Saitün, Eels, Kreidler

Saitün

Orient – ist das ein kolonialistischer Begriff aus Zeiten, als sich Europa die Welt Untertan machte und falls nicht, zumindest kulturelle Aneignung, sofern ihn jene verwenden, die ihm gar nicht entsprungen sind? Solche Sprachfragen sind heutzutage (zum Glück) die Regel und müssen daher auch auf die Baseler Band Saitün angewendet. Ihr melodramatischer Psych-Rock wird nämlich nicht nur mit dem angedickt, was landläufig als orientalisch gilt; er spielt auch inhaltlich mit arabischen Codes und Chiffren.

Das machen sie hervorragend. Sinfonisch wälzen sich die Klangteppiche über englischsprachige Kritik am Kapitalismus, als hätten Faith No More Sauerkraut vergoren. Vom 1. bis zum 10. Track ist das Debütalbum Al’ Azif fesselnd wie ein vertonter Tsunami. Zugleich aber fragt sich, was die Assoziationsketten offenbar sehr weißer Protagonisten sollen – alles nur Spaß, alles sehr ernst, alles kulturell diffus, wie uns das Label versichert? Alles Auslegungssache, für die man Al’ Azif halt durchhören und selber urteilen sollte.

Altün – Al’ Azif (mon petit canard)

Eels

Mit Eels hingegen kann man seit einem Vierteljahrhundert eigentlich nie was falsch machen – was weniger deshalb überrascht, weil das Quartett aus Washington D.C. jemals irgendwas politisch auch nur ansatzweise Unkorrektes getan hätte. Erstaunlicher ist die Tatsache, dass Alternative-Fans der Stimme des Quantenphysiker-Sohns Mark Oliver Everett vermutlich auch auf dem 14. Album nicht überdrüssig werden. Und das hat schon echt was Magisches.

Denn es ist ja nun wirklich nicht so, als klänge Extreme Witchcraft grundlegend anders als das brillante Debüt Beautiful Freak von 1996. Im Gegenteil: die lässige Eastcoast-Americana, gepaart mit countryeskem Surfersound suppt exakt so schläfrig schön aus Boomboxen wie einst vom Kassettendeck. Aber genau dieses Grundgefühl der Wiedererkennbarkeit im Tonfall völligen Desinteresses an Erfolgen, Geld, Karriere macht auch das Album beiläufige Art einzigartig.

Eels – Extreme Witchcraft (PIAS)

Kreidler

Und wo wir grad beim Zauber der Beständigkeit an sich sind, konzentriert allerdings in einer Gruppe musizierender Menschen, die damit einst unerforschtes Gelände betraten: Kreidler haben ein neues Album gemacht, das 15. in ungefähr ebenso vielen Jahren wie Eels, was aber auch schon die einzige Parallele beider Klanguniversen ist. Denn das der vier Eketroavantgardisten um den Drummer Thomas Klein schießt über die bekannten Sonnensysteme abermals weit hinaus.

Spells and Daubs nämlich erforscht die unendlichen Weiten der eigenen Originalität mit exakt jener Experimentierfreude, die den Pop-Standort Düsseldorf seit Jahrzehnten zur sprudelnden Quelle erst abseitiger, dann massentauglicher Ideen macht. Gleichermaßen vertrackt und eingängig, sedierend und tanzbar, meditativ und weltlich zieht das Album in einen Bann, der sich heute so wenig erklären lässt wie 1994, aber damals wie für alle Zeiten eines ist: auf eingeborene Art angenehm undeutsch.

Kreidler – Spells and Daubs (Bureau B)



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