Maria Schicker: Ku’damm & Kostüme

Klischees geben uns Leitplanken

Mit Filmreihen wie Ku’damm ist das Historytainment ab Sonntag im ZDF mal wieder ganz in seinem Element. Verantwortlich für die Kostüme ist auch 1963 die mehrfach preisgekrönte Maria Schicker. Ein Gespräch mit der renommierten Kostümbildnerin über Authentizität und Sehgewohnheiten, High-Heels und Hosenträger, das Unterbewusstsein der Zuschauer und was die Figuren wohl in Ku’damm 71 tragen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Schicker, wie kostümiert man eine Figur der 60er Jahre 2021 zeitgemäß?

Maria Schicker: Mit historischem Kostüm lasse ich glaubwürdig und authentisch Charaktere entstehen, dafür muss ich sowohl die heutigen Sehgewohnheiten als auch die Erwartungen des Publikums berücksichtigen, ohne den Look der Zeit in Frage zu stellen. So entstehen Kleiderschränke mit Geschichten und Geheimnissen für jeden Charakter.

Und was bedeutet das für die Ku’damm-Reihe?

Ein realistisches Bild zu erschaffen, das Charaktere erkennbar werden lässt. In den 50er und 60er Jahren hatten die Menschen andere Physiognomien und weniger Sport getrieben. Sie waren meist kleiner und die Ernährungsgewohnheiten andere. Während Männer oft fülliger waren und Hosenträger trugen, galt bei den Damen die schlanke Taille mit zeitgemäßen Accessoires als Idealbild. Diese Figur ändert sich 1963 in gradere und kürzere Linien.

Das deutsche Historytainment neigt dabei zur Überinszenierung. Müssen Sie mit Produzenten und Sendern darum kämpfen, dass die Form nicht ihre Funktion frisst?

Ich möchte kommunizieren, nicht kämpfen. Manchmal gelingt mir das. Es ist ein Trugschluss zu denken, wer sich morgens allein anzieht, kann Geschichten über Kostüme erzählen. Das ist meine Aufgabe als Kostümbildnerin. Im Historischem habe ich freiere Hand, meine Designangebote werden leichter akzeptiert. Die Kommunikation der Gewerke – Regie, Schauspieler, Kamera, Redaktion – macht das Ergebnis reicher, darf aber die Story nicht verwässern.

Wer ist dann dafür verantwortlich, dass Frauen in Film und Fernsehen anders als in der Realität fast immer High-Heels tragen – Männer, die es sich so wünschen?

Vielleicht weil es ein schlankes Bein macht und die Frau gerader steht? Da muss ich passen… Aber seit Lola rennt… habe ich eigentlich das Gefühl, dass alle permanent Turnschuhe tragen. Ich würde mir sogar wünschen, dass wir Frauen etwas differenzierter bei der Schuhwahl sind und nicht nur bereit zum Rennen.

Aber auch bei Ku’damm 63 sind doch besonders die Frauen extrem aufgebrezelt, obwohl Fotos und Filme jener Zeit meistens gewöhnlich gekleidete Menschen mit praktischer Kleidung statt Pelz und Pumps zeigen.

Als Leiterin einer Tanzschule und Gewinnerin vieler Preise im Standarttanz, ist Frau Schölack nun mal auf Äußerlichkeiten bedacht, so wurden auch ihre Töchter erzogen. Die gesellschaftliche Schicht der Tanzschule spielt also eine enorme Rolle. In Ku’damm 63 haben sich die Charaktere der Frauen trotzdem verändert. Monika hat endlich ihre Familie mit Kind, Eva orientiert sich als Galeristin an künstlerischen Persönlichkeiten der Berliner Avantgarde, Helga erlebt Trennung und Liebe mit großer Macht.

Kostüme orientieren sich also mehr am Drehbuch als am Zeitrahmen?

Der Autor lässt eine Story entstehen, ich versuche als Kostümbildnerin und Malerin daraus Bilder in Farbe, Form und Bewegung zu kreieren. Der Zeitrahmen mit seinen gesellschaftlichen Normen ist bei Ku’damm ein wichtiges Stilelement. Zeitrahmen und Drehbuch sind dabei gleichwertig. Wobei das Unterbewusstsein der Zuschauer umso unzuverlässiger arbeitet, je weiter der Zeitpunkt des Gezeigten von ihnen weg ist.

Ist es demnach leichter, historische Erzählungen zu kostümieren, weil die Erwartungen weniger konkret sind?

Dass wir in Klischees denken, wird so negativ konnotiert. Dabei geben sie uns wichtige Leitplanken, um Menschen zu verstehen. Die Grenzen sind klarer. So habe ich größere Freiheiten, sozial, gesellschaftlich oder bei Events zu kostümieren. Bei einer modernen Geschichte treffe ich Regisseure oder Schauspieler gern im privaten Umfeld. Ich sehe dann, wie sie sich kleiden und einrichten, das hilft mir enorm, ihren Stil, ihre Art zu verstehen.

Sind denn wenigstens historische Männerfiguren schon deshalb einfacher einzukleiden, weil sie im Zweifel Hemd und Anzug tragen?

Auch das hatte mehr noch als heute mit der Schicht zu tun. Die Details sind wichtig. Hat der Herr Geld für Accessoires? Und dann welche: Hut, Einstecktuch passend zur Krawatte, Manschettenknöpfe, Uhr mit Kette, Hosenträger, Sockenhalter, Gürtel? Die Liste kann lang sein.

Länger jedenfalls als bei Handwerkern.

Deren Uhr ist vielleicht ein Erbstück des Vaters, die Socken sind handgestrickt, er hat zwei Krawatten zum Sonntagsanzug und einen Sommermantel plus Winterjoppe. Heute dagegen legen selbst einkommensschwächere Schichten Wert auf Individualität, während erfolgreiche Geschäftsmänner Anzüge und Hemden einer Farbfamilie im Schrank haben. Es wird nicht unbedingt einfacher.

Ist für Sie jeder Film ein Kostümfilm?

Das Wort erinnert an Musikfilme der 50er Jahre, hat also einen komischen Nachgeschmack. Kostümbild ist eine eigenständige Profession, aber ich will ja keine Kostüme machen.

Sondern?

Charaktere einkleiden.

Sie bezeichnen sich aber schon als Kostümbildnerin?

Absolut, aber Kostümieren klingt nach Verkleiden, nach Fasching.

Wissen Sie, wie viele Filme Sie sei 1979 eingekleidet haben?

Viele, wissen Sie es?

Ich habe 72 gezählt. Ist Ihnen einer davon aus beruflicher Sicht besonders wichtig?

Genaugenommen sind es zwei, interessanterweise beides wahre Geschichten. Zum einen „Das Geheimnis des Totenwaldes“.

Die Rekonstruktion eines realen Mordfalls der Achtziger vom Frühjahr.

Nachdem ich die Hinterbliebenen kennengelernt hatte, wollte ich das Kostüm noch zurückhaltender nachempfinden, um die Ernsthaftigkeit dahinter zum Ausdruck zu bringen. Zum anderen Die Mühlviertler Hasenjagd, eine KZ-Ausbruchsgeschichte in Mauthausen. Ich war tief bewegt vom Mut der Bauern und den Erzählungen der Alten. Solche Arbeiten erzeugen eine eigene Form von Verantwortungsgefühl; da versuche ich noch mehr in die Leben der Protagonisten zu spüren, um deren Situation zu verstehen.

Hemmt diese Verantwortung gegenüber realen Figuren oder sorgt sie womöglich gar für Entfaltungsmöglichkeiten, weil man tiefer in die Psyche der Beteiligten eindringt?

Unbedingt Letzteres. Ich nehme mir noch mehr Zeit, alles Bedeutsame akribisch herauszuarbeiten. Einfühlungsvermögen, Respekt und Diskretion sind das Wichtigste.

Bei Formaten wie Ku’damm kommt dann aber noch die Beschaffung vergriffener Kleidung hinzu. Wie viel davon wird heutzutage noch eigens angefertigt?

Nach der Recherche beginnt sofort das Sourcing: wo finde ich was, in diesem Fall von Kopf bis Fuß für Damen und Herren. Danach leihe ich dann vieles in Kostümhäusern, ungefähr ein Viertel wird extra angefertigt, unter anderem für Kinder und Stuntszenen. Außerdem hat Berlin wunderbare Vintage -Stores, da lasse ich mich gern inspirieren und finde das eine oder andere schöne Teil, auch alte Stoffe, Knöpfe und Accessoires.

Hat sich das Budget dafür in den vergangenen Jahren verändert?

Das variiert nach Größe des Films und ist Verhandlungssache. Ku’damm hat in drei Teilen fast 1500 Kostümwechsel von der Unterhose bis zum Hut, da wäge ich ab, wie wichtig der perfekte Look in welcher Einstellung ist.

Anders gefragt: Wäre Ku’damm 63 vor 20 Jahren entstanden – hätten Sie mehr Geld zur Verfügung gehabt?

Vielleicht, aber Leihkostüme haben sich im Preis kaum verändert, und das ist der größte Teil des Budgets.

Wie ziehen Sie Eva, Monika, Helga samt Mutter und Männern bei Ku’damm 71 an?

Sie glauben also, dass die Reihe weitergeht? Nun, 56 war alles aus Tüll und Baumwolle. 59 gab es enge Hosen und Röcke, die Mode konsolidierte sich. 63 ist gerader, klare Farben, kürzere Röcke. Für die Jüngeren dürfte es 71 wilder, bunter, psychedelischer werden, aber die älteren, konservativeren Jahrgänge bleiben sicher ihrem Stil treu. Eine schöne Herausforderung.

Auf die Sie sich offenbar freuen.

Ja, ich lass mich gern überraschen.



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