Fritz Wepper: Schwiegersohn & Grantler

80wepper

Humor ist auch Selbstironie

Er ist Harry Klein und dessen Parodie, verhinderter Hollywoodstar und Schnulzenschauspieler, ewiger Schwiegersohn, alternder Dickschädel und für kurze Zeit angeblich rechtsradikal. Fritz Wepper (Foto ARD/Barabara Bauriedl) war schon immer von Vorurteilen bedroht, die er sich nicht selten selbst eingebrockt hat. Beim Gespräch über ältere Rollenprofile und falsche Ehrendoktorwürden aber zeigte er sich vor 15 Jahren aufgeschlossen und freundlich. Die Dokumentation eines alten Interviews zum 80. Geburtstag.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Wepper, Sie waren bis ins hohe Erwachsenenalter hinein auf den Typ juveniler Traumschwiegersohn abonniert, bis Sie plötzlich auf alternde Grantler und Dickköpfe gebucht wurden.

Ein bisschen. Das erklärt sich aus der professionellen Sicht des Schauspielers; man nennt es Charakterfach.

Das Fernsehen erweckt insgesamt den Eindruck, als übernähmen alternde Darsteller vor allem den halsstarrigen Part einer Geschichte.

Ich empfinde das nicht ganz so, aber wenn ich den lieben Gott oder den Teufel spielen sollte, dann doch lieber den Teufel. Nicht aus Sympathie For The Devil, der Förster vom Silberwald wäre mir jedoch zu glatt. Beim Faust würde mich der Mephisto mehr reizen. Es gibt Helden oder Bösewichter, dazwischen bewegt sich das klassische Theaterfach älterer Figuren mit mehr Lebenserfahrung als die Schwiegersöhne von damals. Das ist reizvoll, weil sie innerhalb der Geschichte Entwicklungen durchmachen. Sei es eine Läuterung, sei es ein Erfahrungsgewinn, meistens ausgelöst von Partnern oder in diesem Fall der Tochter.

Dickköpfigkeit ist also keine Frage des Alters, sondern der Biografie.

So würde ich das sehen. Ich habe ja im Film ein fortgeschrittenes Alter und stehe von einem Tag auf den anderen ohne Beruf da. Ein leidenschaftlicher Gärtner, der mit den Händen denkt, gern wachsen sieht und plötzlich von einem Großmarkt des amerikanischen Systems verdrängt wird. Das entspricht der Situation von vier Millionen Menschen in unserem Land. Wobei sich ja ein Silberstreif am Horizont abzeichnet. Dennoch zeigt sich, dass nicht jeder unbedingt seines Glückes Schmied ist und so ein sozialer Absturz in einer spätkapitalistischen Phase ist gar nicht so einfach.

Das spricht gegen den Titel Ein unverbesserlicher Dickkopf.

Der Titel ist okay, aber unverbesserlich klingt zu starrhalsig und Dickkopf zu stumpf, beschreibt er doch nur die Richtung der Figur, die ja ihre Chancen nutzt, dazuzulernen. Wenn man mit dem Kopf durch die Wand will, tut es spätestens bei der ersten Berührung weh.

Sie haben sich selbst als sturköpfig bezeichnet, weil sie im Gespräch – etwa mit Ihrer Tochter – gern auf ihrer Position beharren.

Aber das heißt ja nicht unbedingt stur. Unterschiedliche Ansichten sind nichts Verwerfliches; ein Herz und eine Seele zu sein, erklärt sich nicht darin, dieselben Gedanken zu denken, gerade wenn es sich um zwei Generationen handelt. Eltern verhalten sich zum Beispiel anders zu ihren Kindern als Großeltern, bei aller Liebe. Bei meiner Großmutter hätte ich im Bereich des Verträglichen alles tun können. Wie bei Freunden, wo man einen Riesenkredit hat, ihn aber gar nicht abhebt, ohne Druck, ohne erhobenen Zeigefinger. Eltern müssen strenger sein und ich bin immer noch das Kind meiner Mutter und nicht Fritz, sondern Fritzi. Die ist zwar 88 aber das bleibt so.

Eltern hassen Großeltern oft für deren Nachsicht mit den Enkeln.

Bei uns ist das nicht so und es ist ja auch kein Konkurrenzunternehmen. Meine Tochter geht einmal in der Woche mit meiner Mutter zum Essen und das finde ich als Vater toll. Deshalb sehe ich mich nicht als Dickkopf, wenngleich es wenig schmeichelhaft ist, sich belehren zu lassen. Auch im Alter bin ich lernfähig, wie im Golf, wo man sich immer verbessern kann.

Vor über 30 Jahren hatten Sie mal die Gelegenheit, sich beruflich zu verbessern: Nach der Rolle Cabaret stand Ihnen der Weg nach Hollywood offen.

Ich hatte eine Einladung zur Oscar-Verleihung und mein TV-Produzent hat mich nicht fahren lassen, was ich ihm heute noch übel nehme. Aber es gab eine Nachlese. Die MCA, Amerikas größte Agentur, eigentlich acht Anwälte, haben mir ein Stück am Broadway und zwei Filme angeboten. Das war im Mai 1972 und ich sagte, ich hätte noch einen Vertrag für dieses Jahr und eine Option aufs nächste. Ich bin so doof, ich halte meine Verabredungen immer ein, und die sagten nur: Okay, forget it. Das war der härteste Satz, den ich in meinem Berufsleben je hören musste. Damals war ich 31 und wäre selbst in dem Bewusstsein gern nach Hollywood gegangen, dass man keine Hauptrollen kriegt und meistens den Deutschen spielt.

Bereuen Sie es heute?

Nein, denn es war wie es war. Und echten Mutterwitz kann man ohnehin nur zuhause spielen. Auch die Körpersprache muss genetisch angewölft sein. Ich hätte nie an Walther Matthau und Jack Lemmon herangereicht.

Dafür muss man Muttersprachler sein.

Es ginge auch mit deutschem Akzent, aber die Selbstsicherheit, die professionelle Gelassenheit, kannst du nur bringen, wenn du dir der Mittel, deines Handwerks sicher bist. Die Sprache zu betonen, zu ironisieren, dafür musst du deiner Sprache absolut mächtig sein. Das ist eine Mentalitätsfrage.

Denken Sie heute manchmal an damals?

Ja, jetzt wo Sie es sagen (lacht). Nein, ich wache nicht nachts auf und grüble. Das ist abgehakt, auch wenn es eine knallharte Lektion bleibt: Forget it, kalt formuliert, aber that’s New York und die Branche und nicht drum rum geredet. Hier kriegst du ja den Mund manchmal nicht auf, weil dir so viel Honig um den Bart geschmiert wurde. Und ein bisschen mitspielen durfte ich danach ja auch noch.

Gab es andere Dinge, die Sie bereut haben. Etwa, so lange im Serienfach zu bleiben?

29 Jahre, um genau zu sein. Nein, denn ich hab ja zwischendurch was anderes gemacht. Außerdem gibt es viele Krimiformate, aber anscheinend haben wir die Frage, wo waren Sie letzte Nacht, besser gefragt als andere, sonst wären wir mit Derrick nicht in 102 Länder verkauft worden. Es gibt eben phänomenale Konstellationen wie mit dem Autor Herbert Reinecker. Es gab unlängst eine Fritz-Wepper-Nacht auf Premiere.

Ist nicht wahr?

Doch, mit Zwei Brüder, Derrick und der Persiflage von Harald Schmidt – Harry, hol schon mal den Wagen. Irrsinnig schmeichelhaft. Ich hab festgestellt, dass solche Serien eine ungemeine Präsenz bringen. Kollegen wie mein Bruder machen tolle Einzelfilme, aber diese Präsenz kriegt man sonst nirgends. Und dann ich hatte später auch noch großes Glück mit Um Himmels Willen, womit ich den Spagat geschafft habe von Harry zu Wöller, das war ein glücklicher Umstand. Es gibt in Deutschland Worte wie Häme und Neid, da kann ich mich doch glücklich schätzen, weiter gemacht zu haben.

Letzte Reue-Frage: Haben sie es bereut, kürzlich die Ehrendoktorwürde einer fiktiven Deutschen Nationalakademie mit Satzungspassagen aus Mein Kampf und dem NPD-Programm angenommen zu haben, die in Wahrheit das Magazin Tempo verliehen hatte.

Nein, denn das war eine ganz linke Nummer. Ich habe ja das Anschreiben gar nicht gelesen, sondern nur beim dazugehörigen Anruf gesagt, mich geehrt zu fühlen, so eine Würde angetragen zu bekommen. Das war Vorspiegelung falscher Tatsachen, die vor Gericht gehört. Wenn es da nicht einige Namen gegeben hätte, mit denen ich mich nicht verbünden wollte, hätte ich eine Gemeinschaftsklage vorgeschlagen. Eine ganz üble Falle, wodurch diese Zeitschrift womöglich sogar PR erzielt hat.

Müssen Sie sich nicht eine gewisse Unachtsamkeit und Nachlässigkeit vorwerfen?

Hören Sie, es war ein fünf Seiten langer Brief, der zudem zuvor telefonisch abgefangen wurde. Und so eine Doktorwürde klingt natürlich erst mal, obgleich ich skeptisch war. Es gab keine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern nur eine Terminabsprache. Ich möchte mal Sie in so einem Fall erleben. Bei einem Terminvorschlag lese ich nicht fünf Seiten.

Hat die Sache Ihrem Ruf geschadet?

Nein, das war ein Rohrkrepierer. Was die sich erhofft haben, war verwerflich und hat nicht mal den Charme von Vorsicht Kamera, man müsste fast sagen: Vorsicht Presse!

Nun gut, der Gedanke dahinter war ja eher: Vorsicht Rechtsradikale! Sind wir da wirklich aufmerksam genug…

Aber das soll man doch bitte nicht auf diese Art herausfinden. Mit der Unwahrheit zu arbeiten ist nie sehr ruhmreich. Jeder fällt schließlich mal auf irgendwas rein. Wir sind da alle anfällig und da soll mir bloß keiner einen Strick draus drehen. Ich bin alles andere als rechtsradikal.

Sind Sie denn selbstkritisch? Der Zeichentrickversion von Derrick, dem Sie Ihre Stimme geliehen haben, gilt als Misserfolg.

Das empfinde ich nicht so. Ich war bei zwei Premieren dabei und es gab herzliches Gelächter und lang anhaltenden Applaus. Und dann muss man die Entstehungsgeschichte sehen: wir mussten unsere Texte sprechen, bevor die Bilder da waren, dann haben wir nochmals drüber gesprochen, bis es erneut gepolisht wurde. Aus dieser Perspektive war der Film ein Erfolg. Dass das erwartet große Publikum nicht kam, war etwas anderes. Kino ist eben nicht gleich Fernsehen, und viele, die Derrick gemocht haben, wollten ihn nicht verunglimpft sehen. Wir, Tappert und ich, hatten Abstand und Humor genug, uns zu karikieren.

War das der endgültige Abschied von Derrick?

Nein, das war die letzte Folge. Und mit viel Wehmut verbunden. Erinnern Sie sich an die Darstellung in Samstag Nacht? Horst Tappert meinte zu mir, Fritz, wir werden da verunglimpft, da meinte ich, Horst, wir werden wahrgenommen! Humor ist auch Selbstironie. Meine Mission des Humors, über den man trotzdem lacht, ist erfüllt.



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