Andreas Spechtl: Ja, Panik & Die Gruppe

Poesie muss nicht verständlich sein

Seit ihrem Umzug nach Berlin vor 15 Jahren zählen Band Ja, Panik zu den Stars im deutschsprachigen Pop-Underground. Stets im Rampenlicht: Andreas Spechtl, Sänger, Gitarrist, Texter und Außenminister des notorisch schwarzgekleideten Quartetts aus dem Burgenland. Ein Interview mit dem 36-Jährigen über Popkulturepochen, seine Politisierung durch G8-Gipfel, ein Musikerleben in der Merkel-Ära und warum das erste Album seit sechs Jahren schlicht Die Gruppe heißt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Andreas Spechtl, gibt es für Musik so etwas wie Konjunkturen, also gesellschaftliche, politische, kulturelle Umstände, die sie begünstigen?

Andreas Spechtl: Ich denke schon, dass jede Zeit ihre Musik hat, aber interessanter finde ich die Frage, was zuerst da war – die Zeit oder ihre Musik. Macht Kultur Epochen oder machen Epochen Kultur?

Na, das ist ja mal ein kulturoptimistischer Ansatz zu glauben, Musik hätte die Möglichkeit, ihre Zeit zu prägen…

Ich meinte das eher im Sinne, dass die Kunst dafür geschaffen ist, Welten zu erfinden, in denen sich die Realität, wenn schon nicht verwirklicht, dann wenigstens verbildlicht. Kunst hat die Möglichkeit, ungedachte Ideen in die Welt zu setzen. Das merkt man schon daran, wie viel Underground irgendwann im Mainstream, gar in der Werbung landet. Am Ende ist es aber insofern ein Geben und Nehmen, weil man Kunst und Zeit gar nicht komplett voneinander trennen kann.

Gab es demnach gesellschaftliche, politische, kulturelle Umstände, die 2005 quasi organisch zur Gründung einer Band wie Ja, Panik geführt haben?

Die gab es bestimmt, wir alle sind Kinder unserer Zeit. Aber wenn die Umstände so prägend wären, würden wir noch dieselbe Musik machen wie damals. Obwohl wir in Bewegung waren, aus dem Burgenland nach Wien von da aus schnell nach Berlin, ist Ja, Panik eher aus einem persönlichen Zusammenhang als äußeren Umständen entstanden. Andererseits war damals gerade Genua passiert.

Ein G8-Gipfel, der 2001 in unfassbarer Polizeigewalt gipfelte.

Damals habe ich mich überhaupt erstmals als politisches Wesen wahrgenommen.

Hat sich dieses abrupte Ende der Neunziger, deren Hedonismus in 9/11, Dotcom-Blase, Finanzkrise und Genua explodierte, also auch auf euch als Band ausgewirkt?

Wenn die gesamte künstlerische Schaffensperiode deckungsgleich mit der Ära Merkel ist, wird das wohl so sein (lacht). Die verordnete Alternativlosigkeit ihres politischen Handelns spiegelt sich als Gegenimpuls gewiss auch in Ja, Panik wieder.

Passt das neue Album Die Gruppe demnach zum Ende der Ära Merkel, das ja spätestens durch die aktuelle Nachfolgedebatte in der CDU eingeläutet wird?

Eigentlich nicht, denn die Stücke sind anders als bei den Alben zuvor über einen so langen Zeitraum hinweg entstanden, dass einige davon ungefähr so alt sind wie die laufende Legislaturperiode. Als wir dann damit ins Studio gegangen sind, hat die Pandemie zwar alles verändert. Aber weil vorher auch schon vieles im Krisenmodus war, ist das einzig neue dieses Virus, das von Populismus bis zur Krise des Gesundheitssystems alles Virulente unserer Zeit wie unterm Brennglas sichtbar macht. So läuft es auch mit Ja, Panik: Die Gruppe beschäftigt sich zwar mit den Themen ihrer Zeit, aber auch über die kann man besser sprechen, wenn sie ein wenig zurückliegen. Ich finde es grundsätzlich interessanter, wie es zu etwas kommen konnte, als wie es gerade ist.

Klingen Stücke wie Gift oder On Livestream also nur zufällig nach Pandemieverarbeitung oder sind sie tatsächlich währenddessen entstanden?

Die sind interessanterweise älter. On Livestream ist während meiner Residency in Teheran entstanden, das Goethe-Institut hatte mich zwei Monate dorthin eingeladen. Mein Leben mit Lockdowns, in denen man meistens zuhause ist – dieses Leben hatte ich seinerzeit im Iran kennengelernt. Dort passiert eigentlich alles Private daheim, die Straße ist ein feindlicher Ort. Dass das nun auch für Berlin gilt, war beim Schreiben des Songs nicht zu erwarten, zeigt aber zum einen, welche Latenz Poesie haben kann, zum anderen, dass unser Leben schnell so werden kann wie jenes im Iran, wo der Lockdown quasi ein Dauerzustand ist.

Heißt das, die Pandemie hat auch ihr Gutes, weil man das eigene Leben mal kritisch hinterfragt und mit dem Rest der Welt ins Verhältnis setzt?

Unbedingt. Was unsere Normalität von damals bedeutet, merken wir womöglich erst jetzt und werden es nochmals neu entdecken, wenn wir wieder zu ihr zurückkehren. Das kann sehr erhellend sein.

Wie ist abgesehen von dieser Möglichkeit dein aktueller Seelenzustand?

Bis Ende 2020 war es für mich gar nicht so schlimm, weil ich intensiv an der neuen Platte gearbeitet habe und so gesehen im selbstverordneten Lockdown war. In der Jahreszeit bin ich eh relativ asozial, da war ich manchmal froh, mich einigeln zu können. Seit das Album fertig ist und der Platz im Kopf frei für normales Leben, schlägt sich die Pandemie aber schon auch darin nieder.

Sind eure Platten also, zurück zur Eingangsfrage, Spiegelbilder deiner inneren Verfassung oder der äußeren Umstände?

Der Grundversuch der ja, panischen Poesie war immer, die Welt durch die innere Verfassung von uns selber als kleinstem Teil darin ein bisschen besser zu verstehen. Völlig frei von den Verhältnissen über mein Gefühlsleben zu schreiben, hat mich noch nie interessiert. Ich kann mich ja nicht ohne das System denken, in dem ich lebe.

Umso erstaunlicher ist es, wie viel ihr den Zuhörer*innen abverlangt, diese Gedanken zu verstehen. Wollt ihr euer Publikum verwirren oder bin ich nur zu begriffsstutzig?

Letzteres würde ich niemandem unterstellen. Wir nehmen unsere Hörer*innen sehr ernst. Aber ich verlange von Musik, also Poesie überhaupt nicht, verständlich zu sein. Auch ich verstehe nicht alles, was ich schreibe. Auch bei anderen interessiert mich Kunst erst dann so wirklich, wenn sich ihr Sinn nicht sofort offenbart. Ich möchte nicht alles durchschauen. Die Welt hat ohnehin so viele ihrer Geheimnisse verloren, da finde ich es schön, nicht alles auf den ersten Blick zu begreifen. Entsprechend schade ist es, wenn jemand unsere Texte Wort für Wort auseinandernimmt.

Du verlierst dich also gern mal in der Schönheit der Sprache oder dem, was der HipHop Punshlines nennt?

Ich glaub jedenfalls fest an die Poesie der Schönheit. Wer sich mit einer konkreten Idee an Dinge setzt, vermittelt selbst dann Inhalte, wenn sie schwer zu begreifen sind. Das ist glaube ich das Wesen von Ästhetik.

Was sagt der maximal konkrete, gleichsam diffuse Titel „Die Gruppe“ da über den Inhalt aus?

Dass wir uns erstmal wieder darüber im Klaren werden wollten, was Ja, Panik überhaupt war, was an der Gruppe erhaltenswert, was erneuerungswürdig ist. Wir sind jetzt Ende 30. Da stellt man sich schon mal die Frage, welche Richtung unsere Existenzen nehmen. Zugleich geht der Titel über uns hinaus und stellt die Frage, wie Arbeit im Kollektiv generell funktioniert. Jeder hat seine Gruppen.

Meine Deutung war zunächst, Ja, Panik möchte sich und uns beweisen, dass sie mehr ist als Andreas Spechtl.

Das würde voraussetzen, es gäbe Klarstellungsbedarf. Ich bin nun mal eine Art Außenminister der Gruppe, darauf hätte niemand sonst Lust. Frag mal Stefan, ob er Interviews geben möchte! Der macht lieber das Cover, ein anderer die Tourposter. Ja, Panik funktionieren wie ein kleiner Staat mit Ressorts, in denen jeder seine Stärken ausspielt. Wir sind damit sehr zufrieden.



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