Boies Stürmer & Beckers Rebell

Die Gebrauchtwoche

TV

6. – 12. Dezember

Dass Bild abzüglich Antisemitismus und Hakenkreuze gelegentlich den Stürmer rechts überholen will und zur offenen Revolte gegen Staat, Wissen, Demokratie aufruft, verstört mittlerweile selbst reaktionäre Dauergäste am menschenverachtenden Boulevard. Julian Reichelts Wehklagen aber, mit dem der mutmaßliche Sexualgewalttäter seinen Rauswurf aus Deutschlands fürchterlichster Redaktion in der Zeit beklagt – das überrascht dann doch.

Umso mehr darf man es als Drohung verstehen, wenn die entmachtete Mimose betont, mit dem, was sie unter Journalismus versteht, noch längst nicht fertig zu sein. Nur, wo könnte es für sie weitergehen? Seine Verschwörungstheorie, er sei einem „furchterregenden totalitär anmutenden Wandel links der Mitte“ zum Opfer gefallen, liest sich da wie eine Bewerbung an Donald Trump, dessen Mediengruppe TMTG bereits 1,3 Milliarden Dollar gesammelt hat, um sein Netzwerk Truth Social gegen Twitter und Facebook in Stellung zu bringen.

Falls es auch jenseits der USA die Wahrheit beugen will, wäre einer wie Reichelt hierzulande wohl 1. Wahl, nachdem er über eine Verdachtsberichterstattung von Ippen-Investigativ gestürzt war, die dessen Rechercheteam um Juliane Löffler an jenen Spiegel abgeben musste, der nun selbst juristische Niederlagen hortet. Nachdem Deutschlands größtem, besser: letztem Nachrichtenmagazin ein älterer Text über Reichelts Machtmissbrauch untersagt wurde, folgte das Verbot einer Verdachtsberichterstattung zu Luke Mockridge, die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Sat1-Spaßvogel zur Wahrheit aufbläht.

Drei Jahre nach Claas Relotius knien Spiegel und Bild Seite an Seite in einem Sumpf, den Julian Reichelts Nachfolger angeblich austrocknen wollte, doch leider bläst auch Johannes Boie lieber zur rechtspopulistischen Rebellion. Das belegt die Titel-Story Lockdown-Macher, in der sein Blatt drei Virologen zum Abschuss freigab. Weil Boie Presseratsrügen offenbar ebenfalls als Ritterschläge betrachtet, bewirkt der Protest von 84 Forscher*innen vermutlich, genau: gar nichts.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

13. – 19. Dezember

Ob die Springer-Presse der Demokratie den Garaus macht, bleibt zwar vorerst offen. In seiner Near-Future-Reihe aber spinnt die ARD den Gedanken weiter und zeigt am Mittwoch Rick Ostermanns Verfilmung von Dirk Kurbjuweits Das Haus. Ein digitales Smart-Home, in das sich der Journalist Hellström (Tobias Moretti) 2029 zurückzieht, nachdem ihm die totalitäre Regierung Schreibverbot erteilte, und damit dessen Überwachungs ausgeliefert wird. Ein prophetisches Format hat zwei Tage später auch Apple TV+ mit Swan Song im Angebot, wo Mahershala Ali einen todgeweihten Amerikaner spielt, der sich in naher Zukunft klonen lässt, um seine Familie nicht alleinzulassen.

Heute dagegen spielt die ARD-Serie Legal Affairs, in der Lavina Wilson ab Sonntag acht Episoden lang die fiktive Version des (beratenden) Medienanwalts Christian Schertz verkörpert. Ebenfalls gegenwärtig: der Showtime-Neunteiler American Rust mit Jeff Daniels als Cop im ruinierten Pennsylvania, der Mittwoch auf Sky Gewissenskonflikte austrägt. Auch Christian Ulmens Prime-Mockumentary Die Discounter handelt Freitag vom Hier und Jetzt, in dem Fall: ein Supermarkt in Hamburg voller Knallchargen im Stromberg-Stil, dargestellt unter anderem von Bruno Alexander, den RTL tags zuvor in die Achtziger schickt.

Als Der Rebell gibt er Boris Becker ein irritierend glaubhaftes Gesicht, das sein Kollege Mišel Matičević als Manager Ion Tiriac sogar noch toppen kann. Trotz aller unfreiwilligen Komik gelingt es beiden, ihre Figuren liebevoll zu respektieren. Zeitgleich spielt ab Mittwoch das Netflix-Drama The Hand of God, Paolo Sorrentinos autobiografisches Drama aus dem Neapel seiner Jugend. Etwas später auf der Geschichtsebene: Made in America (Dienstag, ZDFinfo), Ezra Edelmans fünfteiliges Porträt des hochgestiegenen, tiefgefallenen O. J. Simpson, für das es 2017 den Oscar gab. Zum Schluss noch drei zweite Staffeln: Ab Freitag auf Netflix: The Witcher, ab Sonntag bei Starzplay: The Great und High Town.



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