Arca, Haiyti, Karwendel

Arca

Stellen wir uns mal vor, rein hypothetisch, die Länder Afrikas, Asiens, Amerikas hätten Europas Kultur kolonisiert statt umgekehrt – Referenzgrößen massentauglicher Sounds wären demnach nicht Bach, Beatles oder Bohlen, sondern rhythmusbasierte Klangkompositionen jenseits von Viervierteltakt und klassischer Metrik: niemand würde eine eklektische Künstlerin wie Arca wohl für kompliziert, verschroben, durcheinander halten, sondern das Nonplusultra harmonischer Musik. Was sie, auch wenn es anders klingt, fraglos ist.

Das neue Album der venezolanischen Multifunktionsartistin mit Skills von Malerei über Performancekunst bis Pop mag für chartserprobte Ohren also unzusammenhängend klingen und auf fiebrige Art konfus. Doch wer ein wenig in den lateinamerikanisch angestachelten Noise-Skulpturen herumwühlt, findet darin eine Vielfalt, als hätte man Bach, Beatles, Bohlen im Thermomixer verquirlt und zu kantigen kleinen Glückspillen gepresst. Wer das versteht, versteht alles, wer das nicht mag, ist selber schuld.

Acra – Kick ii (XL Recordings)

Haiyti

Und damit wäre auch das Wirkprinzip der aktuell irritierendsten Rapperin der deutschsprachigen Welt hinreichend beschrieben. 30 Sekunden Haiyti und die Ohren sausen so verlässlich wie nach einer frühmorgentlichen Weckaktion vom Presslufthammer. Den aber hat Ronja Zschoche, so ihr Passname, auf ihrem dritten Album in 12 Monaten wieder so schrill per Autotune verquarkt, dass der Lärm darauf wie ein Stalschaumbad klingt.

Mit Features wie Money Boy, Dr. Sterben, Kaisa Natron oder Kid Trash rauscht die Hamburgerin vom Kiez wieder durchs Klangspektakel wattierter Drones und Trap-Kaskaden, die ihr wort-, bild-, zeichen- und gestengewaltiger HipHop mit allerlei Geschwafel über Drogen, Straße, Liebe, so Zeugs andickt. Das Besondere an Speed Date: es nervt von der ersten bis zur letzten Sekunde, es kratzt und brodelt und schmerzt und knarzt. Es lässt uns aber vom 1. bis zum 25. Track auch nicht los.

Haiyti – Speed Date (Haiyti Records)

Karwendel

Aber damit hier nicht alles auf fesselnde Disharmonie zugeschrieben ist, gibt es doch noch einen Tipp fürs Gemüt, etwas um Ausgleich und Eleganz bemühtes, etwas Schönes, bei dem sogar Geigen und Saxofone zerschmelzen, ohne kultiviert anzustrengen, etwas Hübsches, bei dem ein sehr weißer Junge von nebenan sehr weiße Jungssvonnebenansachen singt:  Der Klang der Vergänglichkeit, das Debütalbum vom Hamburger Singer/Songwriter Sebastian Król, der dafür praktischerweise sein eigenes Label betreibt.

Stimmlich in Gisbert zu Knyphausens Couchecke angesiedelt, erzählt der Doppelkämpfer von Backseat Records über alles, was Großstadtgemüter emotional bewegt und lässt ein analoges Instrumentarium von Piano über Gitarre, Bass, Schlagzeug bis hin zu einer folkloristischen Klarinette dazu flattern, dass man im Geiste hüftabwärts schaut, ob Król Schuhe trägt. Tut er. Und macht damit harmlosen, aber ergreifenden Urban-Pop für alle, die mal Pause brauchen vom Anspruch, alles müsse fett, groß und besonders sein.

Karwendel – Der Klang der Vergänglichkeit (Backseat)



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