Durchstechereien & Frauentage

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. März

Durchstechereien, das ist ja auch wieder so ein Begriff, der schmieriger klingt, wenn ihn Nazis verwenden. Als Durchstecherei hat es deren parlamentarischer Sturmbannführerarm Timo Chrupalla bezeichnet, dass Verfassungsschützer die Einstufung seiner NS…, Pardon: AfD als rechtsextremen Verdachtsfall kolportierte, was das Kölner Amtsgericht (zu Recht) verboten hat. Wobei – sind Durchstechereien offener Tatsachen überhaupt Durchstechereien?

Als Interpretationshilfe stechen wir an dieser Stelle ein paar Dinge durch, die ähnlich außer Frage stehen wie Demokratie- und Menschenverachtung der AfD: Thomas Bellut bewirbt sich 2022 nicht um eine dritte Amtszeit als ZDF-Intendant. Schon zur nächsten Bundesliga-Saison tauscht die Sportschau den Streber Matthias Opdenhövel durch die strebsame Esther Sedlaczek aus. Und Disney verkauft seine 50-prozentigen SuperRTL-Anteil ans deutsche Mutterhaus.

Eines, das Ende August leerausgeht, wenn die Grimme-Preise vergeben werden. ProSieben geht dafür mit drei Nominierungen in Marl an den Start, die 42 der ARD überstrahlen ohnehin wieder selbst 15 Stück von ZDF, 3sat und Arte, wohingegen es Digitalformate insgesamt nur auf Dutzend Preisanwärter bringt – je vier von funk und Netflix plus zwei für Joyn. Das dürfen in Zukunft durchaus ein paar mehr werden. Ein paar weniger als erwartet haben Streamingdienste vorigen Montag in einer Video-Schalte aus L.A. und N.Y. gewonnen, als die Hollywood Foreign Press Association ihre Golden Globes vergeben hat.

Während die Berlinale auf gezoomter Sparflamme lief, war es wie immer: alte weiße Männer nominieren Durchschnitt wie die Netflix-Serie Emily in Paris, verschleudern Preise an The Crown, vergessen Preiswerteres wie Mank, und aus deutscher Sicht bedauerlich: auch Helena Zengel Auftritt in News of the World. Ein Mädchen, das sich in maximal misogyner Cowboy-Zeit von Männern aber mal gar nichts sagen lässt – das wäre ein moderneres Emanzipationssignal gewesen als pinke Pralinen und Blumensträuße, die Konsumkonzerne zum heutigen Weltfrauentag als Mitgift bewerben.

Die Frischwoche

8. – 14. März

Die Filmreihe Von Frauen über Frauen mit der Doku Lift Like a Girl über ägyptische Gewichtheberinnen zum Auftakt, wirkt da heute nur so lange progressiver, bis man(n) die Sendezeit sieht: 0.20 Uhr. Vier Stunden früher sendet das ZDF ein gutgespieltes, aber klischeehaftes Drama namens Plötzlich so still, in dem Friederike Becht den Tod ihres Babys durch den Diebstahl eines anderen kompensiert. Was verzweifelte Mütter aus bürgerlicher Sicht halt so machen…

Aber gut, immerhin sind Frauen hier keine Sextoys harter Kerle wie parallel bei Kabel 1 (Transformers) und RTLzwei (Love Island) oder bessere Hausmädchen wie bei WDR (Land und lecker), BR (Landfrauenküche) und SWR (Lecker aufs Land). Streamingdienste sind da – ungewollt oder nicht – schon ein paar Schritte weiter. In der Starzplay-Serie The Attaché zum Beispiel spielt eine Diplomatin aus Frankreich ab Sonntag die Hauptrolle, der ein Musiker aus Israel am Tag der Anschläge vom November 2015 nach Paris folgt, um ein herausragend inszeniertes Beziehungsdrama im Schatten des Terrors aufzuführen.

Auch auf Joyn+ sind es Donnerstag jüngere Frauen, die große Jungs und Alphagreise vor sich hertreiben. Oberflächlich handelt Katakomben von illegalen Raves unter München, doch zwischen dem Eye Candy für Influencer, geht es sechs Teile lang um die wachsende Ungleichheit einer männlich gemachten Immobilienblase. So ähnlich funktioniert die norwegische HBO-Groteske Beforeigners. Wenn die Ahnen der Skandinavier (Sonntag, 23.35 Uhr, ARD) aus dem Meer auftauchen, wirkt das auf heitere Art fantastisch. Da die schwierige Integration der „Menschen mit temporalem Hintergrund“ aktuelle Rassismus-Diskurse aufgreift, sind sechs Folgen am Stück durchaus bedeutsam. Weder lustig noch wichtig, sondern konventionell, aber solide sind die Pembrokeshire Murders (Donnerstag, Magenta) und das achtteilige Beziehungsdrama Blinded (Dienstag, One). Und Mittwoch (20.15 Uhr), porträtiert ZDFinfo Das bizarre Leben des Software-Millionärs John McAfee, der mit mehreren Morden in Verbindung gebracht wird.

Außerdem sind die freitagsmedien wieder in den Medien-Podcast Die Fernsehkritiker involviert. Jan Freitag bespricht mit Eric Leimann diesmal die neuesten Filme und Serien im Monat März:



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