Haluk Bilginer: der türkische Weltstar

Alles sehr kompliziert

Haluk Bilginer ist einer der wenigen türkischen Schauspieler von Weltruhm. In der sehenswerten Krimi-Serie Ein guter Mensch spielt er auf Magenta TV einen dementen Racheengel – und ist damit allen Ernstes Hauptdarsteller des ersten türkischsprachigen Formates im deutschen Fernsehen

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Haluk Bilginer, Sie sind Mitte sechzig – wie gut ist da noch Ihr Gedächtnis?

Haluk Bilginer: Mein Gedächtnis funktioniert noch einwandfrei. Aber was war noch mal die Frage? (lacht laut). Sie fragen bestimmt, weil Agâh Bey in Ein guter Mensch an Alzheimer erkrankt ist…

Genau. Was würden Sie tun, wenn Ihre Erinnerungen wie bei ihm zu verschwinden drohen?

Ich hoffe zwar inständig, dass das niemals geschehen wird. Aber sollte es traurigerweise doch soweit kommen, werden mich meine Liebsten hoffentlich jeden einzelnen Tag daran erinnern, wer ich bin und vor allem: wer sie sind.

Haben Sie wie ihre Serienfigur darüber hinaus denn irgendwelche Abrechnungen oder Rachefeldzüge, die dringend noch zu erledigen wären?

Nein, bislang hat es zum Glück noch niemand so weit kommen lassen. Und ich bin auch alles andere als ein rachsüchtiger Typ. Aber wenn es mal jemand drauf anlegt, würde ich vieles daransetzen, die Sache noch bei klarem Verstand und bester Gesundheit zu regeln – wenn auch nicht so gewaltsam wie Agâh Bey.

Ist Ein guter Mensch überhaupt eine Fiktion über jemanden, der die letzten Dinge regelt, oder eher eine Kontemplation über die Bedeutung von Erinnerung allgemein?

Rache und Alzheimer sind dabei definitiv nur Metaphern für den Gedächtnisschwund unserer Gesellschaft im Allgemeinen, diese Geschichtsvergessenheit ist schmerzhaft und gefährlich zugleich. In diesem Sinne handelt die Serie vom ungeheuer wichtigen Versuch, sich der eigenen Vergangenheit, des eigenen Handelns ständig bewusst zu sein, sonst machen wir die gleichen Fehler immer und immer wieder.

Wollen Sie als Schauspieler generell Unterhaltung machen, die das Publikum zum Nachdenken, womöglich gar Lernen anregt?

Unbedingt. Die Kunst – auch das sollten wir nie vergessen – ist zwar stets auch Zerstreuung, also Entertainment und umgekehrt. Aber während wir die Leute unterhalten, sollten wir uns stets bemühen, Dinge über die menschliche Natur oder Gesellschaften zu erzählen, an die sie sich auch erinnern. Etwas, da sie mit zu sich ins Haus ihres Herzens nehmen und dort aufbewahren. Auch, wenn das natürlich nicht mit jeder Serie, jedem Film gelingen kann.

Kennen sie irgendwelche deutschen Filme oder Serien?

Nicht allzu viele, leider. Aber ich kenne Dark und erinnere mich noch gut an Türkisch für Anfänger, diese Comdey aus den Nullern. Ich sehe zwar nicht allzu viel fern, aber generell läuft dort kaum deutsches Fernsehen. Wenn ich etwas davon sehen will, brauche ich also Netflix.

Haben Sie denn gehört, dass „Ein guter Mensch“ trotz der großen Anzahl türkischstämmiger Menschen in Deutschland das allererste Fernsehformat ist, das bei uns im regulären Programm läuft?

Nein. Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht. Es sollten definitiv mehr sein. Nicht nur wegen der vielen Türken, die in Deutschland zuhause sind.

Sie reisen seit Jahrzehnen zwischen London und Istanbul hin und her. Können Sie sagen, welches der beiden Ländern nach so langer mehr Ihr Zuhause ist?

Nun ja, die Türkei ist und bleibt natürlich für immer mein Mutterland. Aber ich lebe schon so lange in London, dass es schon ziemlich merkwürdig wäre, wenn ich England nicht zumindest als meine zweite Heimat betrachten würde.

Wie ist gerade für einen Künstler, dessen erste Heimat von einem Mann wie Reccep Tayyip Erdogan regiert wird?

Oh je, wenn wir jetzt anfangen, über Politik zu diskutieren, bräuchten Sie vermutlich eine Sonderausgabe Ihrer Zeitung. Das ist alles sehr kompliziert.

Ich hätte nur gern gewusst, ob Sie sich als Künstler vom zunehmend repressiven System der Türkei beeinträchtigt fühlen und falls ja, wie Sie damit umgehen?

Bitte, lassen Sie uns doch bei Ein guter Mensch bleiben, das bietet doch schon genügend Stoff zum Reden.

Gut, was ist so besonders am türkischen Fernsehen wie diesem, dass davon auch in Deutschland mehr zu sehen sein sollte?

Es gab eine Zeit, da waren türkische Filme durchaus populär in der globalen Kunst- und Alternative-Szene. Nuri Bilge Ceylan zum Beispiel, hat in aller Welt gesammelt.

Die Goldene Palme von Cannes zum Beispiel, 2014 für seinen Film „Winterschlaf“.

Genau. Und ich hatte das Glück, darin die Hauptrolle zu spielen. Daran werde ich mich garantiert für immer erinnern.



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