taz: journalist-Interview Winkelmann/Junge

Profitabel klingt toll

Seit August führen Ulrike Winkelmann und Barbara Junge (Foto: Conrad Bauer/journalist) die trotzige kleine, verblüffend erfolgreiche taz in Berlin als erste weibliche Doppelspitze einer deutschen Tageszeitung – und damit einem Leitmedium im Umbruch. Das ausführliche Interview des Medienmagazins journalist, hier in voller Länge.

Von Jan Freitag

freitagmsmedien: Ulrike Winkelmann, Barbara Junge, wie ist es, die Leitung eines chronisch schlingernden Schiffes wie die taz zu übernehmen?

Barbara Junge: Entschuldigung, die taz ist kein schlingerndes Schiff.

Aber seit Anbeginn ihrer Existenz finanziell auf Kante genäht.

Junge: Das mag sein, aber durch die Corona-Krise sind wir bislang deutlich besser gekommen als viele andere Medienhäuser.

Ulrike Winkelmann: Natürlich verzeichnen auch wir wie die gesamte Branche werktags rückläufige Abo-Zahlen im Printbereich, aber sie liegen immer noch überm Soll. Als ich die taz vor sechs Jahren verlassen hatte, war sie jedenfalls in viel schwererem Fahrwasser. Jetzt bin ich auch mit der Ansage zurückgekehrt, uns gehe es gut.

Junge: Wir haben dieses Jahr sogar erstmals allen MitarbeiterInnen einen Bonus ausgezahlt.

Liegt das ausschließlich an der Tatsache, dass die taz von Anzeigenerlösen unabhängiger ist als vergleichbare Medien?

Winkelmann: Zunächst mal lag es daran, dass die Corona-Berichterstattung sehr gut angenommen wurde und wird.

Junge: Und neben Werbeeinnahmen sind der Konkurrenz noch andere Ertragsfelder weggebrochen, die uns nicht betreffen, wie Kongresse, Luxusreisen oder Advertorials. Wir hatten also gute Startbedingungen.

Gab es dennoch Grundlegendes an der Arbeit Ihres Vorgängers Georg Löwisch zu verändern?

Winkelmann: Nein. Wichtige Weichen in Vorbereitung auf die anstehende Digitalisierung von Montag bis Freitag sind schon gestellt. Umso mehr denken wir, dass es jetzt wieder Zeit wird, die fachlich-inhaltliche Seite zu betonen und das linke, ökosoziale Profil zu stärken.

War beides zuvor geschwächt?

Winkelmann: Erst einmal sind alle traditionellen Medien durch die Konkurrenz aus dem Internet dazu gezwungen worden, ihre Profile zu stärken – wir auch. Durch die politische Situation ist außerdem das taz-typische Profil praktisch wie von selbst wieder mehr hervorgetreten; die taz glänzt seit jeher etwa durch starke Klima-Berichterstattung – ein Thema, das nun auch andernorts ernster genommen wird. Zu uns kommen außerdem viele junge Leute, die andere Ansprüche an Journalismus haben als ältere – mit stärkerer Betonung auf Antirassismus zum Beispiel. Wir wollen nun die ökologischen wie die sozialen Themen noch hervortreten lassen.

Wir, das heißt in diesem Fall zwei Chefredakteurinnen, was es in einer deutschen Tageszeitung noch nie gab. War das eine genderpolitische oder rein fachliche Entscheidung?

Junge: Die taz ist jedenfalls sehr stolz, eine rein weibliche Doppelspitze installiert zu haben. Das war einfach mal dran.

Winkelmann: Weil es nun wirklich genug Männer in den Chefredaktionen gibt, war es aber definitiv auch als politisches Signal gedacht, dass die taz auch in der Geschlechterfrage ganz vorn dabei ist.

Führen Männer Medien nur häufiger oder auch anders?

Junge: Frauen führen in der Tendenz anders als Männer, egal ob Medien oder andere Branchen. Ihr Führungsstil ist teamorientierter, also weniger von oben nach unten.

Winkelmann: Es gibt natürlich auch tolle männliche und nicht so tolle weibliche Führungskräfte. Wir reden daher nur von Tendenzen und Wahrscheinlichkeiten. Aber Frauen sind im Allgemeinen schon kooperativer, moderierender, also moderner.

Das gilt gemeinhin auch für Doppelspitzen, die sich langsam branchenweit durchsetzen.

Junge: Sich die Arbeit zu teilen, ist allein schon aus zeitlicher Sicht ein großer Vorteil. Über den ständigen Austausch hinaus bietet die Doppelspitze aber auch Raum für persönliche Stärken und Schwächen.

Winkelmann: Wir haben halt auch unterschiedliche Autorität in unterschiedlichen Themengebieten. Ich zum Beispiel komme aus der Innen- und Sozialpolitik, Babs aus der Außenpolitik, vor allem der transatlantischen.

Junge: Was den ökosozialen Kern der taz betrifft, sorge ich für den ersten Teil und Ulrike für den zweiten, wir teilen uns da bestens auf.

Das wäre inhaltlich. Und praktisch?

Junge: Kümmert sich Ulrike ums Juristische, ich ums Finanzielle und Personelle.

Winkelmann: Wobei sich auch unser Tonfall ergänzt. Babs drückt sich viel diplomatischer aus als ich.

Junge: Und Ulrike geht klarer geradeaus.

Winkelmann: Ein Laden wie die taz will sich nicht so einfach führen lassen – oder zumindest lieber nur dann, wenn die Situation grad besonders schwierig oder unangenehm ist. Für so ein Team ist das Konzept der fluiden Führung geeigneter als das der hierarchischen.

Junge: Wobei mich mein Sohn schon manchmal fragt, warum ich der Redaktion immer nur Vorschläge mache, anstatt mal zu sagen, wie es laufen soll.

Die Streitkultur der taz-Redaktion ist also kein Mythos, sondern Realität?

Winkelmann: Im Vergleich zum sehr disziplinierten Umgang beim Deutschlandfunk jedenfalls, wo ich die letzten Jahre gearbeitet habe, kann man das genauso feststellen.

Junge: Weil die taz recht paritätisch besetzt ist, bleibt der Umgangston aber dennoch vermutlich ein anderer als in männlich dominierten Medienhäusern.

Es gab auch bei der taz den Fall eines Bewerbers, der sich wegen einer divers-weiblichen Stellenausschreibung diskriminiert fühlte. Wie gehen die Männer mit der Situation um, dass hier mehr Frauen als andernorts den Ton angeben?

Winkelmann: Kann ich nicht beantworten, habe bislang aber nicht den Eindruck, dass sich die Männer in der taz diskriminiert fühlen.

Junge: Wüsste ich auch nicht.

Gibt es, einen Schritt weitergedacht, auch in den Räumen der taz Sexismus, Rassismus, Homophobie oder Neoliberalismus?

Winkelmann: Da hat Hengameh Yaghoobifarahs Polizeikolumne durchaus etwas angeschoben beziehungsweise wiedererweckt. Nämlich die Diskussion, ob es hausinternen Rassismus gibt und wir uns selbst dahingehend ausreichend überprüfen. Der Ruf nach check your privilege wurde auch bei uns laut und hat zu einer sehr intensiven Debatte und der Gründung von Arbeitsgruppen und Workshops geführt.

War das ein Selbstreinigungsprozess oder von oben dekretiert?

Junge: Den Begriff der Selbstreinigung finde ich schwierig, aber ja – wir diskutieren quer zu allen Hierarchien leidenschaftlich, bisweilen auch heftig, und hinterfragen dabei nicht nur die Inhalte, sondern auch unsere Rollen darin ständig. Unsere Funktion ist es da, fehlende Rücksichtnahme auszutarieren, wenn der Tonfall mal härter wird.

Entsteht dieser Tonfall automatisch, wenn sich eine Zeitung wie die taz auch journalistisch so sehr über ihre Haltung definiert?

Junge: Weil jede und jeder den Mund aufmachen darf, gehört das schlichtweg dazu. Bei der taz wird eben nicht abgewartet, bis die Ressortleitungen Platz nehmen.

Ist sie im Jahr 2020 nach außen hin noch die tägliche Dosis Gegengift aus den Gründungsjahren der Siebziger und Achtziger?

Junge: Die Verhältnisse sind doch ganz andere.

Winkelmann: In Abgrenzung zu anderen Zeitungen funktioniert das schon noch gelegentlich. Aber auch dort finden sich, wie in allen Gesellschaftsbereichen, längst traditionelle taz-Themen von Feminismus über Rassismus bis hin zur Ökologie. Natürlich sind wir oft noch ein wenig radikaler.

Junge: In der Diskussion um Privilegien und Rassismus fiel im Sommer schon auf, dass die Konkurrenz sehr genau darauf geschaut hat, wie wir damit umgehen. Wir sind definitiv in vielerlei Hinsicht Vorreiterin.

Führt das dazu, dass sich die taz wie Fridays for Future oder Viva con Aqua überflüssig macht, sobald ihre Forderungen erfüllt sind, oder wird sie ihrerseits Mainstream sein?

Junge: Also, wenn das Klima gerettet, Diskriminierung abgeschafft, und die Welt gerecht ist, können wir uns gern noch mal darüber unterhalten. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Wie hoch darf denn die Giftdosis auf diesem Weg angesichts der veränderten Verhältnisse mit Blick aufs eigene Stammpublikum sein?

Winkelmann: Mir scheint, sie könnte sogar noch höher sein als bisher. Wenn ich Briefe der Leserinnen und Leser öffne oder mit GenossenschaftlerInnen rede, höre ich oft von der Forderung, die taz solle sich noch stärker als kritische Stimme einer Medienlandschaft positionieren, in der die Konkurrenz auf der anderen Seite steht. Während sich die taz selbst noch eher als Teil eines Konzerts sieht, in dem man etwa den freundlichen Kolleginnen und Kollegen von der FAZ bei aller Differenz nicht zu nah treten will, fordern viele da mehr Radikalität.

Genau die hat Hengameh Yaghoobifarah mit ihrer Polizeientsorgungskolumne geliefert. Passt sich die redaktionelle Radikalität darin gewissermaßen der des Publikums an?

Junge: Nein, denn es gab dazu weder im Haus noch beim Publikum auch nur annähernd eine einheitliche Meinung. Schon wegen der unterschiedlichen Perspektiven musste das Thema diskutiert werden. Also haben wir in aller Öffentlichkeit eine Debatte von gesellschaftlicher Bedeutung geführt – und zwar intern wie extern, mit hoher Einschaltquote. Eine der internen Aussprachen hatte bei Zoom 140 Teilnehmer. Wobei sich Kritik und Zuspruch sowohl bei Leserinnen und Lesern als auch in der Genossenschaft die Waage hielten.

Winkelmann: Ich war zu der Zeit noch gar nicht hier, habe aber auch von außen mitgekriegt, wie sich die Ereignisse überstürzen. Angesichts der Heftigkeit vieler Vorwürfe und Bedrohungen, musste sich die Redaktion da vor Hengameh stellen, auch wenn es in der Redaktion Kritik an Sprache und Stil ihres Textes gab.

Beim Satiremagazin Titanic heißt es, wenn mal wieder jemand Prominentes Strafanzeige erstattet, knallen in der Redaktion die Sektkorken, weil es so gute Werbung sei. War die taz entsprechend in Feierlaune, als Horst Seehofer damit drohte?

Junge: Wir führen solche Debatten nicht strategisch und holen auch keinen Schampus aus dem Keller. Aber klar – ist doch toll, wenn die taz öffentliche Diskussionen antreibt und dafür im Blickpunkt steht. Bei der Diskussion über Polizeigewalt war das zwar unfreiwillig, aber eben auch überfällig und damit gerechtfertigt.

Haben Sie als haltungsorientiertes Medium den PR-Gedanken wirklich nie im Hinterkopf, wenn taz-Schlagzeilen wie so oft stark polarisieren?

Junge: Welche Zeitung versucht noch mal nicht, sich bei Gelegenheit auch zum Wohle der Auflage zu profilieren?

Winkelmann: Es hat in der Tat oft genug Titel und Texte gegeben, wo die zuständige Person mutwillig die Provokation gewählt hat. Ich erinnere nur an den Balkensepp zum Kruzifixverbot, bei dem die Redaktion natürlich darauf spekuliert hatte, was die Kirche wohl dazu sagt.

Junge: Das ist in der Regel aber Lust an der Provokation, kein betriebswirtschaftliches Kalkül.

Winkelmann: Ein Mitarbeiter hat die Selbstbezeichnung „Redakteur für Krawall und Remmidemmi“, und das zielt natürlich nicht nur auf den Berichtsgegenstand ab. Provokation gehört zur taz dazu, das macht auch den Abenteueraspekt beim Arbeiten aus.

Ist es die Aufgabe der Chefredaktion, das eher zu mäßigen oder anzufachen?

Winkelmann: Bislang nicht.

Hat die die taz, abgesehen von der Debatte an sich, denn journalistische und betriebliche Konsequenzen aus der Debatte um die Polizei-Kolumne gezogen?

Junge: Ja, und zwar auf unterschiedlichen Ebenen. Wir haben zum Beispiel gelernt, wie man im rechten Shitstorm besteht, oder generell externe Einflussnahmen moderieren und interne Diskussionen strukturieren muss.

Winkelmann: Die Abstimmung von Social Media und dem Rest der Redaktion wurde verfeinert. Vor allem ist die Sensibilität gewachsen, Dissens und Diversität noch stärker zu reflektieren, um uns beim nächsten Mal nicht derart schmerzhaft zu streiten.

Junge: Trotzdem soll und wird nie der Anspruch herrschen, über Kolumnen Konsens herzustellen. Wir als Chefredaktion können da allenfalls vermittelnd eingreifen. Unsere Aufgabe ist es nicht, irgendwelche Texte zu unterdrücken. Den Rest regelt unser Redaktionsstatut schon sehr genau.

Winkelmann: Darüber hinaus ist wichtig, dass sich im Sprachgebrauch ein Sprachverständnis über unterschiedliche Wahrnehmungen geschichtlicher Ereignisse widerspiegelt. Man merkt zum Beispiel bei den Älteren in der Redaktion, dass die Shoah bei ihnen eine zentrale Rolle spielt. Jüngere dagegen beziehen sich zunehmend auf die Diskussion des Postkolonialismus. Das beeinflusst die politische Haltung, das beeinflusst das jeweilige Wert- und Sprachempfinden.

Für Außenstehende klingen solche Debatten schnell akademisch verkopft. Wie vermeidet man als linkes Medium moralisierenden Zeigefinger-Journalismus?

Winkelmann: Das beste Mittel dagegen ist Selbstironie.

Junge: Hier herrscht eine Kultur des Humors, die sich Neulinge fast automatisch aneignen.

Winkelmann: Natürlich gibt es auch, ich nenne es mal: Stunden des puren Idealismus, in denen die Leute mit äußerstem Engagement, größter Leidenschaft, aber auch Ernsthaftigkeit diskutieren. Humor ist kein Allheilmittel, aber bisweilen ein Rettungsanker.

Junge: Als Zeitung, die mit so großer Intensität substanzielle Sachen behandelt, muss man den gelegentlich werfen.

Auch, um eine Desillusionierung wegzulachen, dass die taz seit Jahrzehnten Dinge predigt, die zwar mittlerweile im Mainstream angekommen sind, aber das Alltagshandeln – Stichwort Klimawandel – dennoch zu langsam verändern?

Junge: Nein, trotz allem berichten wir ja, was ist, nicht was wir gerne hätten. Wir sind immer noch eine Zeitung, keine NGO. Außerdem ist es kein Anlass zur Desillusionierung, Erkenntnisse über späteres Allgemeingut früher als andere gewonnen zu haben. Darauf können wir im Gegenteil bei aller Enttäuschung übers Tempo der Veränderung stolz sein.

Erfordert die taz angesichts der Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln dennoch höhere Stress-Resilienz, um den Kopf so hoch zu halten wie das Kollegium der FAZ, wo eher ein fortschrittsgläubiges Weiter-so vorherrscht?

Winkelmann: Erneut möchte ich den Kolleginnen und Kollegen der FAZ nicht zu nahetreten. Aber uns JournalistInnen rettet ja auch der tägliche Nachrichtenfluss, in dem durchaus Veränderungen zum Guten zutage treten. Das schützt mich anders als in mancher NGO gut vor Depressionen.

Sie haben unlängst einer sozialen Bewegung, nämlich Fridays for Future, wie bereits den Feinden der taz oder ProQuote für einen Tag die Redaktion überlassen. 

Junge: Wobei das nicht Fridays for Future, sondern KlimaaktivistInnen aller Richtungen waren.

Ist es also, um mit Hanns Joachim Friedrichs zu sprechen, doch richtig, sich mit einer Sache gemein zu machen, wenn es eine gute ist?

Winkelmann: Ich bin mir gar nicht so sicher, ob er da richtig zitiert wurde, oder noch schlimmer: ob er nicht schon lange strategisch fehlinterpretiert wird.

Junge: Dass die taz mit Haltung arbeitet, leugnet sie nicht. Aber wo die Grenze zwischen Aktivismus und Journalismus verläuft, muss in allen Themenfeldern ständig neu verhandelt werden. Und hier diskutieren wir gerade intensiv, ob die Klimakrise so existenziell ist, dass sie journalistische Regeln verändert.

Winkelmann: Wenn man das transparent macht, wird dadurch im Zweifel die Objektivitätsillusion der anderen deutlich. Schließlich ist allein schon die Themenauswahl aller Medien vorsortiert und haltungsgesteuert.

Überparteilichkeit hat also ihre Grenzen?

Junge: Selbstverständlich. Aber auch diese Grenzen sind Gegenstand permanenter Aushandlungen. Mit den KlimaaktivistInnen zum Beispiel haben wir hart über eine RWE-Anzeige diskutiert.

Mit dem Ergebnis, sie nicht zu drucken. Ist die Grenze zwischen Redaktion und Verlag da nicht gefährlich weit überschritten?

Winkelmann: In den Debatten hat sich jedenfalls gezeigt, dass man von einer sozialen Bewegung nicht erwarten kann, jahrzehntelang eingespielte Regeln und Gebräuche zur Trennung von Redaktion und Verlag zu kennen oder verstehen.

Junge: Ich würde sogar noch weitergehen. Weil es an diesem Tag nun mal deren Zeitung war, konnten wir den AktivistInnen offenkundig nicht zumuten, darin eine Anzeige eines Energiekonzerns wie RWE zu drucken.

Winkelmann: Davon abgesehen, dass Anzeigen in der taz ohnehin nur eine untergeordnete Ertragsquelle bilden – was uns traditionell freier macht von wirtschaftlichen Zwängen.

Hat es nur inhaltlich-publizistische Gründe, die Redaktion ab und zu anderen zu überlassen, oder ist das auch ein Stück weit PR?

Winkelmann: Teils teils. Als die Springer-Delegation hier mit Kai Diekmann an der Spitze für die „Feindes-taz“ den Laden übernommen hat, war sicher allen klar, dass es nicht ideologisch-publizistisch war, sondern eine Mischung aus Ironie und Werbe-Effekt.

Junge: Die Klima-taz ist anders entstanden. Wir haben voriges Jahr den Klima-Hub jüngerer KollegInnen gegründet, die außerhalb der Redaktion herausarbeiten, wie man Ziele der Bewegung noch stärker in die Gesellschaft tragen kann. Daraus ist eine größere Klima-Offensive der taz entstanden. Dieses Verständnis von diskursivem Journalismus gehört seit jeher zu uns.

Was lernt dieser diskursive Journalismus denn fachlich durch solche Kooperationen?

Winkelmann: Einiges. Zum Beispiel interessengruppenübergreifende Themenvielfalt. Eine türkisch-deutsche NGO zu porträtieren, die migrantisch geprägte Communitys an Umweltdebatten heranführt, fand ich sehr beeindruckend. Das hatten wir ebenso wenig wie die Idee der „U-30“-taz, manche Ressortgrenzen einfach zu sprengen.

Junge: Am nächsten Tag entsteht ja stets wieder die ganz normale taz, aber den Schwung solcher Projekte nehmen wir mit hinein, das wirkt sehr belebend und stärkt uns auf unserem weiteren Weg.

Ein Weg, der ja in absehbarer Zeit weg vom Papier führt. Wann genau ist es soweit?

Winkelmann: Das Szenario war mal 2022, aber ob wir die Zahl halten, steht dahin. Der aktuelle Produktentwicklungsprozess sieht verschiedene Stadien vor.

Welche Ertragsmöglichkeiten sind in diesem Prozess enthalten, um die taz auch mit nur einer gedruckten Wochenendausgabe profitabel zu halten?

Winkelmann: Profitabel klingt toll (lacht).

Junge: Bei uns macht das jedenfalls nicht McKinsey, sondern ein Team aus dem Haus, das grad erhebliche Fortschritte mit unserer App erzielt. Die Community wird weiter ausgebaut, bei der taz im Netz stehen wir vor wichtigen Entscheidungen, das gleiche gilt für die Print-Ausgabe am Wochenende. Welches Produkt in dem Mix das profitabelste wird, muss die Zukunft zeigen. Aber wir planen keine Paywall.

Winkelmann: Das freiwillige System „taz zahl ich“ hat sich erstaunlich gut bewährt.

Junge: Es sind etwa 24.000 Leserinnen und Leser, die regelmäßig zahlen.

Damit müssen Sie aber auch weiterhin auf die finanzielle Einsatzbereitschaft ihrer Klientel hoffen.

Junge: Und da der Großteil unserer Einnahmen nach wie vor über Abonnements der gedruckten Tageszeitung kommt, investieren wir in der Tat viel Gehirnschmalz, um diese Einsatzbereitschaft hoch zu halten. Und wir müssen auch alle jene mitnehmen, die bislang ihre Zeitung auch werktags auf Papier lesen wollen.

Winkelmann: Für diesen Prozess sind unsere Genossenschaftsversammlungen wie Thermometer. Da haben besonders langjährige AbonnentInnen zuletzt etwas weniger als früher aufs raschelnde Papier bestanden.

Sind für Print-Traditionalist*innen individualisierte Druckausgaben denkbar?

Junge: In der Herstellung vielleicht rein theoretisch schon, in der Vertriebskette allerdings nicht.

Winkelmann: Schon jetzt werden viele Tageszeitungen in abgelegeneren Regionen per Post geliefert, was mit dem Anspruch der Aktualität schwer vereinbar ist.

Junge: Alternativ könnten wir die taz höchstens noch persönlich vorbeibringen, aber das ist kaum finanzierbar.

Wo wir beim Thema Geld sind…

(beide stöhnen lächelnd)

Wie verträgt sich die chronische Unterbezahlung der taz-Belegschaft weit unter Tarif eigentlich mit dem sozialen Gewissen der Redaktion?

Winkelmann: Es gibt die taz nur, weil die Leute unter Tarif verdienen. Das war schon immer die Existenzbedingung. Problematischer als unser Gehaltsgefüge, das wurde mir nach meiner Rückkehr aus Köln auch persönlich schnell klar, sind hingegen die Mieten. Nachdem sich der Verdienst dem Berliner Durchschnitt zwischenzeitlich eher angenähert hatte, entfernt er sich gerade wieder – auch weil die Wohnkosten so explodiert sind. Darauf müssen wir Antworten finden.

Junge: Es laufen Gespräche darüber, die Gehälter etwas anzuheben. Aber selbst das wird mit der Mietentwicklung nicht schritthalten. Es ist auf der Basis auch nicht einfach, Externe für Leitungspositionen zu gewinnen. Hier ist der Unterschied zu anderen Häusern eklatant.

Zusammengefasst heißt das, die taz bleibt Talentschmiede und Ausbildungsbetrieb der besser zahlenden Konkurrenz, sowas wie der SC Freiburg für den FC Bayern?

Junge: Es gibt auch Talente, die nicht nur gern zu uns kommen, sondern die sogar wieder zurückkommen. Und wenn welche gehen und woanders ihren Weg machen, ist das auch okay.

Winkelmann: Die Tatsache allerdings, dass viele talentierte Menschen schon so lange bei uns sind, zeigt dass man in der taz auch etwas bekommt, was sich nicht mit Geld aufwiegen lässt.

War es davon unabhängig schwer zu vermitteln, dass die taz 20 Millionen Euro für ein neues Redaktionsgebäude ausgibt, aber zu wenig für die nächste Mieterhöhung zahlt?

Junge: Auch wenn es nicht der allgemeinen Stimmung entsprach, gab es diese Stimmen. Natürlich. Zugleich aber war allen klar, dass die Genossenschaft anstelle der Baukosten nicht die Gehälter erhöhen kann, das sind zwei verschiedene Baustellen.

Wie lautet Ihre Prognose: entsteht in diesem Missverhältnis 2040 noch die taz?

Winkelmann: Ich denke ja. Man wünscht niemandem was Schlechtes, weshalb ich jetzt nicht sage, die und die Zeitung wird es nicht so lange geben. Aber von den Überregionalen hat die taz besonders gute Aussichten, auch in 20 Jahren noch zu existieren.

Junge: Die taz hat einen harten Umbau vor sich, aber wenn es jemand schafft, dann wir.

Sind Sie dann noch dabei?

Junge: In 20 Jahren? Nein!

Winkelmann: Nett, dass Sie mich für so jung halten, aber auch ich bin da schon zu alt.

VITAE

Ulrike Winkelmann
Geboren 1971 in Wiesbaden, wächst Ulrike Winkelmann bei Paderborn auf, studiert in Hamburg und London Germanistik, Politologie, Staatsrecht und volontiert bei der taz, wo sie ab 1999 über Inland und Gesundheit schreibt. 2010 wechselt sie als Politikchefin zum Freitag und 2014 zum Deutschlandfunk. Im August kehrt sie als Chefredakteurin zurück.

Barbara Junge
Barbara Junge, geboren 1968 in Stuttgart, beginnt ihre berufliche Laufbahn bei der taz. 1996 wird sie Redakteurin, dann Ressortleiterin des Berlinteils. 2001 wechselt sie als US-Korrespondentin zum Tagesspiegel. 2016 kehrte sie als stellvertretende Chefredakteurin in die taz zurück und übernimmt dort im August eine Hälfte der Chefredakteurin.



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