Daniel Harrich: Gerechtigkeit & Todesmeister

Steter Tropfen höhlt den Stein

Mit Realdramen wie Der dunkle Fleck übers Oktoberfestattentat hat der Münchner Filmemacher Daniel Harrich (Foto: SWR) sogar Justiz und Politik beeinflusst. Auch Teil 2 von Meister des Todes (20.15 Uhr, ARD) mit anschließender Doku dürfte die öffentliche Aufmerksamkeit für menschenverachtende Waffenhändler wie Heckler & Koch erneut beeinflussen. Ein Gespräch über Wirklichkeitsfiktion, Korpsgeist, Gerechtigkeitsempfinden und ob er Freunde für Verkehrsverstöße anzeigen würde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Harrich, haben Sie bei all den deprimierenden Dokus und Dramen, die Sie machen, nicht manchmal das Bedürfnis nach einem Happyend?

Daniel Harrich: In unseren Filmen geht es ja in der Tat selten gut aus. Witzigerweise führen wir die Diskussion ständig, ob das Ende diesmal nicht versöhnlicher sein könnte. Aber mei – wenn die Realität nun mal nicht fröhlich ist, würden wir sie andernfalls verraten. Wobei auch hier die anschließende Dokumentation verglichen mit der Fiktion noch verrückter ist.

Sie sind fiktional also doch um positive Signale bemüht?

Nennen wir es mal inszenatorische Kompromisse; mehr bringen wir nicht übers Herz. Wobei ich meiner Mutter irgendwann wohl doch mal den Gefallen tun sollte, eine Komödie zu drehen. Was würde die sich freuen! Unsere Filme sind eben nicht nur Unterhaltung, sondern calls to action.

Bringen die Rufe zur Tat messbare Ergebnisse oder wirbeln sie nur kurz Staub auf, bevor sie in den Mühlen der Bürokratie versanden?

Ersteres, unbedingt. Es gab infolge unserer Filme mehrfach Gerichtsverfahren – im Übrigen ja auch gegen meine Person. Deshalb ist Meister des Todes 2 auch ein Justizdrama, um zu erkunden, ob das Kriegswaffenkontrollgesetz nicht klinisch tot ist. Ohne dem Ende vorgreifen zu wollen, bedingt es nichts schönzureden, sondern brutal ehrlich zu sein.

Wie ist es mit Ihnen als Konsument – brauchen Sie nicht auch manchmal ein wenig Erlösung und Leichtigkeit?

Total! Ober obwohl ich – online oder linear – wirklich viel unterhaltsame Fiktion sehe, brauch ich dazwischen immer auch harte Dokumentationen wie jene auf Netflix über den Majdanek-Wärter John Demjanjuk. Brillant! Und Anlass langer Diskussionen mit meiner Freundin. Mindestens das möchte ich mit meinen auch erreichen. Dafür braucht es keine Happyends.

Aber besteht dasjenige hier nicht darin, die Mächtigen der Welt in ihrer hermetischen Machtblase spüren zu lassen: wir beobachten euch!

Unbedingt. Als ich Sigmar Gabriel mal Mails seiner Wirtschaftsministeriumsmitarbeiter vorgelesen habe, in denen sie sehr lässig über Menschenrechte sprechen, da meinte er lachend, tja, Emails, irgendwann kommen die immer raus. Er ist sich der Beobachtung also bewusst. Und je bewusster sich die Verantwortlichen sind, desto eher kriegen wir sie vor die Kamera.

Das reicht als Grund?

Nein, aber weil das Informationsinteresse unserer überpolitisierten, medial durchdrungenen Welt rapide wächst, funktioniert die alte Technik des Wegduckens nicht mehr. Dass ein Anschlag wie der aufs Oktoberfest trotz aller Ungereimtheiten jahrzehntelang unbeachtet in den Archiven schmort, wäre heutzutage undenkbar.

Ist das Dokudrama filmisch betrachtet der beste Weg, um dem vorzubeugen?

Ja, deshalb liebe ich es so. Trotz seiner investigativen Elemente, bleibt „Meister des Todes“ aber ein klassischer Spielfilm ohne Off-Sprecher, Interviews, Archivaufnahmen.

Dann ersetzen wir Dokudrama durch Emotionalisierung, in der besonders die männlichen Charaktere fast schon diabolisch überzeichnet sind. Ist das verbrieft?

Ich habe in der Mittagspause eines Prozesstags mal am Nebentisch dieser Charaktere gesessen und wurde wohl deshalb nicht als Journalist erkannt, weil ich anders als viele Kollegen immer Anzug trage. Da zog ein Anwalt so derbe vom Leder, wie super der Prozess läuft, und hat dabei so ein dickes Chronometer gezeigt, dass ihm ein russischer Klient gegeben habe – das war mir für den Film zu bizarr. Die Selbstwahrnehmung dieser Leute hat sich von der Realität oft komplett entkoppelt.

Das Schlüsselwort ist ein „Korpsgeist“, der in den Sphären der Mächtigen ebenso greift wie in Polizei und Militär.

Wobei ich gar nichts gegen ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl in Firmen und Familien habe. Gerade in der Waffenindustrie handeln viele ja einerseits aus tiefster Überzeugung und werden andererseits durch die soziale Ablehnung ringsum verschweißt. Das wäre allerdings Thema eines dritten Teils; hier ging es eher am Rande darum, dass auch diese Familie Mitglieder hat, die nicht mitziehen und deshalb ausgegrenzt werden wie Sabine.

Gespielt von Veronica Ferres.

Diese Welt ist von außen schon sehr schwer zu durchschauen.

Kennen Sie denn selbst so was wie Korpsgeist oder milder ausgedrückt: unbedingte Solidarität?

Hmm.

Würden Sie jemanden im engsten Umfeld anzeigen, der etwas Kriminelles tut?

Mein Gerechtigkeitssinn ist von solcher Naivität, dass ich nicht mal eine Putzfrau illegal beschäftigen würde und meinem Vater wie vorhin im Auto sagen, er solle nicht so schnell fahren. Ich halte mich nicht streng ans Tempolimit, weil ich so deutsch bin, sondern aus der tiefen Überzeugung, dass Miteinander bis in den Alltag Regeln braucht, die einzuhalten sind – und weil ich für mich und andere die gleichen Maßstäbe anlege.

Wenn Ihr Vater beim Rasen Fahrerflucht beginge, würden Sie ihn also anzeigen?

Ich würde ihn dazu drängen, sich zu stellen. Ich rufe natürlich nicht die Polizei, weil ein Kumpel bei Rot über die Ampel geht, aber bei Gewaltdelikten sofort.

Geht es Ihnen um Recht oder Gerechtigkeit?

Um beides. Im Prozess, den Meister des Todes 2 behandelt, wurde Recht gesprochen, aber gewiss keine Gerechtigkeit geschaffen.

Ist es für Dokumentaristen nicht unendlich ermüdend, wenn man auf der Suche nach Gerechtigkeit ständig spürt, wie wenig sie mit Recht zu tun hat?

Steter Tropfen höhlt den Stein – so halte ich es lieber als zu ermüden. Es geht weiter und hat am Ende immer irgendwelche Konsequenzen. Wobei es nicht meine Aufgabe ist, Gerechtigkeit zu schaffen, sondern den Finger in die Wunde zu legen. Immer wieder.

Welche Möglichkeiten hat das Medium Film da, um im Zuschauer was zu verändern?

Gute, wie ich finde. Unsere Filme bleiben erinnerlich und sorgen manchmal sogar für Veränderung. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Tagesschau vor Meister des Todes je über SIPRI berichtet hat.

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut, das jährlich Waffenexporte analysiert.

Mittlerweile gehört es zum Nachrichtenstandard, und das liegt auch an der Sensibilisierung durch Dokumentaristen und Filmemacher.

Wie gehen Dokumentaristen und Filmemacher dann damit um, dass Lautstärke längst besser zum Publikum durchdringt als ruhige Recherche?

Durch noch mehr Ruhe und Recherche. Aber das hat auch mit Geschmack zu tun. Mich stört bei Dokumentationen schnell die Lautstärke, andere hingegen das Gegenteil; die werden lautstark besser informiert. Wir generieren unsere Aufmerksamkeit durch Wahrheitsliebe. Das ist eine der Existenzberechtigungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Dürfen Sie sagen, was ihr nächstes Projekt ist, oder scheuchen Sie damit sofort die Hühner auf?

Klar das darf ich das sagen: eine romantische Komödie aus dem Schwarzwald. Für Mutti.



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