Botticelli Baby, Edie Brickell, Karl die Große

Botticelli Baby

Falls es so etwas wie strukturierten Free Jazz gibt oder sinfonisches Durcheinander, hätten Boticelli Baby da ein Angebot, dass man schwer ausschlagen kann. Es heißt Saft und wirkt ganz ähnlich, wie die Kalorienbombe aus frischen Obst oder Gemüse. Musikalisch vollgestopft mit Zucker und Vitaminen, aufdringlicher Süße und komplizierter Säure, ist das neue Album ein Frontalangriff auf offen liegende Geschmacksnerven und zugleich hintergründig unterhaltsam, als würde ein Kammerorchester im Darkroom versumpfen.

Wie auf den ersten zwei Platten funktioniert das gut gelaunte Durcheinander aus Bläsern, Bass, Balkan und Blues nämlich wie ein Systemsprenger, was manchen Kritiker*innen gar das Attribut Punk entlockte. Ist natürlich kompletter Blödsinn, dafür wirkt die Band aus Essen viel zu virtuos in dem, was sie tut. Aber ein gewisses Gespür fürs Ungeschliffene im Arrangement kann man Saft auch nicht absprechen. Fazit: wenn sich Botticelli Baby jetzt noch das Dictionary-Englisch verkneifen, darf und muss der Festivalsommer kommen.

Botticelli Baby – Saft (Popup Records)

Edie Brickell & The New Bohemians

Vor gefühlt 1000 Jahren, Kriege waren noch ebenso kalt wie Klima und Ästhetik, erschien Edie Brickell als Frischzellenkur am Folkpop-Himmel, Während er Ende der Achtzigerjahre meist wolkenverhangen, melodramatisch und sehr, sehr männlich war, ritt die junge Songwriterin aus Texas in die Popwelt und gab der Dramatik alternativer Gitarrenmusik die Sporen. Frisch klang es und zugleich emotional, weltzugewandt und skeptisch, ein weibliches Donnerwetter, das dem Emorock das ganze schöne Selbstmitleid zersiebte.

Da ließe sich zu Recht fragen, ob sie 30 Jahre und 40 Krisen später noch ihre Daseinsberechtigung hat. Die Antwort: Unbedingt. Auf ihrer neuen Platte, der fünften seit 1988 mit den New Bohemians, klingt es nämlich genauso frisch verkopft wie in ihrer Glanzzeit, als die Band diverse Blockbuster vertonte und auch sonst die Gabe besaß, den Mainstream heimlich zu unterwandern. Mit Americana-Attitüde, Indiepop-Riffs und Brickells Talent, Schwermut mit altersloser Kopfstimme leicht klingen zu lassen, ist Hunter And The Dog Star der angenehmste Windhauch des Winters.

Edie Brickell & The New Bohemians – Hunter And The Dog Star (Shuffle Records)

Hype der Woche

Karl die Große

Es gab bestimmt mal Momente, in denen sich massentaugliche Randerscheinungen wie 2raumwohnung oder Mine gefragt haben, wie sie vom Hauptstrom in die Seitenarme des Indiepop abbiegen könnten, ohne gleich Hartz-IV anmelden zu müssen. Hätte es da doch bloß schon Karl die Große gegeben. Zum vierten Mal bringt das Leipziger Sechstett ein Album Marke Eigenbau heraus. Und zum vierten Mal ist das Ergebnis nicht nur anspruchsvoll, sondern in Teilen fast radiokompatibel, ohne sich irgendwem anzubieten – da stört es auch nicht, dass Sängerin Wencke Wollny leicht nach Inga Humpe klingt. Egal! Was wenn keiner lacht (Backseat/Golden Ticket) sprüht nur so vor sediertem Gitarrenmashup mit Electro-Einschlüssen, Banjo-Samples und Vögelgezwitscher. Das klingt wie Sommertage auf Abraumhalden – bisschen arrogant, bisschen ironisch, bisschen süßlich, aber gerade deshalb beiläufig schön und gelassen. Muss auch mal sein.



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