Götzeee, Lindner & Warten auf’n Bus

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. April

„Mach ihn! Er macht ihn! Mario Götzeee! Das ist doch Wahnsinn!!!“ Diese legendären Worte schrie Tom Bartels am 13. Juli 2014 ins Mikro, als der Fußball noch rollte und die AfD ein bedeutungsloser Sauhaufen war. Sechs Jahre später ist die AfD derselbe Sauhaufen, aber nicht mehr ganz so bedeutungslos, als anstelle der Sportschau das Endspiel von Rio als Re-Live läuft. Und ehrlich: was angesichts vom Osterwetter eigentlich keine Freizeitoption wäre, ist in Zeiten des Shutdowns besser als gar kein rollender Ball.

Während das Erste Sportkonserven wiederholt, erweitert es seine Hauptnachrichten weiter Tag für Tag mit einem ARD extra und definiert den Begriff der medialen Normalität dadurch Tag für Tag neu. Eine Normalität, zu der es auch gehört, dass der vulgärelitaristische Christian Lindner Tag für Tag mehr zum rechtspopulistischen Hetzer wird, dessen Opportunismus auf Twitter längst dem seines geistigen Ziehvaters Donald Trump gleicht – wie die Leugnung eigener Tweets zum „sofortigen“ Stopp der Einschränkungen plus Verbreitung angeblicher Sprechverbote belegt.

Dabei scheint im herrschenden Pandemie-Diskurs eigentlich nur moderne Geschlechterzuweisungen verboten zu sein. Deshalb feiern selbst seriösere Medien unisono „Ärzte“ und „Krankenschwestern“, „Zusteller“ und „Kassiererinnen“ als Helden ohne -innen, was dem Emanzipationsniveau misogyner Männerbünde von AfD bis FDP entspricht. Doch genug der Medienpolitik von heute, hinein ins Fernsehgeschehen von morgen – das zunächst eines von gestern ist. Denn der überraschendste Streamingerfolg dieser Tage ist definitiv Großkatzen und ihre Raubtiere, zu den Netflix die Doku Tiger King hierzulande umgetitelt hat.

Die Frischwoche

13. – 19. April

In ihrem Psychogramm amerikanischer Privatzoo-Besitzer, deren Tierparks mehr Tiger bevölkern als die freie Wildbahn, nehmen Rebecca Chaiklin und Eric Goode ein bizarres Milieu unter die Lupe, vermischen es mit einer mysteriösen Mordgeschichte und machen daraus das erfolgreichste Streaming-Produkt des Lockdowns. Mit bizarren Sujets interessant zubereitet aus der Nische ins Rampenlicht: das wünscht man auch der fabelhaften RBB-Serie Warten auf’n Bus.

Ronald Zehrfeld und Felix Kramer spielen darin ab Mittwoch um 22 Uhr ein achtteiliges Open-Air-Kammerspiel, bei dem sie als langzeitarbeitslose Brandenburger die Zeit am Wartehäuschen vertrödeln, Busfahrerin Katrin (Jördis Triebel) anhimmeln und in aller Stille Beckett’schen Provinznihilismus von höchster Güte zelebrieren. Ein klein wenig dieser Effektreduktion wäre am Freitag auch dem Netflix-Blockbuster Betonrausch zu wünschen gewesen. Doch die angeblich realitätsgetreue Story zweier Immobilienbetrüger im spekulationswütigen Berlin ist trotz inniger Darstellung von David Kross und Frederick Lau so klischeehaft, dass sie auch auf Pro7 laufen könnte.

Dort also, wo Dienstag zuvor wegen einer Corona-Quarantäne nicht wie geplant The Masked Singer ins Finale geht. Bemerkenswerter ist Zoey’s Extraordinary Playlist, mit der Sky ab Sonntag die furiose Idee in Serie setzt, dass ihre Hauptfigur die Gedanken anderer als Popsongs lesen kann. Etwas gewöhnlicher und doch außergewöhnlich originell in Szene gesetzt, ist da der Einfall von Joyn, ab Donnerstag die „Sadcom“ genannte Tragikomödie Mapa um einen alleinerziehenden Vater zu starten.

Voll aus dem Leben und doch artifiziell sind Die Getriebenen um 800.000 Geflüchtete, die das Land 2015 aus Sicht von Christian Lindner und der AfD ins Chaos gestürzt haben soll. Die fiktionalisierte Form von Merkel (Imogen Kogge) bis Gabriel (Timo Dierkes) folgt am ARD-Mittwoch zwar oftmals ihrer Funktion; insgesamt aber ist das Politdrama nach Robin Alexanders Buch so erhellend wie unterhaltsam und gleicht damit Emily Atefs grandiosem Romy-Schneider-Porträt 3 Tage in Quiberon, das Arte parallel dazu mit anschließender Doku zeigt.

Der Tatort-Tipp ist diesmal keine Wiederholung, sondern Das fleißige Lieschen. So heißt die Premiere von Vladimir Burlakow und Daniel Sträßer als biografisch verlinktes Duo im Saarland, das heute parallel zu Elizabeth Taylor als quietschbunte Cleopatra auf 3sat läuft, veröffentlicht 1963, also zugleich zum schwarzweißen Evergreen Lautlos wie die Nacht (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) mit Jean Gabin und Alain Delon als Gaunerdouble, aber zehn Jahre jünger als Wie angelt man sich einen Millionär? (Freitag, 22.30 Uhr, BR) mit Marilyn Monroe als deren Bild in der Öffentlichkeit.



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