenabend Afghanistan – Das verwundete Land (Dienstag, 20.15 Uhr) vier Teile am Stück daran, dass die Welt nicht nur von Viren infiziert ist, während sich das ZDF in Streitfall Rassismus zeitgleich mit versteckter Kamera auf die Suche nach deutscher Alltagsxenophobie begibt – deren radikalsten Auswüchse jahrelang von den Behörden so vernachlässigt wurden, dass Die Story im Ersten: Der schwache Staat am Montag um 22.45 Uhr viel Erschütterndes zu berichten hat.

Dabei zeigt der ARD-Zweiteiler Der Überläufer eindrücklich, wohin es führt, wenn Rechtsradikalismus unterschätzt wird. Mit Jannis Niewöhner als Fahnenflüchtiger wird der Schrecken des 2. Weltkriegs Mittwoch und Freitag manchmal zwar leicht überdreht, insgesamt aber recht eindrücklich nachgespielt. Und weil man dieser Tage ja nicht umhinkommt, Streamingportale zu empfehlen, noch drei Angebote aus dem Netz: Detlev Buck hat aus Bibi & Tina – so heißt es bei Amazon – eine „Live-Action-Serie“ gemacht“, am Donnerstag startet Netflix die zweite Staffel der Anime-Serie Hi School Girl. Und für Fans auf Entzug sei hier noch The English Game empfohlen, mit der Downton Abbey-Macher Julian Fellows an gleicher Stelle die Ursprünge des Fußballs im 19. Jahrhundert nachspielt.

Klingt wie das Traumschiff, auf dem Florian Silbereisen Sonntag der Wirklichkeit in Richtung Marokko entflieht, nicht zu Unrecht nach Wiederholungen der Woche. Von denen gibt es an Osterwochenenden zwar allein schon Hunderte vor biblischer Tapete, aber ulkig ist in jedem Fall tags zuvor (20.15 Uhr, K1) Der Schatz im Silbersee, 1963 erster diverser Winnetou-Filme, während E.T. (Samstag, 22.25 Uhr, Neo) 1982 der erste richtig erfolgreiche diverser Megablockbuster von Steven Spielberg war. Und Brennpunkt Brooklyn kann man sich Donnerstag (22 Uhr, SWR) schon deshalb noch einmal ansehen, weil Gene Hackmann darin 1971 quasi die Blaupause aller Drogenmafiaserienermittler von heute war.



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