Anja Reschke: Katastrophen & Talkshows

Ich wäre bereit!

In der dokumentarischen Talkshow Die Narbe schildert Anja Reschke mittwochs um 21 Uhr im NDR große Katastrophen und spricht danach mit Zeitzeugen. Die versierte Journalistin aus München (Foto: NDR) über Endlichkeit, Traumata und ob sie Lust auf eine Talkshow hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Reschke, warum bewegen uns die großen, Unglücke so sehr, während uns weit größere, aber schleichende wie Klimawandel und Rassismus seltsam kalt lassen?

Anja Reschke: Weil uns die großen Unglücke, bei denen Menschen zu Schaden kommen, sogar sterben, auf einen Schlag die eigene Verletzlichkeit vor Augen führen, dass wir alle jederzeit sterben können, also endlich sind. Jeder von uns hätte schließlich in die Karambolage auf der A19 geraten, jeder im Zug durch Eschede sitzen, jeder in Ramstein gewesen sein können.

So gesehen würde aber doch jeder plötzliche Todesfall im Haushalt, bei der Arbeit, unterwegs zur Spitzenmeldung taugen?

Wenn er in einer Ausnahmesituation geschieht, tut er das ja auch. Allerdings eher auf regionaler Ebene, wo das Einzelschicksal bedeutsamer ist. Nehmen Sie Radfahrende, denen abbiegende Lkws im Stadtverkehr mit fatalen Folgen die Vorfahrt nehmen; das ist immer wieder Teil der Lokalnachrichten. Unsere Endlichkeit wirkt darin sogar noch unmittelbarer.

Lassen Sie sich als professionelle Berichterstatterin emotional von Ereignissen jeder Art beeinflussen?

Als Mensch berühren sie mich wie alle anderen auch. Angesichts der Fülle von Katastrophen besteht natürlich die Gefahr, dass man ein wenig abstumpft. Aber ich bin ja keine Polizeireporterin, die jeden Tag mit dem Tod zu tun hat. Außerdem gibt es kaum etwas Individuelleres als Traumata, die jeder auf eigene Art verarbeitet. Das zeigt sich auch sehr eindrucksvoll in den Dokumentationen, die wir über das Zugunglück von Eschede, die Flugschaukatastrophe von Ramstein und den Sandsturm auf der A19 gemacht haben.

Entsprechend zentral sind Traumata in den drei ersten Folgen von Die Narbe. Wichtig erscheint jedoch auch das Thema Schuld. Warum?

Weil der Mensch bei einem Unglück instinktiv nach einem Verantwortlichen, einem Schuldigen sucht. Das Problem ist, dass es den einen Schuldigen bei solchen Unglücksfällen meist nicht gibt. Bei Eschede war das zum Beispiel ein großes Thema, oder auch bei dem Love Parade-Prozess, der ja unlängst eingestellt wurde. Auch so etwas hinterlässt bei den Betroffenen Narben…

Wobei die Klärung der Schuldfrage auch niemanden mehr lebendig macht…

Das stimmt, aber sie kann ein Gefühl von Ausgleich und Gerechtigkeit schaffen. Ich glaube, die Frage nach der Schuld ist sehr wichtig für den Menschen. Manchmal frage ich mich, ob das auch ein Grund sein kann, warum manche Menschen jetzt während der Corona-Pandemie so zweifeln. Es ist vielleicht leichter, die Schuld auf die Regierung oder Virologen oder Bill Gates zu schieben als auf ein Virus.

Stellen Sie selber als Journalistin und Mensch frühzeitig die Schuldfrage oder bleibt erstmal Zeit für Betroffenheit und Mitgefühl?

Als Mensch fühlt man natürlich zunächst einmal mit den Hinterbliebenen und ist erschrocken, was da Schreckliches passiert ist. Aber die Frage, wie es zu so einem Unglück kommen konnte, stellt sich ja meist recht schnell. Man will das Unbegreifliche begreiflich machen. Und damit kommt man schnell auf die Frage nach dem Warum. Da sollten Journalistinnen und Journalisten aber wirklich aufpassen.  

Inwiefern?

Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine zum Beispiel hagelte es – und zwar völlig zu Recht – Kritik, wir hätten zu schnell zu viel über Ursachen gemutmaßt, und in der Tat: da hätten wir zurückhaltender sein müssen. Andererseits dient unsere Berichterstattung am Ende ja dem Informationsbedürfnis des Publikums. Das kennen wir alle auch aus dem Privaten. Wenn einen die Freundin anruft und zum Beispiel erzählt, irgendwer habe sich von irgendwem getrennt, reicht einem diese Tatsache allein auch nicht, dann will man wissen, wann, warum und wie es jetzt weitergeht. Je näher einem das Unvorhergesehene ist, desto größer die Neugierde.

Haben Sie die ersten drei Unglücksfälle von Die Narbe ausgewählt, weil sie Ihnen auch persönlich nahe waren?

Nein, die wurden von der Redaktion, den Autorinnen und Autoren ausgesucht, die ja auch die Dokumentationen gemacht haben. Ich persönlich hatte zum Beispiel Ramstein gar nicht mehr so präsent.

1988 gingen Sie ja auch noch in München zur Schule.

Aber als ich die Bilder vom Feuerball sah, kam trotzdem alles wieder hoch.

Welches Ereignis ist für Sie persönlich besonders in Erinnerung?

Ich glaube, das sind immer Schiffsunglücke.

Warum?

Keine Ahnung, aber der Untergang der Estonia hat mich zum Beispiel sehr erschüttert. Diese Vorstellung, da im Bauch eines Schiffes eingeschlossen zu sein und in diesem eiskalten Wasser unterzugehen, fand ich fürchterlich. Da waren ja auch Schulklassen dabei. Und als die Estonia unterging, war ich selbst noch in der Schule.

Hat Sie das Narben hinterlassen?

Ja, das wirkt bei mir so nach, dass ich bis heute nur sehr ungern auf Fähren fahre. Eine Kreuzfahrt käme für mich auch nicht in Frage. Vielleicht habe ich auch zu viel über den Untergang der Titanic gelesen.

Die Narbe ist ein Hybrid aus Doku und Talk. Warum liegt der Gesprächsanteil nur bei gut einem Viertel der Zeit?

Anfangs dachte ich auch, er müsste länger sein, beim Ansehen fand ich es dann aber richtig. Wir probieren jetzt erstmal aus, ob die Leute sich überhaupt auf diese Mischformat einlassen. Das ist ein Experiment.

Haben Sie sich in der Talkhost-Rolle wohlgefühlt?

Ihre Frage klingt jetzt, als hätte es nicht so gewirkt (lacht).

Doch, doch. Aber obwohl Sie viele Interviews führen, ist die Rolle doch neu für Sie.

Nicht wirklich. Fragen stellen, sich über ein Thema unterhalten ist doch eigentlich journalistische Grunddisziplin. Außerdem habe ich ja grad mehr als 30 Folgen des After Corona Club gemacht. Ein Gesprächsformat, in dem ich mich mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Disziplinen darüber unterhalten habe, was aus der Corona-Krise entstehen und welche Folgen sie haben könnte. Das hat mir großen Spaß gemacht. 

Heißt das, Sie würden dieses Standbein gern mehr bespielen?

Wenn Sie mich so fragen, lautet die Antwort ja. Mir fehlen im Fernsehen diese Eins-zu-eins-Gespräche früherer Tage, also keine Talkrunden, sondern richtige Unterhaltungen. In Podcasts erleben die gerade eine Renaissance. Wenn sich dieser Trend im Fernsehen fortsetzt – ich wäre bereit!



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