Elis Noa, Go Go Gazelle, Whitney

Elis Noa

Wenn der Opener eines Debütalbums beginnt wie eine vertonte Kunstinstallation auf der Documenta X., wenn Satzfragamente der Art von “How does it feel to be afraid” – Fiepdiedeldiziep – “to be my muse” darin Kreissägengeräusche durchbrechen, wenn ein Opener, der ja zum Verweilen einladen soll, so eklatant mit Hörgewohnheiten bricht wie die Wiener Band Elis Noa auf What Do You Desire?, dann erwartet man alles Mögliche, aber nicht den feinporigen Electropop, der sich die nächsten zehn Stücke ins Ohr ergießt wie ein Strom warmen Glücks.

Was wir begehren, fragt die verstörend schöne Keyboarderin Elisa Godino da mit oktavensprengender Kellerbarstimme zu Aaron Haders Synths, und wer sich seit Jahren schon über die Profanisierung des Charaktergenres R’n’B aufregt wie dieser Blog, antwortet da nach dem langsamen Erwachen aus diesem Tagtraum: genau so, wie diese eleganten Bigbeat-Minimalismen, oberflächig eingekremt, tiefgründig zerkratzt, ein irrsierend schönes Halbschattenensemble aus Harmonie und Dissonanz, so erhaben wie seit Jahren schon kein Album mehr aus dieser Ecke des Pop.

Elis Noa – What Do You Desire? (LasVegas Records)

Go Go Gazelle

Weil Harmonie und Dissonanz auch in weit weniger elganten Ecken populärer Musik prima miteinander klarkommen können, machen wir an dieser Stelle einen Schwenk in die Mainstreamversion dessen, was viel zu oft als Punk missdeutet wird. Die Augsburger Rockband Go Go Gazelle hat nach zwei EPs eine LP aus dem Studio geprügelt, die in ihrer eins-zwei-drei-vier-Abfahrt-Dynamik zwar nichts mit der nihilistischen Schule anno 1977 zu tun hat. Aber die unbedingte Bereitschaft des Trios zur Selbstüberholung mit Stil, macht halt einfach echt Spaß.

 

Gut, Refrains wie “Immer wenn es regnet / muss ich einen trinken” sind subtil wie geschrubbte D-Dur-Riffs, aber egal – wenn Ska-Gewitter hier mit voller Wucht auf Alternativefolk treffen und Captain Planet auf Knorkator, wenn in den diffizileren Momenten Turbostaat durch die Uptempo-Stücke blinzeln und auch in den Mitgrölpassagen ein fröhlicher Drang, niemandem gefallen zu wollen, wünscht man sich das Ende der Konzertsperre nur umso sehnlicher herbei. Flaschenpost an Morgen: Go Go Gazelle wären da der perfekte Festivalopener auf Bühne 4.

Go Go Gazelle – Falschenpost an Morgen (Gute Laune Entertainment)

Whitney

Über die begnadeten Westküstenrocker Whitney sollte man hier eigentlich gar nichts mehr sagen müssen außer: Kaufen, Hören, Glücklichsein. Dummerweise ist selbst ein so einschmeichelnder, butterbeschmierter Wohlfühlsound wie der des Minaturorchesters aus Chicago noch immer so nischenhaft, dass es nicht mal einen Eintrag bei der deutschen Wikipedia hat. Andererseits: Behalten anspruchsvollere Fans vom Mainstream dieses Juwel halt für sich und der Rest hört halt Passenger.

Dabei klingt das dritte Album der Band um Gittarist Max Kakacek und den singenden Drummer Julien Ehrlich – Hand aufs Herz – nur in Nuancen anders als die beiden Vorgänger. Mittelwestliche Slideguitars treffen da auf unbedingt lebensbejahenden Falsettgesang und saftige Sixties-Surf-Klaviaturen, dass die Beach Boys glücklich über die Düne blinzeln. Aber in seiner ultraharmonischen Arglosigkeit ist Candid halt schon deshalb was Besonderes, weil darauf zehn Evergreens wie Country Roads oder Strange Overtones gecovert werden. Ach ja – und liebe SZ: das Cover ist richtig grandios!

Whitney – Candid (Secretly Canadian)



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