Jörg Draeger: Heißer Preis & netter Zonk

Ich bin ein Zocker, aber nicht suchtgefährdet

draeger

Nach elf Jahren Geh aufs Ganze! verschwand Moderator Jörg Draeger (Foto: Frank Hempel/Sat1) 2002 weitestgehend aus dem Rampenlicht. Jetzt hat Sat1 den Mittsiebziger fürs Revival der Rateshow zurückgeholt und damit sofort Topquoten erzielt. Ein Gespräch über Anarchie und LED-Wände, Casino-Besuche und den legendären Zonk.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Draeger, haben Sie sich in Vorbereitung zur Neuauflage eigentlich ein paar alte Ausgaben von Geh aufs Ganze! angesehen?

Jörg Draeger: Ja, aber es war wie so oft bei Leuten, die vor der Kamera auftreten: ich kann mich da selber nicht so gut ertragen, konnte ich schon früher nicht. Wenn meine Tochter für die Premiere der Neuauflage eine Party mit Großbildleinwand gibt, werde ich mich zwischendurch vielleicht heimlich verdrücken.

Immerhin drohen bei der Fortsetzung nicht diese knallbunten Riesenklamotten der frühen Neunziger!

So war damals halt die Mode, aber bei uns war sie schon deshalb so bunt und groß, weil wir in Köln gedreht haben. Nichts gegen den rheinischen Karneval, aber was die Leute teilweise anhatten, war schon grenzwertig. Andererseits sagt man in 30 Jahren vermutlich das Gleiche über unsere Klamotten heute.

Versucht Sat1 die Zeit von damals zurückzudrehen oder zu modernisieren?

Die Nostalgie, die sich von Wetten, dass…? bis TV Total niederschlägt, ist toll, aber auch durch Zufall und den Fernsehgott gelenkt. Die Senderchefs haben sich ja nicht abgesprochen und gesagt: Lasst uns jetzt die Retrowelle starten. Der Spruch unserer Väter, früher sei alles besser gewesen, hat zwar noch nie gestimmt, aber unser Gehirn schaltet am Früher gern die negativen Aspekte aus und besinnt sich auf die positiven. Das gilt auch fürs Fernsehen, wo früher definitiv nicht alles besser war, aber vieles ruhiger, entspannter, unprofessioneller. Die Rückbesinnung auf Formate von damals ist auch ein Statement gegen die Hektik von heute. Unsere Kunst besteht darin, dass Nostalgische zu erhalten, aber dem Zeitgeist entsprechen zu lassen.

Woran zeigt sich das bei Geh aufs Ganze!?

Am Geist der alten Spiele, den wir mit den technischen Möglichkeiten von heute erwecken, ohne den Charme von damals zu beeinträchtigen.

Der auch darin bestand, dass vieles improvisiert wirkte.

Fast ein bisschen anarchistisch sogar. Es erinnerte manchmal an Stand-up, so unstrukturiert war vieles im Studio. Das ist für 30 Minuten am Nachmittag völlig okay, auf dreifacher Länge in der Primetime nicht. Wobei mich vor drei Jahren fast der Schlag getroffen hat, als ich bei Let’s Dance erstmals in die Halle kam – diese Perfektion macht dich fast schon andächtig.

Und im Geh-aufs-Ganze!-Studio?

Dachte ich ebenfalls, ich bin im LED-Walhalla. Jedes Licht, jeder Ton, jede Dekoration – alles perfekt aufeinander abgestimmt und auch in dieser Form nötig. Denn als man Sendungen wie Ruck Zuck oder Der Preis ist heiß mit Methoden von damals reanimieren wollte, ist das glaube ich ganz schön in die Hose gegangen. Die Spiele sind im Geist der Neunziger, die Technik ist 21. Jahrhundert – unterstützt von Daniel Boschmann, der im Gegensatz zu mir nun wirklich Gegenwart ist.

Und ihr Schnauzbart ist ebenfalls noch derselbe?

Der ist derselbe. Ich habe ihn mir vor Jahren mal abgenommen, als ich bei Sat1 die Nachrichten sprach; damals galt die Regel, dazu passt kein Schnäuzer. Aber ich habe damals Zuschriften gekriegt, wo der denn sei. Da habe ich ihn wieder wachsen lassen und seither nie mehr abgenommen. Wie ein Talisman geworden. Es darf also durchaus etwas so aussehen wie damals bei Geh aufs Ganze!.

Aber hoffentlich nicht die Präsentationsdamen, deren einzige Aufgabe darin bestand still und adrett zu sein!

Die Debatte hatten wir auch zu Beginn der Vorbereitungen und empfanden das als so unzeitgemäß, dass es jetzt natürlich auch Männer gibt, die präsentieren – und auch Daniel wird diese Aufgabe übernehmen. Sie sehen – der Modernisierungsfaktor war uns bei aller Nostalgie wichtig.

Was an Ihnen einst auffiel: Sie waren anders als andere Showmaster kein Verbündeter, sondern Gegner der Kandidaten, der sie bewusst in die Irre führt. Haben Sie dieses Talent zur Manipulation als Hauptmann der Bundeswehr geschärft?

Nee (lacht), das waren einfach die Erfordernisse einer solchen Zockershow. Denn wer zockt, kann verlieren. Punkt. Meine Kunst bestand eher darin, den Menschen beim Verlieren das Gefühl zu geben, nicht herabgewürdigt zu werden. Unter anderem durch den Zonk. Während es bei den Amerikanern mal 1000 ausgebrannte Glühbirnen gab, mal 100 Meter kaputten Jägerzaun, hatten wir eine Plüschfigur als Trostpreis, die etwas Warmes ausstrahlte.

Aber dennoch zum Synonym fürs Verlieren wurde.

Nur irgendwie positiv besetzt, wenn es schon nicht zum Hauptpreis gereicht hat. Aber dem wollte ich nun mal vermeiden. Daniel ist in der Neuauflage so ein bisschen der Verbündete unserer Kandidatinnen und Kandidaten. Die Spielerseele in mir dagegen will und muss gewinnen.

Auch privat?

Gerade privat! Ich wette für mein Leben gern und spiele bei jeder Gelegenheit. Jetzt gerade bin ich mit meiner Frau im Wohnwagen an der Ostsee, wo außer Wildschweinen keine Sau ist, und wir spielen Domino, wir spielen Backgammon und es muss bei mir auch immer um einen Einsatz gehen. War schon bei meinen Kindern so.

Ums Taschengeld dann?

Heute schon (lacht). Damals ging es eher ums Müllrausbringen. Ich gehe auch wahnsinnig gern ins Casino und spiele Black Jack. Aber noch lieber schaue ich anderen beim Spielen zu.

Was würden Sie denn heute machen, wenn Ihnen der Moderator ein Tor schönredet – sind Sie der 5000-Euro-sicher-Typ oder der vielleicht-ein-Auto-Typ?

Ach, ich bin im Grunde schon der 2000-Euro-sicher-Typ, Vogel in der Hand. Ich setze mir im Casino auch stets ein Limit und trinke Null Alkohol, um mich dran zu halten. Ich bin zwar ein Zocker, aber überhaupt nicht suchtgefährdet.

Außer nach Fernsehen, so scheint es. Obwohl Sie vor 20 Jahren erstmals ihren Abschied angekündigt haben, waren Sie nie ganz weg und sind jetzt richtig wieder da. Warum?

Das muss gar nichts mit dem Fernsehen zu tun haben. Was man gern tut, davon kann niemand gut lassen. Ich bin nun allerdings in einem Grenzalter, wo es irgendwann lächerlich wird. Ein Johannes Heesters, der auf die Bühne geschoben wird, will ich nie werden. Deshalb habe ich auch lange überlegt, noch mal Geh aufs Ganze! zu machen. Den richtigen Zeitpunkt zu finden ist schwierig, aber irgendwann muss mal Schluss sein. Da meine Kinder mit ihren Familien noch bei mir im Haus leben, hoffe ich sehr, die sagen mir Bescheid, wenn es so weit ist.



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