Suspicion: Überwachung & Entführung

Apple_TV_Suspicion_key_art_graphic_header_4_1_show_home.jpg.largeIm Fadenkreuz des liberalen Kontrollwahns

Der irritierende Apple-Thriller Suspicion mit Uma Thurman hetzt uns an der Seite scheinbar argloser Briten unter Entführungsverdacht acht Teile lang atemlos durch die Welt der Überwachungskameras und sozialen Medien.

Von Jan Freitag

1984, das muss man 73 Jahre nach der berühmten Dystopie anerkennen, blickte lang vorm digitalen Zeitalter furchtbar visionär in die Zukunft moderner Überwachungsstaaten. Das London von heute ist George Orwells Version von damals also alles andere als unähnlich. Mit einer Ausnahme: Es hält seine Bürger nicht in Beugehaft freudloser Alltagsroutinen und bei Zuwiderhandlung schon mal hungrige Ratten vor ihre Gesichter. Die gegenwärtige Gedankenpolizei hat bessere Methoden zur kollektiven Kontrolle. Feinere, geschicktere, smartere – garantiert durch Millionen Kameras.

Allein im öffentlichen Raum der britischen Hauptstadt kommen unfassbare 73,3 davon auf 1000 Einwohner – mehr als Peking und Moskau zusammen. Bei aktuell 8.961.989 Londonern, erfassen also gut 650.000 Objektive jeder Art alle, wirklich alle, die sich durch Straßen und Häuser, Geschäfte oder Parks bewegen. Auch Eddie, Tara, Aadesh und Natalie. Nachdem maskierte Kidnapper den Sohn der einflussreichen Unternehmerin Katherine Newman (Uma Thurman) aus einem New Yorker Luxushotel entführt haben, geraten sie schon darum ins Visier der Polizei, weil die vier Londoner zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Und so werden drei davon gleich am Anfang des achtteiligen Apple-Thrillers Suspicion nach ihrer Rückkehr aus den USA festgenommen. Die begüterte Finanzmanagerin Natalie Thompson (Georgina Campbell) bei der eigenen Traumhochzeit. Der mittellose IT-Experte Aadesh Chopra (Kunal Nayyar) im Teppichladen seiner Familie. Die kultivierte Uni-Dozentin Tara McAllister (Elizabeth Henstridge) vor den Augen ihrer Klasse. Als es den Studenten Eddie (Tom Rhys Harries) Ende der dritten Folge vorm Pup erwischt, sind seine Leidensgenossen also längst Teil einer Eskalationsspirale, wie sie die weltweite Paranoia im Jahr 20 nach 9/11 allerorten hervorruft.

Nach getrenntem Verhör des englischen Good Cops Vanessa Okoye (Angel Coulby) mit dem amerikanischen Bad Cop Scott Anderson (Noah Emmerich), wird das Trio tags drauf zwar gemeinsam entlassen. Scheinbar auf freiem Fuß aber lässt es Regisseur Chris Long nicht nur durch die Linsen seiner drei Kameraleute verfolgen; mindestens ebenso oft erscheinen sie auf dem CCTV genannten Arsenal omnipräsenter Monitore westlicher Konsumgesellschaften, die ihre Kundschaft pauschal zu Verdächtigen aller denkbaren Delikte erklären oder einfach süchtig nach Informationen sind.

Nur einer entkommt der allumfassenden Verfolgung filmender Drohnen, ausgerechnet: der Hauptverdächtige Sean Tilson (Elyes Gabel), den wir anfangs als Passagier Richtung Belfast kennengelernt haben, bevor er sich im Stil eines Doppelagenten mit der Lizenz zum kaltblütigen Töten nach London durchschlägt. Spätestens hier wird die stille Jagd der Staatsmacht auf ihre mutmaßlichen Gegner zur wilden Jagd aller gegen alle. Denn je mehr das Hollywood-Remake der israelischen Thriller-Serie „False Flag“ Fahrt aufnimmt, desto unlösbarer verknotet Showrunner Rob Williams ihre Fäden. Denn während die Tatbeteiligung des Quartetts im 400-minütigen Spannungsbogen denkbarer wird, geraten sie auch noch ins Fadenkreuz machtpolitischer Intrigen.

Wie Suspicion von einer klugen Sozialkritik am paranoiden Kontrollwahn liberaler Prägung zum Verschwörungsthriller anschwillt, behandelt er aber auch ein paar Randaspekte von 1984 Baujahr 2021. Soziale Medien etwa, die jedes digitale Raunen durch Links & Likes zur Tatsache aufblasen und Wahrheiten noch schneller zerstören als Existenzen. „Das Geschwätz hört auf, sobald jemand einen Hund beim Bellen eines Mariah-Carey-Songs filmt“, sagt Dozentin Tara zum Rektor, als er sie wegen des Sturms in der Hochschulblase entlassen will. Sie sollte sich irren. Zum Leidwesen der Demokratie, zur Freude des Entertainments.



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