Doepfners Herrschaft & Hitlers Fake

Die Gebrauchtwoche

TV

22. – 28. November

Was wir aus der vergangenen Woche über die Medienbranche gelernt haben: Man darf seine Demokratie als Diktatur beschimpfen und dennoch den wichtigsten Zeitschriftenverband leiten. Man darf damit die Abermillionen Opfer echter Diktaturen verunglimpfen und dennoch Präsident vom Bundesverband der Digitalpublisher und Zeitungsverleger bleiben. Man darf zudem ein System sexistischer Gewalt im eigenen Haus fördern, sozialen Hass schüren, publizistische Standards verachten und wird trotzdem vom BDZV im Amt bestätigt?

Wie armselig, verkommen und klein muss ein Branchenverband sein, der das zulässt. Oder wie männlich. Denn man darf all dies, wenn man „man“ ein „n“ anhängt und realisiert, dass die Männerherrschaft in diesem Land ungebrochen bleibt, ja im Grunde nicht mal angekratzt wurde. Dieses selbstherrliche Machtsystem duldet also auch weiterhin einen demokratie-, presse-, wahrheits-, letztlich menschenverachtenden Machtmann wie Mathias Döpfner an der Spitze und macht sich damit zum Gespött aller Journalistinnen und Journalisten mit so etwas wie einem moralischen Kompass.

Wie der Spiegel-Verlag um Geschäftsführer Thomas Hass votierte, ist nicht überliefert. Besonders von dort allerdings hätte man/frau ein starkes Votum gegen Döpfner erwartet – dessen Ausgeburt Reichelt im Rechtsstreit um die Spiegel-Story Vögeln, fördern, feuern vom März 2021 übrigens gerade ein Etappenziel erreicht hat. Die Verfasser, urteilt das Hamburger Landgericht, hätte Reichelt mehr Zeit zur Reaktion geben müssen. Zeit, die er selber Feinden, pardon: Berichtsobjekten wie Christian Drosten natürlich nicht gab.

Das Urteil verkennt die Rolle der Medien damit fast so wie Zervakis & Opdenhövel, deren Impfkampagne Journalismus bisweilen mit PR verwechselt – obwohl explodierende Inzidenzen natürlich langsam mehr Engagement erfordern als ein paar Brennpunkte, die gerade wieder verstärkt laufen. Bei all dem Chaos gibt es aber auch gute Nachrichten – zumindest für Serienfans: Streaming kostet doch nicht die Welt, sondern ganze sechs Gramm CO2-Äquivalent pro Stunde, sofern es nicht über alte Handy-Netze, sondern Glasfaserkabel läuft.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

29. November – 5. Dezember

Also ran ans Portal und Florian Lukas ab Freitag als Dartspieler in der hinreißenden Sky-Groteske Die Wespe sehen. Oder parallel dazu Whoopi Goldberg in der Schwarzen Sex-and-the-City-Version Harlem auf Prime Video. Oder Get Back, Peter Jacksons 468-minütige Langzeitdokumentation vom Ende der Beatles bei Disney+, nicht weniger als das Sachfilmformat des Jahres. Eins der bedeutsamsten Unterhaltungsformate 2021 dürfte hingegen die neueste Nachstellung des größten Presseskandals zwischen Weltkrieg und Wende sein.

Faking Hitler zeigt ab morgen bei RTL+, wie der honorige Stern vor 40 Jahren auf die Tagebuch-Fälschungen des Gröfaz reingefallen ist, besser: reinfallen wollte. Anders als Helmut Dietls Schtonk! machen Tobi Baumann und Wolfgang Groos aus Tommy Woschs Büchern allerdings keine Mediensatire, sondern die scharfsinnig komische Gesellschaftsanalyse einer Zeit, als Männermacht noch braungesprenkelter und frauenfeindlicher war als jetzt. Sechs Teile lang exzellentes Geschichtsentertainment.

Und damit das Gegenteil von Ein Hauch von Amerika, womit das Erste ab Mittwoch dreimal 90 Minuten die frühen Fünfziger zum Ort einer melodramatischen Kitschkanonade macht. Selbst durch den billigen Versuch, die übliche Dreiecksgeschichte einer Frau (Elisa Schlott), zwischen zwei Männern auf Julian Reichelts Kernkompetenzen (Rassismus, Sexismus, Geschichtsrevisionismus) anzuwenden, wird dieses ölige Stück Stromlinienfernsehen nicht erträglicher.

Empfehlenswerter wäre der Arte-Zwölfteiler The Split (Freitag, 20.15 Uhr) um eine Londoner Scheidungsanwältin im Trennungsstress, quasi die tragikomische Fiktion der dokumentarischen HBO-Aufarbeitung Woody Allen vs. Mia Farrow, tags zuvor bei RTL+. Und noch zwei Wiederholungen am Mittwoch: Vox zeigt die Schirach-Verfilmung Glauben erstmals im Free-TV und Magenta endlich mal wieder das Stromberg-Original The Office.



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