Martin Gore, Tropical Fuck Storm, Villagers

Martin Gore

Wenn Bandlegenden fremdgehen, gibt es meist nur zwei Durchbruchsvarianten: maximale oder minimale Distanz zum Hauptwerk. Mike Patton macht seit vielen Jahren ersteres und klingt in keinem seiner Sideprojekte ansatzweise nach Faith No More. Karl Barthos macht ähnlich lang letzteres und klingt dabei genau wie Kraftwerk. Martin Gore wählt dann doch den Zwischenweg. Schon mit seiner Kollaboration MCMG hat der Keyboarder den Sound von Depeche Mode auf Minimal House gebürstet. Jetzt bringt er sein drittes Soloalbum heraus, und es klingt ein bisschen, als hätte man Dave Gahan geknebelt in heißes Wachs geworfen und beim Zappeln aufgenommen.

 

Zu nostalgischem Kellerclub-Industrial der späten Achtzigerjahre, schwitzt Martin Gore rustikalen Techno aus, als sei er auf einer der ersten Love-Parades hängengeblieben. Es muss allerdings gutes Zeugs gewesen sein, denn besonders die reduzierten Hallsequenzen überm treibenden Beat entfalten ungeheure Sogwirkung. Ursächlich sind dafür Elektroniker von JakoJako über Jlin bis Chris Liebing, denen er Remixe widmet, die mit Depeche Mode alles und nichts zu tun haben. Deren Ideenreichtum ist spürbar, mangels Gesang aber leicht vereinsamt – und dennoch tanzbar.

Martin Gore – The Third Chimpanzee (Mute)

Tropical Fuck Storm

Ob man den Namen eines Musiklabels buchstäblich auf dessen Bands anwenden sollte, sei mal dahingestellt, aber dass die australischen Harmonie-Zerstörer Tropical Fuck Storm ihr neues, viertes Album nun ausgerechnet bei Joyful Noise veröffentlichen, ist schon bemerkenswert. Dabei passt der zweite Namensteil noch wie Eisenträger auf Wellblech. Das Quartett aus Melbourne mit dem Drones-Gründer Garreth Liddiard an der Gitarre, macht ja seit Jahren schon eine Art Noise, der bis zum Tinnitus Schmerzgrenzen auslotet. Aber freudebringend?

Für Fans dystopischen Antipops auf jeden Fall! Der zottelige Hahn im Drahtkorb der Soundforscherinnen Fiona Kitschin, Lauren Hammel und Erica Dunn schreibt schließlich Stücke von so überfrachteter Gerissenheit, dass krasser Krautrock perfekt mit Punk Blues und Alternative Jazz disharmoniert. Deep States, das sich inhaltlich ziemlich originell mit den Abgründen zeitgenössicher Politik und Kultur befasst, mag zwar nichts für den Sommernachmittag im Schrebergarten sein. Nur – wer will das auch schon…

Tropical Fuck Storm – Deep States (Joyful Noise)

Villagers

Stichwort Sommernachmittag, Stichwort Schrebergarten, Stichworte Disharmonie und Abgründe: Wenn an einer Platte nichts zusammenzupassen scheint und doch alles ineinander übergeht wie Emulisionen aus Saft und Sahne – dann sind wir schnell beim irischen Singer/Songwriter Conar O’Brian und seiner absolut hinreißenden Folkpopband Villagers. Als würde er mit einer Kreuzfahrtschiff-Kapelle Zappa interpretieren, planscht die Band im Flachwasser des Easy Listening und wühlt es dennoch gehörig auf.

Schließlich fläzt sich das halbe Dutzend Bandmitglieder auf einer Bläserluftmatratze voller Saxofon-Kissen aus dem Höllenpfuhl der Achtzigerjahre, schmiert quietschbunte Keyboard-Cocktails mit öligen Orgeltupfen ein und fettet sogar noch den kratzigen Schmusegesang des Taktgebers so nach, dass Sommernachtmittage im Schrebergarten plötzlich sehr erstrebenswert scheinen. Mit dem richtigen Soundtrack. Diesem hier: Fever Dreams.

Vilagers – Fever Dreams (Domino)



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