Reichelts Kultur & Laras Zeugen

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. März

Also echt mal: „Auf Basis von Gerüchten Vorverurteilungen vorzunehmen“, wie ein Sprecher der Menschenrechts-NGO Bild die völlig haltlosen Vorwürfe gegen den Friedensnobelpreisträger Julian Reichelt kommentierte, „ist in unserer Unternehmenskultur undenkbar“. Amen. Jetzt könnte man natürlich denken, die Satire-Abteilung der ARD hätte sich in die PR-Abteilung von Europas weltgrößtem Boulevardblatt geschlichen. Aber letztere meint so was exakt so ernst wie es erstere ernst meint, wenn sie Dieter Nuhr Woche für Woche ein prominentes Portal seiner misogynen Weltsicht bietet.

Donnerstag hat er es nämlich wieder und wieder und wieder getan: Das Gendern zu bashen und dabei Fakten durch AfD-Argumente zu ersetzen. Armer, weißer, physisch junggebliebener, geistig greisenhafter Mann: wie schlaff müssen deine Testikel im Feinripp hängen, dass er immer und immer und immer wieder nach unten tritt, weil er sich nach oben zu treten ja schon lange nicht mehr traut und Konzepte wie Identitätspolitik halt einfach nicht versteht, sondern würde er ja versuchen, wenigstens ab und zu mal zu differenzieren.

Dass Dieter Nuhr vornehmlich von jenen noch Gelächter erntet, die auf der Kasseler Querdenken-Demo Samstag Journalist*innen attackiert haben, nimmt er da vermutlich längst schon nicht mehr nur in Kauf. Es zählt zu seinem Wirkprinzip. Darin ähnelt der Comedian Hendrik Streeck, der ähnlich viele Fahnen in den Wind der Querdenker hängt wie dessen komödiantischer Fürsprecher. Woraus sich Mittwoch übrigens ein ulkiger Disput mit Jan Böhmermann ergeben hat, dem ausgerechnet der Verschwörungsvirologe einseitige Polemik vorwarf.

Witzig. Lachhaft ist dagegen langsam nur noch der Dauerhinweis aller, wirklich aller Sportreporter (deren Gendersternchen mangels Reporterinnen überflüssig sind), wie öde es ohne Publikum im Stadion sei – schon, weil es so blöde ist, dass diese Stadien voller Sportprofis sind, die behaupten, keine Privilegien zu genießen.

Die Frischwoche

22. – 28. März

Donnerstag zum Beispiel hat der Fußball erneut keines, wenn er seine dauergetesteten Millionäre massenhaft zu Länderspielen durch ganz Europa schickt und damit jedes epidemiologische Konzept mit Füßen tritt. Ob RTL das am beim Spiel der Deutschen gegen Island erwähnen wird? Wohl kaum – Geschäftspartner kritisiert man nicht im Privatfernsehen. Schließlich herrscht nicht nur, aber besonders dort das Prinzip maximaler Affirmation im Umgang mit Verwertungsketten.

Wenn Disney+ tags zuvor 1. Geburtstag feiert, kann man dieses Prinzip bestens begutachten. Dort wird alles, wirklich alles aus dem Milliardenkonzern wiedergekäut. Freitag zum Beispiel die Mighty Ducks. Anfang der Neunziger machte Emilio Estevez als Coach eines Eishockeyteams voller Nerds und Looser drei Kinofilme lang Kasse. Jetzt kehrt er mit exakt demselben Prinzip als Serie auf den Bildschirm zurück. Es lebe das Fließband, an dem auch die – zugegeben divers männliche – Superheldenserie The Falcon and the Winter Soldier entstanden ist.

Ein anderes Format klingt dagegen eher nach Manufaktur Im starbesetzten Sixties-Melodram Godfather of Harlem lässt Disney zeitgleich das New York der Ära Malcolm X auferstehen (wobei das keine Eigenproduktion, sondern ein ABC-Ankauf ist). Extra für Amazon produziert wurden hingegen zwei parallel startende Prime-Serien: das Superheldenkinder-Animé Invincible. Und La Templanza. So heißt ein spanisches Weingut der 1860er Jahre, von dem aus zwei unterschiedliche Dynastien zehn Folgen lang auf Liebes-, Geschäfts- und Intrigenpfade gehen. Trotz allem Pathos sehr ansehnlich.

Das gilt auch für 8 Zeugen mit Alexandra Maria Lara als Erinnerungsexpertin, die in jeder Folge der TVNow-Serie einen davon durchleuchtet, um ein verschwundenes Kind zu finden. Noch zwei Arte-Formate zum Schluss: Der deutsch-französische Sechsteiler Frieden skizziert ab Donnerstag (21.10 Uhr) drei junge Menschen in der Nachkriegszeit. Und Samstag (22 Uhr) widmet der Kulturkanal dem Psychologen Oliver Sacks ein virtuoses Interviewporträt.



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