Tayfun Bademsoy: TV-Türken & Deutsche

Am Ende stets der Kanake

Seit 1979 ist Tayfun Bademsoy (Foto: Raimond Spekking) fester Bestandteil in Film- und Fernsehen. Trotzdem spielt der deutsch-türkische Akademikersohn bis heute fast nur „Kanaken“, wie er sein Rollenprofil selber beschreibt.  Ein Gespräch über die Einbahnstraße Integration, ausländische Darsteller und warum seine Kinder lieber was anderes machen als der 62-jährige Berliner.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Bademsoy, können Sie mit dem Begriff „Integration“ etwas anfangen?

Tayfun Bademsoy: Zwangsläufig. Schließlich beschäftige ich mich damit seit 50 Jahren – zum einen, weil Integration ein wichtiger Aspekt jedes Zusammenlebens ist; zum anderen, weil jeder, der wie ich als Ausländer in ein fremdes Land kommt, darum bemüht sein sollte, sich einzugliedern, also zu integrieren.

Ist Ihnen das nach Ihrer Einreise mit zehn Jahren 1969 gelungen?

Besser jedenfalls als es der Gesellschaft um mich herum gelungen ist.

Inwiefern?

Integration war damals mehr noch als heute eine Einbahnstraße. Zugezogene sollten sich zwar integrieren, sind aber nicht auf die Bereitschaft gestoßen, Integration auch zuzulassen. Nach der gescheiterten Entnazifizierung sollten Gastarbeiter ein, zwei Jahre Deutschlands Dreckarbeit machen und dann abhauen – unabhängig davon, dass viele Unternehmen auf ausländische Mitarbeiter angewiesen waren. Während meine Kinder zwei Pässe haben, stand auf meinem, ich dürfe mich nur in gewisse Viertel von Berlin niederlassen. Den Mietvertrag meiner ersten Wohnung musste mir daher jemand anderes unterschreiben. Unglaublich!

Haben Sie deshalb bei Ihrer eigenen Integration so Fahrt aufgenommen, dass Sie nach weniger als zehn Jahren im Land Abitur gemacht, Psychologie studiert und als Schauspieler begonnen haben?

Als Zehnjähriger hatte ich keine Ahnung von Integration und war auch der Meinung, wir werden hier mit offenen Armen empfangen. Schließlich wurden türkische Arbeiter angeworben. Wobei mein Vater Akademiker aus Mersin war, damals das Beirut der Türkei: modern, offen, multikulturell. Weil meine Mutter wollte, dass wir in Deutschland studieren, ist sie hergezogen, hat erst meinen Vater nachgeholt und dann uns Kinder. Deshalb hat es mich auch umso mehr überrascht, wie arrogant die Leute hier waren, obwohl sie einen Krieg verloren hatten.

Sie hatten mehr Demut erwartet?

Ja. Die Ausländerfeindlichkeit hat mich so überrascht, dass ich für ein Austauschjahr in die USA geflohen bin. Das hat mir das Leben gerettet. Ich war so traumatisiert und seelisch kaputt von der Atmosphäre in Deutschland, dass ich andernfalls vermutlich kriminell geworden wäre, drogenabhängig oder verrückt. Erst in Amerika habe ich zu mir gefunden.

Und die Idee entwickelt, Schauspieler zu werden?

Nein. Ich hatte dort zwar einen Schulkurs in Speech and Drama, bei dem die Lehrerin mein Talent für Pantomime entdeckt hat; damit bin ich sogar aufgetreten, einmal vor 2000 Leuten. Aber erst in Berlin habe ich mit dem Theater begonnen, wo mich der junge Regisseur Peter Keglevic 1979 entdeckt hat.

Und mit Ihrer Mutter und Schwester für den Film Zuhaus unter Fremden engagiert.

Neben Herbert Grönemeyer.

Es war einer der ersten Filme, die Ausländer nicht als Opfer oder Täter, sondern Bürger gezeigt haben.

Und das war nicht nur für die Deutschen neu, sondern uns selber. Auch im Kino hatte sich zuvor niemand für Türken interessiert.

Änderte sich das nach diesem Film?

Schön wär’s. Es gab fast nur noch Rainer Werner Fassbinders Angst essen Seele auf.

Und Verfilmungen von Horst Bosetzky alias -ky.

Ansonsten blieben Türken in Film und Fernsehen, was sie vorher schon waren: Kanaken mit Kopftuch oder Schnurrbart. Der Filmtitel Zuhaus unter Fremden hat also auch mein eigenes Empfinden widergespiegelt.

Tut er das heute denn noch?

Nein. Schon weil sich mein Heimatbegriff weiter von meinem Geburtsort gelöst hat, je länger ich ihm fern war. Der Geburtsort ist Zufall, Heimat nicht. Die ist da, wo Familie ist, Freunde sind, wo mich die Leute so akzeptieren, wie ich bin. Und das ist zumindest hier in Charlottenburg überwiegend der Fall – obwohl uns ein Teil der Gesellschaft noch immer nicht akzeptiert hat und womöglich niemals akzeptieren wird.

Woran machen Sie das fest?

Ach, das reicht von AfD und NSU bis zur Tatsache, dass sich noch kein Politiker offen für den Anteil der Gastarbeiter am Wirtschaftswunder bedankt hat.

Ist es Ihnen ein Anliegen, diesen Missstand in Ihrer Arbeit zu thematisieren?

Von Beginn an. Bis heute. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Streitgespräche ich mit Autoren, Regisseuren, Produzenten über dieses Thema hatte und wie oft ich Rollen ablehnen musste, die nur Klischees transportieren. Deshalb habe ich 1998 ja meine Agentur gegründet.

„Foreign Faces“, die heute „International Actors“ heißt.

Weil wir auch kurz vorm neuen Jahrtausend Kanaken, keine Hauptrollen gespielt haben, sofern es nicht konkret um Ausländerprobleme ging, wollte ich damit zeigen, dass auch Nicht-Deutsche das gesamte gesellschaftliche Spektrum abdecken.

Mit Erfolg?

Wenn man den von Elyas M’Barek betrachtet, Aylin Tezel, Fatih Akin, könnte man das so sehen. Da es zu meiner Anfangszeit außer mir kaum ausländische Künstler gab, darf ich mir das genauso auf die Fahne schreiben wie meine eigene Karriere. Immerhin habe ich mit Dominik Graf gedreht, „Tatorte“ gemacht, „Polizeirufe“, und war damit ein lebender Appell, uns mehr als Spiegel der Gesellschaft, nicht deren Ausnahmefall zu besetzen.

Sie haben ja auch Normalbürger gespielt wie den Bauunternehmer in der RTL-Serie Alle lieben Jimmy oder diverse Polizisten, etwa in Ein starkes Team.

… bin am Ende aber stets der Kanake geblieben.

Wobei man Tayfun Bademsoy mit Ihrer Physiognomie auch schlecht als Horst Schulze besetzen kann…

Richtig, aber meine Herkunft, der Name, die Physiognomie stehen bis heute mehr im Mittelpunkt als bei Deutschen. Als meine Freundin, die erfolgreich Theater gespielt hatte, gemeinsam mit mir einen Film drehen sollte, fragte der Produzent: wieso, wir haben doch schon einen Türken? Gegen diesen Rassismus bin ich am Ende machtlos.

Hat die Emanzipation der vergangenen Jahrzehnte daran denn gar nichts geändert?

Doch, aber zwei Drittel der Gesellschaft bleiben ausländerängstlich. Und obwohl der Kulturbetrieb aufgeschlossener ist, verschwinden die Vorurteile auch darin viel zu langsam. Wir haben zwar mehr tragende Rollen, aber wo bitte sind die türkischen Chefärzte, Wissenschaftler, Juristen in deutschen Serien? Da läuft man gegen Wände!

Ist das auf Dauer nicht ermüdend?

Sehr sogar. Deshalb wollte ich mehrfach nach Frankreich auswandern oder in die USA, wo nichtweiße Menschen selbstverständlicher in Filme integriert werden. Bei uns ist selbst ein Elyas M’Barek nicht von seinen Wurzeln entkoppelt. Bei Frauen gilt das weniger, aber wenn Sibel Kekili eine Sarah im „Tatort“ spielt, fragen viele Zuschauer, warum.

Ist es denn wünschenswert, dass sich die kulturelle Diversität gewissermaßen auflöst?

Nein, Integration heißt nicht Unsichtbarkeit. Wir wollen unsere Mentalitäten mitbringen wie Salz und Pfeffer ins Essen. Diversität ist Reichtum!

Andernfalls wäre Integration Assimilation.

Und das bedeutet Verschwinden. Wir wollen in unserer Individualität und Vielfalt als integraler Bestandteil dieser Gesellschaft akzeptiert und damit auch in unserer orientalischen, muslimischen Identität respektiert werden.

Sind Sie als Kind einer liberalen Künstler- und Akademikerfamilie orientalisch oder muslimisch geprägt?

Weil ich mein Geburtsland früh verlassen habe, kann ich das gar nicht genau sagen, aber irgendwo ist meine Mentalität bestimmt orientalisch geprägt. Ich kann zum Beispiel gut handeln (lacht). Ansonsten bin ich als Mensch mit zwei, drei Heimaten durch und durch multikulti. Deshalb kann ich Ausländer aus deutscher Perspektive betrachten und umgekehrt. Das hilft mir auch als Schauspieler.

Machen Sie sich als solcher seit Jahren rar, um nicht mehr gegen Mauern zu laufen?

Ja. Erstens, weil ich nach 40 Jahren noch immer nicht die Charakterrollen kriege, die ich will. Zweitens, weil ich genug vor der Kamera gestanden habe und lieber Dokumentarfilme drehen wollte. Dummerweise wollen sich deutsche Redakteure von Ausländern nicht ihr Land erklären lassen. Kennen Sie Alemanya? Dem Drehbuch der Şamdereli-Geschwister über türkische Einwanderung wurde alles abgeschliffen, was kritisch mit Deutschland umging. Während die Nazi-Zeit vorbildlich aufgearbeitet wird, bleibt dieser Teil der Nachkriegsgeschichte, bei dem man Türken wie Vieh ins Gebiss geblickt hat, ein blinder Fleck.

Das wäre doch mal ein Projekt!

Wenn mir jemand Geld gäbe, gern. Aber das wird nicht passieren. Als ich ein Buch über den Mauerfall geschrieben habe, fanden das bis auf die Filmförderung alle gut, wo es hieß: wieso soll ein Türke den Mauerfall verfilmen?! Da könnte ich antworten: weil ich seit Jahrzehnten daneben lebe! Aber das bringt nichts…

Klingt alles sehr ernüchtert. Blicken Sie nach 250 Filmen und Serienepisoden trotzdem positiv zurück auf Ihr Berufsleben?

Na ja, schon durch meine Beharrlichkeit habe ich bestimmt was bewegt in der Branche. Aber es bleibt immer der Makel, mich nicht in ganzer Breite verwirklicht zu haben. Dafür war ich zu oft schmückendes Beiwerk statt tragender Charakter.

Ihre Kinder sind vermutlich keine Schauspieler geworden?

Als ich den Sultan in Baron Münchhausen gespielt habe, war mein Sohn der Prinz, das hat er sogar richtig gut gemacht. Auch meine Tochter ist talentiert. Aber weil beide die Szene, der viele ausländische Schauspieler frustriert den Rücken kehren, durch mich gut kennen, lassen sie es lieber bleiben.

Wie wahrscheinlich ist es da, dass wir bald einen türkischstämmigen Chefarzt, Wissenschaftler oder Anwalt in einer großen Fernsehserie sehen?

Ich bin und bleibe Optimist. Einiges hat sich getan und Regisseure wie Fatih Akin oder einige ausländische Drehbuchautoren machen mir immer wieder Mut.



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