Lisa Bitter: Schlafschafe & Beischläfer

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Irgendwann hilft nur noch Abgrenzung

In der Neo-Serie Schlafschafe spielt Tatort-Kommissarin Lisa Bitter (36) eine Frau, die zur Verschwörungsideologin wird und damit ihre Familie zu zerstören droht. Ein Gespräch über Querdenker und Schmerzgrenzen, Cobra 11, Instant-Dramas oder wie es ist, in der Pandemie die Pandemie zu spielen

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Lisa Bitter, in der Neo-Serie Schlafschafe spielen Sie eine Frau, die während der Pandemie tief ins Querdenker-Milieu abgleitet. Kennen Sie solche Menschen persönlich?

Lisa Bitter: In meinem engeren Umfeld hat sich glücklicherweise niemand in dieser Weise radikalisiert. Darüber hinaus höre ich natürlich schon von Freundschaften, die zerbrochen sind oder Paaren, die sich trennen. Weil ich selbst keine Kinder habe, kriege ich zum Beispiel das in der Serie aufgegriffene Thema Maskenverweigerung in Kita oder Schule nicht so hautnah mit.

Wie würden Sie denn damit umgehen, wenn Ihr eigener Mann anfinge, Masken zu perforieren und Rauchmelder abzunehmen?

Ich würde vermutlich wie Lars bei Melanie im umgekehrten Fall versuchen, ihn mit allen Mitteln auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen oder zumindest im Gespräch zu bleiben. Ab einem bestimmten Punkt scheint mir das allerdings unmöglich. Eine Erkenntnis dieser Arbeit ist, dass Querdenker demokratische Spielregeln von Information und Teilhabe, auf die wir uns in einer funktionierenden Demokratie geeinigt haben, so ad absurdum führen, dass echter Austausch unmöglich wird.

Weil Gegenargumente nur als Indizien der jeweiligen Blindheit gelten?

Genau. Das macht dieses Dilemma schier unauflösbar und so dramatisch, weil die Gefahr, Menschen zu verlieren, die man liebt, gewaltig ist. Da hilft irgendwann nur noch Abgrenzung.

Grenzen Sie sich auch von 53 Kollegen und Kolleginnen ab, die unter #allesdichtmachen Figuren wie Lars und Sie als „Schlafschafe“ bezeichnen, Medien als gleichgeschaltet kritisieren und Lockdowns als übertrieben?

Ich distanziere mich von Haltungen, die zur Spaltung der Gesellschaft beitragen und empfinde die gesamtgesellschaftliche Stimmung da als sehr angespannt. Umso wichtiger erscheint es mir, mit Bedacht und Feinfühligkeit in die Kommunikation zu gehen.

Geht dieser Vorwurf auch an Ihre Kollegin Ulrike Folkerts vom Ludwigshafener Tatort, die anfangs auch mitgemacht hat?

Dazu möchte ich mich nicht äußern.

Bietet die Serie denn Strategien im Umgang mit Querdenkern an oder ist sie so fatalistisch, wie Sie gerade klingen?

Ich glaube, die Serie will nur abbilden, was in dieser Konfliktsituation passieren kann und wie schwer es ist, sich daraus einvernehmlich zu befreien. Kompliziert wird es für Leute wie Lars ja, weil sich Melanie aus einem Gefühl von Angst und Sorge auch um ihr Kind auf den Weg ins Dunkel macht; diese Ängste kann man ja nicht ignorieren. Ebenso wenig wie das Bedürfnis, auf Fragen einer komplizierter werdenden Welt simple Antworten zu suchen. Darin steckt ja das Perfide der Verschwörungsideologie, die zugleich für systematische Immunisierung gegen vielschichtige Betrachtungen sorgt.

Hat Ihre Figur demnach die Opfer- oder Täter-Funktion der Serie?

Verglichen mit Lars, der vor allem reagiert, ist sie in jedem Fall die Tätige im Sinne von Handeln. Wobei die meisten Verschwörungsgläubigen sich anfangs vermutlich in einer Opferrolle sehen, aus der sie sich befreien wollen. Eine gewisse Ohnmacht der sie scheinbar ausgeliefert sind. Der „Befreiungsakt“ und die Radikalisierung lässt sie dann eventuell zu Tätern werden.

Wie hat es sich für Sie denn angefühlt, das zu spielen – eher gut oder eher böse?

Mit dieser Form von Wertung tue ich mich als Schauspielerin generell schwer; schon, weil interessante Rollen nur selten das eine oder das andere sind. Da ich als „Tatort“-Kommissarin seltener mit dem Bösen assoziiert werde, habe ich mich unglaublich auf diese Figur gefreut, aber eher, weil ich ihre Denk- und Handlungsweise privat so ablehne. Trotzdem hatte ich bei ihrer Ausgestaltung kein Gefühl von gut oder böse, eher von stringent und logisch. Ich versuche meine Rollen nicht zu werten, sondern glaubhaft zu machen.

Wie war es denn dabei, in der Pandemie die Pandemie zu spielen?

Sehr befriedigend. Einen Themenkomplex von dieser aktuellen Relevanz habe ich zuvor noch nie gedreht. Oft war es so, dass die Nachrichtenlage vom Vortag morgens direkt in die Arbeit eingeflossen ist. Weil jeder eine Haltung dazu hatte, herrschte bei allen Beteiligten besondere Aufmerksamkeit für diese Art „Instant Fiction“, wie sie das ZDF nennt. So nah am Thema zu sein, finde ich toll, das darf sich gern wiederholen.

Glauben Sie, die Echtzeit-Verarbeitung der Realität macht Schule und wir sehen nach der Pandemie mehr Instant Fiction?

Das wäre doch mal ein cooles Überbleibsel einer Zeit, in der ich ständig denke, das Gröbste sei jetzt aber mal überstanden und alles wird besser, nur um sofort eines Besseren belehrt und wieder enttäuscht zu werden. Wer weiß: vielleicht ist die Pandemie nie ganz weg, vielleicht bleiben uns Masken und Abstand erhalten. Warum sollte uns da nicht auch diese Art der fiktionalen Erzählung erhalten bleiben? Das empfände ich als Zugewinn.

Spielen Sie generell lieber zeitgenössischen Realismus wie Schlafschafe als heitere Belanglosigkeit wie Beischläfer?

Ich finde, alles ist auf seine Art wichtig – Leichtigkeit und Humor genau wie Wahrhaftigkeit und Ernst. Trotzdem gefällt es mir schon besonders, wenn wir zum Beispiel im Tatort reale und aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreifen und mit guter Unterhaltung verbinden. Man spürt regelmäßig an der Resonanz, wie viel intensiver Medien und Publikum darauf reagieren. Dennoch ist mir die Unterschiedlichkeit der Genres, mit denen ich mich beschäftigen darf, sehr willkommen.

Also auch Cobra 11, was vor zehn Jahren eher bei Ihnen vorkam als heute der Tatort Ludwigshafen oder Schlafschafe?

Ich bin jetzt seit 15 Jahren in dem Beruf und gerade am Anfang der Karriere ist es wichtig, viel zu arbeiten, um in möglichst vielen Genres Erfahrungen zu sammeln und das Handwerk zu schulen. Natürlich gibt es Formate, die einen eher künstlerisch ernähren, und solche, die es mehr finanziell tun. Diese Waagschale ist fair und völlig in Ordnung.

Aber wo wäre da denn Ihre Schmerzgrenze?

Nicht bei Cobra 11 jedenfalls. Das ist ein supererfolgreiches Format, bisschen Kindergeburtstag für Schauspieler*innen: es brennt, kracht, es knallt. Ihre Frage ist absolut berechtigt, zumal es beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer noch einen Bildungsauftrag gibt. Dem Publikum handwerkliche, hochwertige Unterhaltung zu bieten, ist völlig okay.

Sie pflegen also keinen Dünkel gegen Trash?

Keinen. Deshalb habe ich meine Agentur mal gebeten, mir Bücher nur ohne Nennung des zugehörigen Formats und Senders zu schicken, damit ich unvoreingenommen auf den Inhalt blicke. Wobei nein sagen zu können, ein Privileg ist.

Können Sie öfter Nein sagen, seit Sie 2014 Tatort-Kommissarin geworden sind?

Definitiv. Es verbessert aber nicht nur die Verhandlungsposition, sondern sorgt in meinem unsteten Beruf auch für mehr Planungssicherheit. Wer zwei Filme dieser Größenordnung dreht, kann in der Zwischenzeit sorgsamer auswählen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Funktionieren Schauspielerinnen demnach wie Verlage, die sich literarische Perlen mit Massenware finanzieren?

Ein bisschen ist das so – obwohl ich es weniger drastisch formulieren würde. Auch in der Masse gibt es schließlich Perlen.

Zwei Tatorte im Jahr heißt dennoch: auch mal ein Studentenfilm ohne große Gage.

Sehr gerne sogar.



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