Ganz Deutschland & Das Boot

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. April

Dass „ganz Deutschland“ irgendetwas kollektiv interessiert, gar diskutiert, bildete jahrzehntelang den Kern marketingbewährter Selbstüberschätzung (rechts)populistischer Massenmedien wie der Bild. Sein Wahrheitsgehalt liegt abseits von Fußballfinalrunden also noch niedriger als deren Hemmschwelle, auf Schwächere einzudreschen. Am Mittwoch aber hat dann doch mal „ganz Deutschland“ Interesse am Diskussionsgegenstand der (meist männlichen) Ministerpräsidenten entwickelt, als sie über die Lockerung des Lockdowns befanden.

Wie viel Normalität ab heute wieder zulässig ist, bleibt bislang zwar offen; ein Rückfall in den Urzustand zeigte sich allerdings schon Samstag: erstmals seit Wochen begann die Tagesschau nicht pandemisch, sondern mit 50 von Abertausenden Geflüchteter, die aus Griechenland nach Deutschland gekommen sind. Doch darüber hinaus war abgesehen vom Tod des journalistischen Urviechs Ulrich Kienzles aus einer Zeit, als Haltung noch diskurstauglich war, natürlich immer noch alles Corona.

Zum Beispiel in den USA, wo sich mit MSNBC der erste Sender aus Donald Trumps bizarren Pressebriefings geschaltet hat. Allerdings hält sogar sein Hofhundsender Fox mittlerweile nicht mehr bis zum Schluss durch, wenn sich der US-Autokrat seine Welt Tag für Tag zurechtlügt und dabei Tag für Tag vermeintliche Fake-News seriöser Medien anprangert. Etwa der New York Times, die das Kunststück fertigbringt, im 1. Quartal nach dem Spiegel die meistzitierte Zeitung Deutschlands gewesen zu sein und damit das notorische Lügenblatt Bild von Platz 2 zu verdrängen.

Wobei selbst die offen fiktionale Fiktion im Schatten der Krise steht. Und damit ist nicht gemeint, dass Dr. Kleist nach 2020 Jahren Dienst an der Menschheit selbigen quittiert oder Thore Schölermann als taff-Moderator den sexistischen Dienst an seinem Testosteronüberschuss kultiviert. Nein – um wegen der Produktionsunterbrechungen Engpässe zu vermeiden, verschiebt das ZDF seine beiden Neustarts Fritzie (Donnerstag) und Dan Sommerdahl (Sonntag) in den Herbst.

Die Frischwoche

20. – 26. April

Netflix dagegen reitet dank geschlossener Kinos weiter die Erfolgswelle einfallsloser Couchpotatoes und zieht seine Sport-Doku The Last Dance vor, in der ab heute die Chicago Bulls der Neunziger ums Jahrhunderttalent Michael Jordan gewürdigt werden, ohne ihm zu huldigen. Disney+ zeigt unterdessen, dass es die Stärken und die Schwächen des Konzerns dahinter gleichsam zu nutzen versteht. Der Tiernaturabenteuerfilm Togo verarbeitet die verbürgte Story eines zäh-süßen Schlittenhundes zu einer so mitreißenden wie aufdringlichen Fiktion.

Für die Fortsetzung von Das Boot Sky gilt ab Freitag auf Sky leider vor allem letzteres – auch, weil sich selbst ein versierter Regisseur wie Matthias Glasner nach dem Buch des Briten Colin Teevan nicht der revisionistischen Untertöne von Andreas Prochaskas 1. Staffel entledigen kann. Doch das gleicht die erstaunliche Romantic-Dramedy Run, in der sich Merritt Wever und Domhnall Glesson als Jugendliebe im Alter zwangsverpaaren, an selber Stelle locker aus.

Auf Arte zeigt derweil der frühere Fußballer Eric Cantona, was er auch als Schauspieler kann. Im französischen Sechsteiler Auf der Spur ist er ab Donnerstag ein Manager, dessen Bootcamp eskaliert. Wie immer solide: Ulrich Noethen als Hamburger Psychologe in der bedeutungsvoll düsteren Krimireihe Neben der Spur (Montag, ZDF). Weniger tiefgründig als brachial, aber schmerzhaft stichhaltig, präsentiert sich der jüdische Komiker Oliver Polak in seiner neuen Talkshow Besser als Krieg, ab Dienstag (0.00 Uhr, RBB).

Ein Schmankerl noch für Grobschmecker: Black Sabbath – The End (Freitag, 21.45 Uhr, Arte), Ozzy Osbournes letztes Konzert von 2017. Fast 90 Jahre älter ist die schwarzweiße Wiederholung der Woche dort: Der blaue Express (Montag, 23.30 Uhr, Arte), Ilja Traubergs Stummfilmklassiker, der die Klassengesellschaft am Beispiel einer Bahnfahrt von China nach Russland skizziert. In Farbe für den lustigen Abschaltimpuls: Mordkommission Istanbul, wo Erol Sanders Kommissar Özakin sein Publikum (2008 an der Seite Christine Neubauers) in seiner Puppenstubentürkei verachtet. Und der Tatort? Reist Mittwoch (22 Uhr, SWR) zum hessischen Albraumpaar Król/Kunzendorf (Es ist böse) von 2012.



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