Scholzens Herz & RTLs Sisi

Die Gebrauchtwoche

TV

29. November – 5. Dezember

Ein Raum, ein Stuhl, kaum Licht, viel Sinn: Mit 15 Sendeminuten in gedeckter Atmosphäre begann vor zweieinhalb Jahren die weitergehende Adoleszenz der Kindsköpfe Joko & Claas im Duell mit ProSieben. Als Statement gegen die Kälte der Mehrheitsgesellschaft saßen damals nacheinander drei Betroffene wie die Flüchtlingshelferin Carola Rackete allein im Studio und warben für Menschlichkeit. Ein Raum, ein Stuhl, kaum Licht und der künftige Bundeskanzler: Stilistisch glich die 25. Folge der ersten. Das Personal hatte es abgesehen vom Charité-Oberarzt Daniel Zickler und einem Long-Covid-Opfer allerdings noch mehr in sich.

So gelang den Entertainern etwas, worum seriösere Redaktionen ewig kämpfen: Olaf Scholz ohne Sprechautomatismen. Ein Spitzenpolitiker, der scheinbar von Herzen redet. Überhaupt: der redet, statt ablesen. Dass das alles nur die übliche Polit-PR war, legte indes Scholzens Auftritt bei Ein Herz für Kinder am Samstag im ZDF nah. Gemeinsam mit Grünen wie Baerbock & Habeck unterm Logo der menschenverachtenden Bild für Wohltätigkeit zu werben, ist dem NS-Winterhilfswerk am Ende näher als Altruismus. Aber gut, wer in diesem Land was werden will, braucht zwar keine Glotze mehr, aber immer noch das Wohlwollen des Springer-Konzerns – schon, damit sich dessen Hass nicht gegen eine*n richtet.

Daran hat der Abgang von Julian Reichelt nichts geändert. Nachdem Correctiv-Gründer David Schraven per Tweet für Furore gesorgt hat, der sexuelle Gewalttäter käme beim Fernsehkanal des ökotrophologischen Gewalttäters Dietrich Matteschitz unter, würde also von Springer zu Red Bull (was ideologisch einem Wechsel von Ken Jepsen zu Bild TV entspräche) gehen, twitterte Reichelt auf sich aufmerksam und geißelte die unvermeidbare Ankündigung einer allgemeinen Impfpflicht als „größten politischen Wortbruch in der Geschichte der Bundesrepublik“.

Größer also als der anfängliche Kampf seiner Redaktion für totale Lockdowns, die er später im Dienst der AfD bis aufs Blut bekämpfte? Man müsste das eigentlich mit Reichelt selbst besprechen, aber vermutlich würde er dabei alle Frauen im Raum befingern, also lassen wir’s und wenden uns kurz jenem Mann zu, der rechtspopulistischen Spaltern wie ihm ein Forum bietet. Bis jetzt. Denn Twitter-CEO Jack Dorsey gab vorige Woche bekannt, sein Baby zur Adoption freizugeben und den Mikrobloggingdienst sofort zu verlassen.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

6. – 12. Dezember

Wenn die hochinteressante ZDFinfo-Serie Schattenwelten über Machtsysteme unterm Radar der öffentlichen Kontrolle nach den ersten vier Folgen am Donnerstag fortgesetzt wird, käme vielleicht ja mal der Mikrokosmos sozialer oder boulevardesker Medien dran, wer weiß. Bis dahin aber verlustieren wir uns dokumentarisch mit leichterer Kost wie der Naturdokumentation Welcome to Earth, in der sich mit Will Smith der nächste Hollywoodstar als Presenter nachhaltiger Themen auf Disney+ grünwaschen darf.

Oder wir schauen richtig gut verdauliches Zeug. Zum Beispiel Ein Abend mit Hape Kerkeling, den Vox seinem frisch erworbenen Zirkuszugpferd heute Abend ohne tieferen Inhalt als die Titelfigur an sich schenkt. So richtig jenseits aller tiefergehenden Bedeutung ist hingegen ein Sequel, mit dem Sky ab Donnerstag Erfolgsformate totreitet. Ohne die einzig kantige Kim Cattrell im Hochglanzcast, setzt And Just Like That… die Konsumgörenanleitung Sex and the City fort – worüber wir hier leider nichts sagen können, weil HBO Max die Fortsetzung vorab wie ein Staatgeheimnis hütete.

Weniger staatgeheimnisvoll ist hingegen das Remake der ewigen Sisi ab Sonntag bei RTL+ mit Dominique Devenport und Jannik Schümann als Kaiserin und Kaiser der Herzen. Der Sechsteiler ist zwar nicht unbedingt die Neuerfindung des Romanzen-Rades. Wer allerdings Romy-Schneider-Gedächtnis-Sülze erwartet, wird zumindest teilweise enttäuscht oder wahlweise überrascht. Die Neuverfilmung zeigt bei aller Lust am Kostümieren eine deutlich rauere Version des weichgezeichneten Nachkriegseskapismus mit zeitgenössischer Lust am Kopulieren, versteht sich.

Und sonst? Schickt der NDR eine französische Kommissarin mit Riesen-IQ Donnerstag auf die Verbrecherjagd HIP. Mittwoch erinnert ZDFinfo an Europas Vergessene Diktaturen wie diejenige, griechischer Obristen. Und tags zuvor rollt die ARD leider erst um 22.45 Uhr Die Milliarden-Lüge des Wirecard-Skandals auf.



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