Paul Ronzheimer: Bild, Boulevard & Reichelt

Wir befragen alle gleich hart

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Paul Ronzheimer (Foto: Nikita Teryoshin) hat es in 13 Springer-Jahren vom Parlaments- zum Chefreporter der Bild gebracht. Das Interview mit dem 36-jährigen Ostfriesen fand kurz vor Julian Reichelts Entlassung wegen fortgesetzten Machtmissbrauchs statt. Danach wollte er sich leider nicht zum Ende seines befreundeten Chefs äußern – obwohl und weil er sich im Gespräch so positiv über ihn äußert. Spannend ist der Blick in einen Hauptdarsteller des entfesselten Boulevards trotzdem.

Von Jan Freitag

Herr Ronzheimer, ist das Ihr Reportagereisen-Vollbart wie einst Kai Diekmann, als er aus dem Silicon Valley zurückgekommen ist?

Paul Ronzheimer: Ich habe vermutlich schon vor Kai Diekmann Vollbart getragen. Obwohl – ich weiß gar nicht, ob mir damals schon einer gewachsen ist (lacht). Diesen hier habe ich jedenfalls in der Tat ein wenig länger wachsen lassen, weil es in Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban definitiv besser ist, einen zu haben. Außerdem hatte ich noch keine Zeit zum Rasieren.

Sie sind heute erst aus Kabul zurückgekehrt.

Um 13 Uhr, vor fünf Stunden also.

Noch Jetlag?

Nö, ich hatte ja einen Tag Aufenthalt in Doha, wo ich erstmal einen PCR-Test machen musste und ein paar Botschaftsvertreter getroffen habe. Eigentlich bin ich relativ entspannt.

Aber voller Eindrücke aus einem Land, das im Chaos zu versinken droht, nehme ich an.

Das stimmt. Vor allem aber mit dem Eindruck der Verwunderung, es so schnell rausgeschafft zu haben. Da hätte ich mit deutlich längerer Zeit gerechnet.

Länger, was die technischen und bürokratischen Hürden der Taliban betrifft?

Genau, die sind momentan sehr kompliziert. Und darüber hinaus trage ich natürlich all die Erlebnisse von dort mit mir herum. Ich kriege auch jetzt viele Nachrichten von Leuten, die noch vor Ort sind, die Hilfe suchen, um ebenfalls von dort wegzukommen. Nicht nur, dass die Taliban alles dichtgemacht haben, Nachbarländer wie Usbekistan lassen auch keinen mehr rein. Das lässt mich ebenso wenig los wie die Sorge, was denn jetzt aus dem Land wird.

Eines, das Sie allein im Sommer zweimal bereist haben.

Im Juli vier Wochen, Ende August weitere drei. Da waren vor allem die Unterschiede der einzelnen Schicksale gravierend, die wir getroffen haben. Eine Englischlehrerin zum Beispiel hat vor zwei Monaten noch gearbeitet und jetzt ihren Job verloren. Oder ein paar Models, die vor sechs Wochen bei einer Fashion-Show in Kabul gelaufen sind und sich nun in Kellerlöchern versteckt halten. Da die Taliban sie womöglich für schwul halten, könnten sie am Checkpoint erschossen werden. Da ist es echt seltsam, nach Berlin inmitten des Bundestagswahlkampfes zurückzukehren.

Kann sich der erfahrene Krisenberichterstatter vom Menschen dahinter lösen und diese Entwicklung rein beruflich betrachten?

Nein. Natürlich darf man den klaren Blick auf die Situation nie ganz verlieren. Aber wen das nicht auch als Mensch berührt, hat aus meiner Sicht den falschen Beruf. Wer Gefühle nicht selber empfindet, kann sie nur schwer beschreiben. Von daher hat mich das auch persönlich sehr mitgenommen. Allein schon, weil Freunde und Bekannte von mir dortgeblieben sind, empfinde ich aber auch Wut.

Wut worüber?

Gebrochene Versprechungen des Westens, das politische Scheitern, die Geschwindigkeit, in der sich das Land radikal verändert hat und nun von Leuten regiert wird, die vielleicht noch nie zuvor eine Stadt gesehen hatten oder mir in der letzten umkämpften Provinz bereits Handschellen angelegt, um mich abzuführen – diese Unberechenbarkeit bleibt fast noch mehr hängen als die Gefahr, in die man sich als Reporter begibt.

Zumal man bei Ihnen das Gefühl kriegt, Sie würden diese Gefahr nicht nur hinnehmen, sondern suchen. Fühlen Sie sich in Krisen-, gar Kriegssituation wie in Syrien, Irak, der Ost-Ukraine oder jetzt Afghanistan erst richtig als Reporter, also Journalist?

Nein. Deshalb habe ich auch in keinem meiner Kriegs- und Kriseneinsätze ständig die vorderste Front gesucht. Kollegen, die genau da tagelang embedded sind, gibt es auch ohne mich schon genügend; das treibt mich weniger an. Mir ist wichtiger, dort vor Ort zu sein, wo man beide Seiten trifft, um beide Seiten zu verstehen – sei es die Taliban, seien es ihre Opfer. Klar kann es auch dabei gefährlich werden, aber ich versuche die Gefahr vorab durch bestmögliche Planung kalkulieren zu können.

Sie verspüren also keinen Katastrophen-Thrill?

Das nicht, aber es war schon immer meine Passion, dort zu sein, wo Weltgeschichte geschrieben wird. Da hat es mich fast körperlich geschmerzt, nicht gleich am Tag, als Kabul gefallen ist, vor Ort gewesen oder fast schlimmer noch: zwei Wochen zuvor nicht einfach geblieben zu sein. Deshalb war mein unbedingter Wille, sofort wieder hinzufliegen und dafür alle Umwege in Kauf zu nehmen, enorm – persönlich, vor allem aber beruflich. Dieser Drang macht mich erst richtig zum Reporter.

In ihrer Definition oder einer allgemeingültigen?

Das ist meine Definition. Was den Job als Reporter ausmacht, ist für mich persönlich die absolute Selbstaufgabe, diesem alles unterzuordnen – Beruf, Familie und alles drumherum. Das kann man natürlich nicht von jedem verlangen, der sich genausgut Reporter nennen darf, aber bei mir galt das auch schon im Lokalteil der Emder Zeitung. Wenn ich da über Kickers Emden berichtet habe, war ich oft 20 Stunden damit beschäftigt, habe hier noch Hintergründe eingeholt, dort Spieler getroffen. Und auch in der Innenpolitik geht mein Arbeitstag im Zweifel abends an der Hotelbar weiter, um noch mehr Informationen zu kriegen.

Das muss man sich allerdings auch leisten können.

Klar, da habe ich auch Glück, einen Verlag hinter mir zu haben, der mir die nötige Zeit dafür gewährt. Bei mir hat sich das dadurch fast zur Sucht ausgewachsen. Trotzdem käme ich nie auf die Idee, anderen Reportern meine Berufsbezeichnung abzusprechen, weil sie das nicht in selber Intensität machen. Zumal sich das bei mir auch erst entwickelt hat. Als ich angefangen habe, hätte ich doch nie gedacht, irgendwann mal in Krisengebieten zu landen; eigentlich bin ich nämlich eher ein ängstlicher Typ.

Wovor haben Sie denn Angst?

Vorm Fliegen zum Beispiel. Aber schon als 16-Jähriger fürs lokale Anzeigenblatt war ich so hartnäckig, nach der Gemeinderatssitzung die Vertreter abzugreifen und mehr über die Story zu erfahren als die vier Tageszeitungen der Region. Darin unterscheidet sich das politische Ostfriesland übrigens nicht vom politischen Berlin, und damals wie heute bestand mein unbedingter Wille darin, morgens zu lesen, dass wir die bessere Geschichte im Blatt haben.

Die bessere oder die emotionalere, im Zweifel polarisierendere Geschichte?

Na ja, Boulevard-Geschichten, wie wir sie machen, sind natürlich andere als Lokal-Geschichten. Meine Definition von Live-Journalismus ist es, nicht irgendwo zu sein, um dort zu sein, und mich nach Ankunft ins Hotelzimmer zurückzuziehen, sondern zu zeigen, was wirklich passiert. In Afghanistan zum Beispiel war ich auf einem Independence Day der Taliban, wo es sogar 3G gab.

Internet oder Impfstatus?

(lacht) Internet, die haben da nicht mal Masken. Tausende Taliban, darunter viele, die nie zuvor jemanden aus dem Westen gesehen haben. Und ich mittendrin, um mit ihnen Interviews zu führen. Das ist, was mich an einem Live-Journalismus interessiert, den man für alle Plattformen auswerten kann.

Aber die Bild will doch nicht nur zeigen, was ist, sondern auch, was ihrer Haltung entspricht, Kritiker meinen: ihrer Agenda.

Natürlich haben wir eine Haltung, und wenn Sie es am Beispiel Afghanistans als solche empfinden, die Politik des Westens dort als Riesendesaster zu beschreiben, können Sie das gern so sehen. Trotzdem kann ich da nur für mich sprechen und sage als Reporter: ich will im Zweifel immer beide Seiten zeigen.

Aber wenn man sich etwa die Berichterstattung über die SPD betrachtet, hat Bild sie in den Bundestagswahlkämpfen seit Kurt Schumacher abgesehen von Gerhard Schröder 1998 doch durchweg benachteiligt – von Linken und Grünen ganz zu schweigen.

Dem würde ich widersprechen. Verglichen mit früher gehen wir mit der SPD extrem fair um, da würde ich ausgerechnet auf Gerhard Schröder verweisen. Kai Diekmann selbst hat mal eingeräumt, was wir mit dem in der Berichterstattung zur Agenda 2010 gemacht haben, ging gar nicht. Das Gleiche gilt fürs Kanzlerduell gegen Edmund Stoiber, den wir danach als einziges Medium zum Sieger erklärt haben. Das ist allerdings lange her. Fragen Sie demgegenüber mal Olaf Scholz, ob er sich in unseren Interviews schlechter behandelt fühlt. Ich glaube nicht.

Am Vorwurf eine agendagetriebenen Kampagnen-Journalismus, der seit Jahrzehnten massiv erhoben wird, ist aus Ihrer Sicht also überhaupt nichts dran?

Boulevardjournalismus lebt halt Personalisierung, Emotionalisierung, also Zuspitzung. Aber politisch betrachtet, könnte ich Ihnen vermutlich ebenso viele kritische Berichte über Armin Laschet zeigen wie einst über Olaf Scholz. So fair wie heute, haben wir noch nie über beide Kanzlerkandidaten berichtet.

Beide? Mit Annalena Baerbock, die ebenso wie ihre Partei weit mehr von der Bild abkriegt als Christian Lindner oder Markus Söder, gibt es doch drei?

Ich finde, wir behandeln sie absolut gleichberechtigt Allein dieses Jahr habe ich dreimal mit ihr gesprochen. Nach den Enthüllungen um ihr Buch und den Lebenslauf ist sie allerdings in die innere Immigration gegangen. Auch da hat man ja versucht, Springer eine Kampagne zu unterstellen. Aber wenn Sie sich die Berichterstattung ansehen, hat anfangs nur Bild darüber berichtet, bevor drei bis vier Tage später alle auf die Geschichte gegangen sind, inklusive taz, die gefordert haben, Baerbock solle die Kandidatur an Habeck abgeben. Verglichen damit waren wir fast zurückhaltend. Und erinnern Sie sich an die Interviews bei Bild Live mit Friedrich Merz?

Schießen Sie los.

Es waren vermutlich jene zwei, die ihm am meisten geschadet haben. Bei Anna von Bayern hat er sich auf die Frage nach seinem Reichtum als gehobener Mittelstand bezeichnet. Und als Kai Weise wissen wollte, ob er einen schwulen Bundeskanzler akzeptieren würde, sagte er ja, die sexuelle Orientierung ginge die Öffentlichkeit nichts an, solange sie sich im Rahmen der Gesetze bewege und nicht Kinder beträfe. Ganz egal, ob es um Laschet, Scholz oder Baerbock geht – wir befragen alle gleich hart.

Dann lassen Sie uns doch mal Bild-Zeitungen der vergangenen Tage durchblättern. Da ging es zum Beispiel um Olaf Scholz Aussage, in der Corona-Krise seien Millionen Deutsche, ihn inklusive, Besuchskaninchen gewesen. Zwei Ausgaben lassen kein gutes Haar am Vergleich, zitieren dazu aber ausschließlich politische Gegner.

Olaf Scholz hat diese Aussage ja sogar selber wiederholt. Insofern darf man schon in Frage stellen, welchen Erkenntnisgewinn es brächte, Olaf Scholz selber dazu zu befragen. Ob darüber hinaus politisch Verbündete von ihm angefragt wurden? Vielleicht waren alle abgedruckten ja die besten Stimmen, die es dazu gab.

Bringen allerdings zum Ausdruck, es gäbe keine Gegenposition zur Bild-Kritik, keine Sichtweise also, der Versuchskaninchen-Vergleich sei vielleicht sprachlich heikel, aber inhaltlich vertretbar. Das nenne ich unausgewogen.

Wie gesagt, es war Olaf Scholz, der Geimpfte als Versuchskaninchen bezeichnet hat.

Ist Aufregung der spannendere Bild-Aspekt als die Auseinandersetzung damit?

Weil die Wortwahl in dem Fall ausschlaggebend war, ja. Aber wer eine philosophische Auseinandersetzung damit lesen möchte, liest dann womöglich die falsche Zeitung. Da eignet sich ein Gastbeitrag der Zeit besser.

Definiert die Bild Begriffe wie Objektivität und Ausgewogenheit einfach anders als andere Redaktionen?

Ich weiß nicht, wie sie woanders definiert werden, aber unser Anspruch ist natürlich der, dass im Fall eines Vorwurfs von unserer Seite stets derjenige zu Wort kommen darf, den er betrifft. Wenn Sie sich mal im politischen Berlin umhören, kommt wahrscheinlich die Einschätzung, die Bild wäre da sogar weitaus fairer als andere Medien.

Welche zum Beispiel?

Ich werde hier jetzt keine Medienschelte betreiben, weiß es aber von Politikern, die mir sagen, wir fragen wenigstens immer an.

Wenngleich, wie im Falle Christian Drostens, auch mal mit einer Frist von einer Stunde.

Das war sicherlich zu knapp und ein Fehler, das haben wir auch so gesagt. Allerdings ist zeitlicher Druck für alle Journalisten tägliche Realität, und die Frist hätte bei Nachfrage auch verlängert werden können.

Interessant bei Fragen zur Ausgewogenheit der Bild ist, mit welcher Innbrunst sie zugleich die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender für den Mangel daran kritisiert – zuletzt etwa im Fall eines retuschierten Bild-Logos auf einem Mikrofon des MDR.  

Wenn jemand bei uns etwas raus retuschieren würde, würde er nicht mehr hier arbeiten. Das ist nämlich ein erheblicher Eingriff in die journalistische Berichterstattung.

war dieser Fehler ein Ausrutscher oder sehen Sie ihn als sinnbildlich fürs öffentlich-rechtliche System insgesamt?

Ich finde wichtig, dass es öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt. Aber wie er momentan aufgestellt ist, sehe ich kritisch und mache das zum Beispiel an der Berichterstattung in Kabul fest. Seine Reporter kamen erst viele, viele Tage nach mir, obwohl es in der Nähe ein eigenes Studio gibt, obwohl er über ein dichtes Korrespondentennetz verfügt, obwohl ihm acht Milliarden Euro Gebührengeld zur Verfügung stehen.

Die Gegenargumentation könnte lauten, der Ronzheimer kommt alle paar Monate mal für ein paar Wochen an und fährt dann zurück ins lauschige nach Berlin.

Das stimmt so nicht, wenn ich innerhalb von drei Monaten fast zwei dort bin. Und ich frage mich, wieso in allen Krisenregionen der Welt zwar der BBC vor Ort war, aber ARD und ZDF gar nicht oder später kommen. Ich betrachte die Situation gern aus einer Perspektive, die ich selber erlebe. Dass das dort nicht bei allen der Fall ist, liegt allerdings nicht an den Reportern, sondern der Bräsigkeit und dem Auftreten des Systems.

ARD aktuell meint dazu auf Nachfrage, aus Sicherheitsgründen würden deren Korrespondenten derzeit von Istanbul aus berichten, verweist aber auch auf freiberufliche Reporter vor Ort.

Ich war anfangs der einzige deutsche Reporter. Später kam noch Christoph Reuter und Thore Schröder vom Spiegel hinzu und eine Woche nach mir Markus Spieker vom Ersten oder Katrin Eigendorf vom ZDF. Ich will da aber gar kein Wettrennen draus machen.

Machen es aber dennoch, und zwar im Bereich öffentlich-rechtlicher Kernkompetenz, der Information.

Weil Sie mich zu meiner Sicht darauf gefragt haben. Und wenn ich sehe, wie oft deren Reporter in Krisenregionen fehlen, betrachte ich das als systemisch und frage mich, wohin die vielen Gebührengelder denn gehen, wenn nicht in diesen Sektor. Wahrscheinlich eher in Volksmusik und Fußball.

Dass ARD und ZDF diesbezüglich ein Gewichtungsproblem haben, steht außer Frage. Aber sie stellen ja schon gewissermaßen die Existenzberechtigungsfrage.

Nein, aber im Vergleich mit der BBC machen die mit mehr Geld sehr viel weniger. In der digitalen Medienwelt ist es heute mehr denn je entscheidend, Reporter on the ground zu haben und nicht von Neu-Delhi oder Istanbul aus über den Kontinent dazwischen zu berichten. Das führt zu Fehlwahrnehmungen. Mir geht es da nicht um Bashing, sondern nötige Diskussionen, die ich auch als Gebührenzahler führe, der mit Bild TV ein Alternativ-Angebot macht.

Wie ist denn angesichts dieser Sicht das Verhältnis anderer Journalistinnen und Journalisten vor Ort zu denen der Bild?

Ich habe mit allen, auch internationaler Medien, ein extrem gutes Verhältnis. Man hilft sich gegenseitig, tauscht Kontakte aus, insbesondere in Sicherheitsfragen. Dass jemand anderen nichts von einer Geschichte erzählt, um sie exklusiv zu haben, passiert selten mal. So kollegial wie dort erlebe ich es fast nirgends.

Also auch nicht im politischen Berlin?

Die Konkurrenz ist hier jedenfalls größer als an Krisenorten. In der Innenpolitik geht es schon darum, mehr zu haben als die anderen. Trotzdem gibt es auch großen Respekt vor Bild-Kolleginnen und -Kollegen, die mit ihren Insights und Exklusivgeschichten – wie andere allerdings auch – gute Jobs machen. Deswegen kann ich den Vorwurf der Voreingenommenheit so einfach nicht stehen lassen.

Wird der Vorwurf des Kampagnenjournalismus hausintern sozusagen als Kampagne gegen die Bild empfunden?

Ach, was sollen wir denn machen? Ich sage mir: viel Feind, viel Ehr! Als größte Tageszeitung Europas, größtes Online-Portal in Deutschland, seit neuestem mit eigenem TV-Sender, muss man sich Kritik gefallen lassen. Unterschiedliche Meinungen sind in einer Demokratie wichtig, und sie sitzen jetzt ja auch vor mir, stellen kritische Fragen und ich beantworte sie.

Fühlen Sie sich von Kritik an der Bild auch persönlich betroffen?

Nein. Wenn Freunde mich fragen, warum wir so ungerecht zu den Grünen sind, antworte ich denen das Gleiche wie Ihnen: ich empfinde das nicht so. Gerade im Wahlkampf steht Springer aber anders im Fokus als andere und dient dabei auch gern mal als Grund, schlechte Umfrageergebnisse zu rechtfertigen.

Trifft „Viel Feind, viel Ehr“ auch darauf zu, dass die Bild-Gruppe in den vergangenen zehn Jahren verlässlich ein Drittel aller Presseratsrügen abkriegt?

Natürlich machen wir Fehler wie alle anderen auch. Bei allem, was an ungerechtfertigter Kritik kommt, darf man sich daher nicht zu sehr in die innere Immigration begeben und gerechtfertigte Kritik nicht annehmen. Deshalb wird darüber besonders in den Redaktionskonferenzen sehr offen diskutiert.

Bei einer Chefredaktion, die mit Tanja May von der Bunten demnächst aus zehn Personen besteht. Wie kann man sich die Diskussionen dort vorstellen?

Da gibt es diverse Runden, in denen vom Volontär bis zum Redakteur alle zugeschaltet werden können, um sich zu allem zu äußern. Wir kommunizieren in so offener Form, wie es bei Bild noch nie der Fall war und nutzen Slack für positives wie negatives Feedback. Es gibt Runden, in denen Alexandra Würzbach und Julian Reichelt Rede und Antwort stehen. Jeder, der mich anruft, bekommt eine Reaktion. Ich bin auch schon 13 Jahre hier, und die Kommunikationskultur ist offener denn je. 

Heißt das, die Kommunikationskulturen unter Julian Reichelts Vorgängern Kai Diekmann und Tanit Koch waren grundsätzlich andere?

Ganz automatisch, weil die Situation, wie Journalismus gemacht wird, mit der heutigen kaum vergleichbar war. Vor 13 Jahren ging es langsam los mit Online, der Fokus lag noch vor allem auf der Zeitung. Autoritäre Strukturen, wie sie noch frühere Redaktionen hatten, sind mit den Journalisten heutiger Prägung nicht mehr möglich. Es gibt viel mehr Gespräche, Debatten und Selbstkritik als ich sie selber noch vor 13 Jahren erlebt hatte.

Wird die Bild eher durch ihr Personal geprägt oder das Personal durch die Bild?

Natürlich prägen Menschen und ihre Haltungen, Beiträge, Ideen auch die Zeitung, an der sie arbeiten. Aber sie verändern sich immer auch durch das, was sie erleben. Ich jedenfalls habe mich im Laufe meines Reporterlebens definitiv verändert.

In welche Richtung, was hat Bild aus Ihnen gemacht?

Das kann ich schlecht von den Orten, an denen ich für die Bild war, und den Menschen dort trennen.

Wie sehr hat Sie am Ende denn Julian Reichelt geprägt, unter dem Sie zum stellvertretenden Chefredakteur und Moderator von Bild TV geworden sind?

Es ist ja kein Geheimnis, dass wir beste Freunde sind und uns gegenseitig geprägt haben. Ich kenne ihn, seit er Chefreporter war, und habe viel von ihm gelernt, was Kriegs- und Krisengebiete betrifft. Wenn man sich anschaut, aus welchen Regionen er überall berichtet hat, ist Julian für mich einer der besten Reporter, die Bild je gesehen hat – das wird in der Debatte über ihn gelegentlich vergessen, wie oft er sein Leben eingesetzt hat, um auch aus Afghanistan zu berichten. Darüber hinaus pflegen wir eine sehr offene Streitkultur. Denn während wir außenpolitisch oft übereinstimmen, gehen unsere Meinungen innenpolitisch, etwa zu Corona, auch mal auseinander.

Reichelts Streitkultur stand im März kurze Zeit heftig zur Debatte, als ihm besonders gegenüber Redakteurinnen Machtmissbrauch vorgeworfen wurde. Es war von Angstkultur der Angst die Rede, weshalb ihm Alexandra Würzbach zur Seite gestellt wurde.

Beide sind ja schon lange zusammen bei BILD. Und wir haben ein Kulturprojekt gestartet, in dem wir gemeinsam sehr offen darüber sprechen, wie wir in Redaktion und Verlag zusammenarbeiten wollen.

Konnten Sie die Vorwürfe als jemand, der ihm so nah steht, seinerzeit bestätigen?

Nein. Aber der Fall ist abgeschlossen, dazu möchte ich mich nicht weiter äußern.

Auf anderer Ebene wurde Bild, die ansonsten keiner Rauferei aus dem Wege geht, selbst Opfer von Übergriffen. Nachdem sich das gesellschaftliche Klima im Zuge von Pegida und dem Aufstieg der AfD ab 2015 massiv aufgeheizt hatte, stand plötzlich die Bild unterm Lügenpresse-Vorwurf der alten Klientel.

Unsere Reporterin Angelique Geray wurde im März auf einer Querdenker-Demo angespuckt, das ist absolut unsäglich und hat seinerzeit die Diskussion entfacht, ob man in solchen Situationen keine Sicherheitskräfte bräuchte. Das halte ich persönlich für wenig hilfreich, da es noch etwas mehr Distanz zwischen Volk und Reporter bringt. Aber das ist eine Realität, der sich alle Reporter in Deutschland stellen müssen.

Hat das demütig gemacht oder angriffslustig?

Weder noch. Und es ist auch nicht so, als wären Bild-Reporter vorher nie angegangen wurden. Mit dieser Gefahr muss man leben, es soll allerdings nicht dazu führen, mit dem Berichten aufzuhören.

Beim anschließenden Berichten über die Corona-Maßnahmen der Bundes- und Landesregierungen allerdings hatte man das Gefühl, sie würden es den Querdenkern nun recht machen wollen. Gelegentlich klangen Bild-Artikel wie Aufrufe zum zivilen Ungehorsam.

Wenn Sie Kommentare zu Freiheitsrechten gleich als Aufruf zu zivilem Ungehorsam verstehen? Eine kritische Auseinandersetzung mit den Corona-Maßnahmen halte ich für die journalistische Aufgabe aller Medien.

Haben die Ereignisse der letzten sechs Jahre, in denen sich öffentliche Diskurse von sozialen Medien lautstark befeuert vom Elfenbeinturm der Politik auf die Straße verlagert haben, dazu geführt, dass Bild den Schwerpunkt vom gedruckten zum gesendeten Wort forciert?

Weil unsere Live-Berichterstattung erst vor rund anderthalb Jahren begonnen hat und Bild TV auch erst einige Wochen alt ist, kann man da schon rein zeitlich keine Parallelität ziehen. Und mit dem Erstarken der AfD nach 2015 hat die Bild schon deshalb nichts zu tun, weil wir uns immer klar von ihr abgegrenzt haben. Sie finden – zumindest im Q&A-Interview – keine Politiker dieser Partei im Blatt. Wir positionieren uns da sehr klar.

Die Frage zielte darauf ab, ob der Live-Journalismus, wie Bild ihn gerade vorantreibt, auch mit der gesellschaftspolitischen oder nur der technischen Entwicklung zusammenhängt?

Ich glaube, er hängt vor allem mit einer langgehegten Sehnsucht zusammen, die mit Facebook Live angefangen hat und bei mir etwa auf Periscope, wo ich Flüchtlinge über Wochen hinweg begleitet habe. Diese Fokussierung auf den Moment hat uns schon immer fasziniert. Gleichzeitig konnte man in den vergangenen Jahren erleben, dass bestimmt Themen besonders öffentlich-rechtlich nicht vorkamen. Da wären wir wieder in Kabul, wo wir Wochen vorm ersten ARD-Reporter waren. Das ist unser Anspruch und führt etwa dazu, in der Pandemie praktisch ein eigenes Genre erschaffen und während der Ministerpräsidentenkonferenzen Servicejournalismus angeboten zu haben, der den Leuten da draußen die Lage in Echtzeit erklärt.

Aber geht dieser Drang zur Echtzeit zugunsten schneller Information nicht zulasten von Analyse, Ausgewogenheit, Objektivität?

Nein, denn das sind unterschiedliche Genres. Uns geht es zunächst um die News, da wollen wir die Schnellste sein. Ohne dass das eine das andere ausschließen muss, kommen die Analysen im Anschluss.

Ist Bild TV bereits ein Vorbote, dass sie gedruckte Zeitung nicht nur an Auflage, sondern auch Bedeutung für den Springer Verlag verliert?

Überhaupt nicht. Die Zeitung ist wahnsinnig wichtig und prägt entscheidend die Marke. Online ist wichtig, Live ist wichtig, die Zeitung ist es aber auch.

Wissen Sie, wie das Standing von Bild TV im Verlag ist.

Keine Ahnung, ich bin ja kein Shareholder (lacht). Axel Springer investiert jedenfalls mit über 20 Millionen Euro in 2021 deutlich in BILD TV.

Was sagt denn Mathias Döpfner?

Das müssen Sie Mathias Döpfner fragen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Bild TV beim Duell, Triell, Quatriell zur Bundestagswahl 2025 mit am Tisch sitzt?

Für sehr wahrscheinlich. Zur Eröffnung des Senders hatten wir die Spitzenkandidaten von CDU und SPD nacheinander live im Studio. Außerdem kann theoretisch jeder, der will, so eine Wahlkampfdebatte organisieren. Andererseits fand ich unsere Interviews mit Laschet, Scholz und Baerbock spannender, vor allem inhaltsreicher als alle Trielle zusammen.

Haben Sie sich vor Ihrem inneren Auge umso mehr in die Studios geträumt, um es anders, womöglich besser zu machen als die Platzhirsche von ARD bis RTL?

Ich war damals zwar noch in Kabul, aber als Innenpolitikjunkie habe ich es auch von dort aus verfolgt und war doch sehr verwundert, warum die Außenpolitik abgesehen von Afghanistan keine Rolle gespielt hat oder der Umgang mit Russland, den USA.

Und die große Leerstelle Europäische Union.

Genau, besonders die Entwicklung in Polen oder Ungarn. Hat mich sehr gewundert, aber ich möchte den Kollegen jetzt auch keine Noten geben; die bemühen sich alle nach Kräften.

Kommen wir mal zu Ihrem Bemühen: glauben Sie eigentlich an den menschengemachten Klimawandel?

Ja.

Und lässt er sich nur auf der Basis freiwilliger Anreize in den Griff kriegen oder darf, ja muss man dafür auch Freiheitsreiche einschränken, also Verbote aussprechen?

Ich glaube, dass man statt Freiheitsrechte einzuschränken lieber auf technische Innovationen setzen sollte.

Da sind Sie mit Bild voll auf Linie.

Vermutlich, aber es gibt gewiss auch Redakteure, die das anders sehen. Klimawandel-Leugner habe ich allerdings noch keine erlebt bei uns.

Wären die oder auch Corona-Leugner im Rahmen der redaktionellen und thematischen Meinungsvielfalt akzeptabel?

Beide bekämen jedenfalls keine Gelegenheit, die Existenz von Corona oder Klimawandel in einem Kommentar zu leugnen. Beide habe ich persönlich aber auch noch nicht bei uns erlebt.

Was für ein Auto fahren Sie?

Gar keins, ich fahre Bahn und Uber.

Gendern Sie manchmal?

Nein.

Aus Prinzip?

Es missfällt mir einfach akustisch. Außerdem ich halte ich es für problematisch, dass öffentlich-rechtliche Sender gendern, obwohl es 60, 70 Prozent der Bevölkerung ablehnen. Ich versuche deshalb, von Kollegen und Kolleginnen statt Kolleg:innen zu sprechen und nehme es auch im persönlichen Gespräch mit Freunden und Bekannten, die dem linken, feministischen Spektrum zuzuordnen sind, nicht wahr, dass alle konsequent gendern.

Essen Sie Fleisch?

Ja.

Auch mal keins?

Joa.

Lesen Sie heimlich auf der Toilette die taz?

(lacht) Gerne sogar und gar nicht heimlich. Die Titelseiten sind toll.

Haben Sie vor irgendwas außer dem Fliegen richtig Angst?

Weil ich es vor ein paar Jahren erlebt habe, wie mein bester Freund mit 34 an Magenkrebs gestorben ist: vor Krankheit. Und geliebte Menschen zu verlieren, klar.

Angst vor großen Tieren?

Schon als Hundeliebhaber: Nein.

Mussten Sie sich das erarbeiten oder wurde es Ihnen in die journalistische Wiege gelegt?

Das ist natürlich auch eine Frage der Erfahrung. Wenn man als junger Journalist seinen ersten Minister trifft, hat man mehr, sagen wir: Respekt. Aber ich war schon als Jugendlicher großer Fan von Formten wie BBC HARDtalk oder Michel Friedman, in denen Politiker hart angefasst werden.

Da müsste Marietta Slomka ja, obwohl sie beim ZDF arbeitet, ihren Respekt haben.

Den hat sie, Marietta Slomka finde ich im Interview ebenso toll wie Sandra Maischberger oder auch Frank Plasberg. Es gibt überall gute Journalisten.

Sie sagten mal, Live-Interviews seien besser als gedruckte, weil sie nicht redigiert werden können.

Da haben Sie recht.

Darf ich dann davon ausgehen, dass Sie dieses Interview nicht hübsch korrigieren?

(lacht) Schlaue Frage. Hätten wir ein Live-Interview geführt, könnten Sie sich darauf verlassen. So muss ich erst mal schauen, was Sie draus machen.



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