Provinz, The Texas Gentleman, Giant Sand

Provinz

Melodramatik ist selten die beste Begleitung für guten Pop. Als kleine Schwester des großen Pathos ertränkt sie echte Emotionen im Überwältigungsgestus und nervt damit meist gehörig. Das gilt im Grunde auch fürs Ravensburger Überwältigungspathospopquartett Provinz, deren schöner Name darüber hinwegtäuscht, wie inbrünstig am Weltrad aufdringlicher Gefühle gedreht wird. Ständig weht auf dem Debütalbum Wir bauten uns Amerika schwarzes Haar in der Windmaschine aus Träumen, Liebe, Sturm und Drang, ständig öffnen vier junge Männer hier das größtmögliche Fass der eigenen Persönlichkeitsfindung.

Weil sich die Stimme von Sänger und Texter Vincent allerdings noch ein wenig rauer durch die Stationen seiner Persönlichkeitsfindung gräbt als die ähnlich veranlagten AnnenMayKantereit, weil der gefühlsduselige Folkpop dazu ein wenig fetter ist, ein wenig wuchtiger, ein wenig besser als ihre Fußgängerzonen-Vorbilder, weil die analog intonierte Melodramatik so leidenschaftlich scheppert, dass alles Pathos darin fast schon wieder glaubhaft klingt, sind die verhinderten Festival-Abräumer des abgesagten Sommers allerdings wirklich, nun ja, überwältigend.

Provinz – Wir bauen uns Amerika (Warner)

The Texas Gentleman

Bei Texas schrillen mit etwas räumlichem Abstand, also von Europa aus betrachtet, bleischwere Alarmglocken. Sie läuten den Choral aus Trump-Verehrung und Cowboy-Romantik, reaktionärer Musik und republikanischer Politik. Abseits der liberalen Enklave Austin scheint dieser besonders rückständige US-Staat jeden Anflug von Stil, Geschmack, Ironie im Wüstensand zu zermahlen. Fast jeden. Denn The Texas Gentleman blicken so stil- wie geschmackssicher daraus hervor und sezieren den ortsüblichen Countryrock mit einer Ironie, die jede Stealguitar erträglich macht.

Auf dem zweiten Album Floor it!!! wühlt sich das gastergänzte Kollektiv um Nik Lee, Daniel Creamer, Ryan Ake, Scott Edgar Lee, Aaron Haynes abermals durch vergangene Zeiten. Erneut klingt es dabei mal nach den Beatles, mal nach Calexico, erinnert hier an The Band, da an los Hermanos Patchekos, ist also die Quintessenz nostalgischen Mashups mit den Kernelementen Southern Rock, Seventies Funk und einer Riesenladung Bigband-Pop von heute, zu der man für ein paar Augenblicke vergisst, wie finster es um die Texas Gentleman herum zugeht.

The Texas Gentleman – Floor it!!! (New West Records)

Giant Sand

Da gilt natürlich gleichermaßen für den unermüdlichen Howe Gelb, der 1991 gegen ähnliche Windmühlen seiner stockkonservativen Umgebung anrockte wie es heute The Texas Gentleman tun. Wer damals wie seine Band Giant Sand den Country durch den Alternative-Kaokao zog, wurde daheim in Arizona ja noch geteert und gefedert. Weil er das alledings gut überstanden zu haben scheint, hat Fire Records das legendäre Album Ramp digital grundsaniert und daraus ein Reissue der Extraklasse gemacht.

Auf zwei Platten buchstabiert die wechselhaft große Formation mit diversen Gast-Musiker*inne*n dabei durch, wie viel Stadt im Land steckt und umgekehrt, wie nah sich der Ultraurbanist Lou Reed und das Tusconer Landei Howe Gelb atmosphärisch seinerzeit waren, wie viel befreiende Kraft das ehemals durch und durch reaktionäre Schlagergenre Made in USA entfalten konnte, wenn es von den Richtigen beritten wurde. Kleiner Tipp: auf Vinyl kaufen und kurz mal über den Teppich ziehen – ohne Knistern kein Erweckungserlebnis!

Giant Sand – Ramp (Fire Records)

 



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