Kulturkämpfe & Fernsehseuchen

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. Juli

Und wieder ein Kandidat fürs Medien(un)wort 2020: Deplatforming. Nachdem die sozialen Netzwerke jahrzehntelang auf Inhaltskontrolle verzichtet haben, erkennt selbst Facebook, wie ertragsmindernd reaktionäre Postings sind. Erst kürzlich hatte Twitter vor Tweets von Trump gewarnt, da sperrten Tiktok oder Reddit gleich so viele Hassplattformen , dass selbst den Scheißegalmilliardär Mark Zuckerberg eine Unterart von Gewissen packte.

Die Drohung vieler Konzerne, nicht mehr im reaktionären Umfeld zu werben, mag Facebook zwar mehr überzeugt haben als moralische Skrupel. Im Ergebnis lehnt sich die Tech-Branche erstmals spürbar gegen antidemokratische Tendenzen auf, um das „World Wide Web mit dunklen Ecken“, wie die Süddeutsche schreibt, nicht zum „Wild Wild Web, über das sich das Gift der ganzen Gesellschaft ausbreitet“, verrohen zu lassen.

Ob das ein Abwehrgefecht ist oder bloß Schattenboxen, wird spätestens der US-Wahlkampf im Herbst zeigen. Doch schon jetzt scheint klar: hier wehren sich neue Medien nicht nur gegen ihre inneren Feinde, es findet ein Kulturkampf statt – der auf kleinerer Flamme auch bei den alten Medien köchelt. Nachdem Corona dem Fernsehen kurz einen Bedeutungsschub gegeben hatte, liegt es nämlich längst wieder am Quotenboden – und befindet sich dort in bester Gesellschaft mit Kinos, denen der Lockdown die letzte Hoffnung aufs Überleben raubt.

Beiden stellt die Bundesregierung im Rahmen eines Hilfsprogramms 50 Millionen Euro zur Verfügung. Aber nur für „hochwertige Kinofilme und Fernsehproduktionen“, ohne zu definieren, was genau das sein soll und welche der insgesamt 270 Produktionsfirmen davon profitieren. Weil das Geld hinten und vorn nicht reicht, haben Länder wie Bayern und NRW zwar angekündigt, die Töpfe aufzustocken. Oben und unten reicht es allerdings noch weniger, weshalb globale Entertainmentmultis die Entscheidungsschlacht ums Wohnzimmer wohl gewinnen.

Die Frischwoche

20. – 26. Juli

Deren Produkte zu empfehlen, klingt da womöglich leicht hybrid, aber es nützt ja nichts – die Netflix-Serie Statelass um ein australisches Flüchtlingslager, in dem ein deutschstämmiges Model ums Überleben kämpft, ist von so herausragender Tiefgründigkeit unterhaltsam, dass es alle Arte-Dramen in die Ecke spielt. Selbst ein Blockbuster wie The Old Guard mit Charlize Theron als Boss unsterblicher Superhelden, ist an gleicher Stelle sehenswert. Und wenn die großartige Doku Unraveling Athena den Missbrauchsskandal im amerikanischen Turnsport auf (kauft nicht bei) Amazon läuft, wächst der Graben auch qualitativ.

Eine Entwicklung die sich Donnerstag mit dem ultrabrutalen Mafia-Drama Gangs of London auf Sky zwar fortsetzt. Parallel dazu beweist das deutsche Fernsehen aber vergessen geglaubte Tugenden von fast visionärem Weitblick. Um 20.15 Uhr inszeniert der Achtteiler Sløborn eine Pandemie, die Neo bereits Monate vor derjenigen mit Covid-19 fertiggestellt hatte und nur punktuell aktualisieren musste – so lebensecht und kreativ wird das Grassieren eines tödlichen Virus auf einer Nordseeinsel skizziert.

Der Rest in Stichworten: Mittwoch (22.45 Uhr) zeichnet das Erste akribisch den Prozess um die Loveparade nach. Tags drauf setzt das ZDF seine Shootingstars um 23.15 Uhr mit dem heiteren Suizid-Drama Irgendwann ist auch mal gut fort. Und am Samstag widmet sich Vox vier Stunden der Geschichte von Whitney Houston, was den Wiederholungen der Woche Vorschub leistet. Etwa das Kriegsdrama Die Mörder sind unter uns, (Montag, 20.15 Uhr, Arte), mit dem Wolfgang Staudte schon 1946 Schuld und Sühnefragen ansprach. Oder Mittwoch (21.45 Uhr, One): Hitchcocks Vertigo (1958) mit James Stewart als Cop, der seine tote Freundin in Gestalt von Kim Novak wiederauferstehen lässt. Und der Tatort (Dienstag, 22 Uhr, NDR) heißt Märchenwald, ein früher Fall von Charlotte Lindholm.



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