Benjamin Fredrich: Katapulte & Lokales

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Wir müssen immer die Guten sein

2015 hat Benjamin Fredrich (Foto: Peter van Heesen) in Greifswald Katapult gegründet und die Startauflage von einigen Hundert Heften auf zuletzt gut 150.000 gesteigert. Mit dem Mix aus Wissen und Journalismus, Texten und Tabellen, Buchverlag und Spin-offs erzielten die 48 Mitarbeiter*innen der gGmbH 2020 fast werbefrei 2,5 Millionen Euro Umsatz, seit Juni sogar mit eigener Regionalzeitung MV. Ein Interview über Lokaljournalismus, toxisches Wachstum, Genderdebatten und warum er gezielt um rechtsradikale Hater in den Kommentarspalten wirbt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Benjamin Fredrich, ist der Tageszeitungsjournalismus aus Ihrer Sicht noch zu retten?

Benjamin Fredrich: Puhh. Die Frage ist, was man sich unter Tageszeitungsjournalismus genau vorstellt. Wir probieren ja gerade, ihn zu retten und wachsen damit stark, wenn auch von geringem Anfangsniveau aus. Das passiert auch, weil wir anders als andere hier im Land und überall sonst hinnehmen, dass der Printbereich auf lange Sicht wohl nicht funktionieren wird. Verglichen mit Online-Journalismus ist der schließlich naturgemäß immer mindestens einige Stunden zu alt.

Wobei dieses Dilemma schon im Titel „Tageszeitung“ steckt.

Aber darüber hinausgeht. In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel hat sich noch keine davon abgesehen von uns bei TikTok angemeldet. Ein Riesenfehler, denn egal, wie scheiße man ein Medium findet – du musst dahingehen, wo die Leute sind und es dadurch mitgestalten. Instagram war früher mal eine Plattform für Fotos von Essen und Körpern. Dadurch allerdings, dass immer mehr Medien dort veröffentlichen, wurde sie konstant um journalistischen Inhalt erweitert.

Und verbindet so nicht nur Menschen miteinander, sondern auch mit Nachrichten und Informationen.

Stimmt, aber noch wichtiger ist, dass man es aus innerer Überzeugung und keinem Pflichtgefühl raus tut wie die drei Zeitungen hier, deren Internetauftritte aussehen, als hätte das irgendjemand vor 20 Jahren notgedrungen in Auftrag gegeben, um es so nebenbei mit ein paar Spitzenmeldungen zu füllen. Dummerweise vergessen die Verantwortlichen im Zeitungsjournalismus dabei, wie viel größer das Interesse an lokalen Nachrichten ist als das an nationalen oder gar globalen.

Verwenden Sie Tageszeitungs- und Lokaljournalismus mittlerweile synonym?

Ich verwende eher Tageszeitungs- und Onlinejournalismus synonym, weil er nur in Echtzeit, also digital verbreitet ausreichend Interessent*innen findet, um rentabel und relevant zu sein. Anders verhält es sich dagegen mit tiefergehenden Analysen, langen Reportagen, Betrachtungen ohne frühes Verfallsdatum, die den Leuten Möglichkeiten gibt, im Wochen- oder Monatsrhythmus aus dem Internet aufs bedruckte, haptische Papier zu entkommen. Am Erfolg von Katapult als Magazin oder Lokalzeitschrift lässt sich gut ablesen, dass daran Bedarf besteht.

Das wäre dann eine Art Coffee-Table-Journalismus hübsch gestalteter Hochglanzprodukte fürs Wochenende, statt publizistischer Grundversorgung.

Wie das gestaltet ist, ist eigentlich egal. Hauptsache, die Leute lesen sich auch mal in tiefere Analysen und nicht nur Überschriften mit kurzen Teasern Ob es auch klappt, wissen wir heute trotz aller Anzeichen noch nicht, aber irgendwie muss und wird es klappen – besonders im Lokalen. Denn das Interesse an Informationen aus der eigenen Umgebung ist ungebrochen riesig. Wenn das Nachbargebäude brennt, ist das für die meisten maßgeblicher als jedes größere Feuer außer Sichtweite.

Wenn Katapult eine seiner Deutschlandkarten mit Tageszeitungen machen würde, die – egal ob online oder offline – eine Zukunft hätten: welche wären das?

Zunächst mal überregionale, weil die früher begriffen haben, alle Verbreitungswege gleichberechtigt zu bespielen, und in der Lage sind, tiefere Analysen des Geschehens zu erstellen. Seit Medien dank der Digitalisierung dahingehend demokratisiert wurden, dass jeder und jede Falschinformationen verbreiten kann, brauchen Leute wie Wendler oder Atilla Hildmann keine Schockblätter vom Boulevard mehr, um ihr Anliegen unters Volk zu kriegen. Meine Prognose lautet da, dass Inhalte abseits journalistischer Standards von der Personality-Story bis zur politischen Ideologie für große Publikationen an Relevanz verlieren, weil Influencer über Social Media und Messengerdienste wie Instagram oder Telegram mit jedem Mist Clicks kriegen.

Es sei denn, es handelt sich um Sinnfluencer.

Ein Rezo hat es in der Tat geschafft, als Quereinsteiger journalistischen, gut recherchierten Inhalt erfolgreich zu machen. Damit ist er zwar die absolute Ausnahme, könnte sich aber durchaus neben den so genannten Qualitätsmedien im Bereich seriöser Berichterstattung halten. Für weniger seriöse Berichterstattung dagegen braucht es eigentlich keine Redaktionen mehr; das liefern die Leute allein von zuhause oder dem Smartphone aus mit weniger Aufwand und machen den klassischen Boulevard damit langfristig überflüssig.

Wobei gerade Regenbogenblätter, deren Inhalt aus Mutmaßungen, Unterstellungen und blanken Lügen bestehen, noch immer solide Auflagen haben.

Die allerdings bei größeren Boulevardmedien wie Bild und Bunte steil bergabgehen, während die Kundschaft billiger Königshäuserhefte langsam ausstirbt. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass Bild vor zehn Jahren ein relevantes Meinungsmedium mit dreieinhalb Millionen verkaufter Hefte pro Tag war. Heute dient sie nur noch als Skandal-Verstärker, und sogar der Postillon hat online mehr Fans. Ein Kanzler Schröder empfand die Bild noch als entscheidend, um in Deutschland Politik zu machen. Heute ist die Bild als Meinungsmacherin nicht mehr so relevant, alsdass die Politik besonders auf dieses Medium acht geben würde. Trotz enormer Reichweite haben Redakteure ihr Monopol auf mediale Meinungsbildung verloren. Aber darum werde ich als letztes trauern, denn das sorgt endlich für ein demokratisches Gleichgewicht.

Also nochmals – welche Medien finden auf Ihrer Landkarte langfristig Platz?

Die Süddeutsche, FAZ, das Handelsblatt vielleicht noch so was wie taz oder Frankfurter Rundschau und natürlich Die Zeit, wobei das ja schon wieder eine Wochenzeitung ist. Umso mehr warte ich sehnsüchtig auf eine überregionale Lokalzeitung mit mehr Niveau als Bild.

Wollen Sie diese Lücke mit der monatlichen Regionalausgabe der Katapult füllen?

Zunächst mal wollen wir diese Lücke auf Landesebene füllen, wo weder Ostsee-Zeitung noch Schweriner Volkszeitung geschweige denn der Nordkurier gelungene Online-Auftritte haben und ihre überregionalen Inhalte zudem von Zentralredaktionen und Agenturen beziehen. Falls wir weiter so stark wachsen wie bisher, möchten wir auf dieser Grundlage möglichst bald andere Bundesländer erschließen.

Mit haltungsgetriebenem Lokaljournalismus also?

Haltung und Lokales kann prima koexistieren, auch wenn sich das bei uns eher zufällig so ergeben hat, also keinem Masterplan folgt. Als Politologe kann ich Erkenntnis gar nicht von Haltung trennen, diese Wissenschaft ist schließlich schon deshalb als einzige nicht neutral, weil sie nach dem Dritten Reich gegründet wurde, um ein Viertes zu verhindern. Man könnte Politologie daher als Wissenschaft der Demokratie bezeichnen, die sie nie zur Debatte stellt, sondern mit Leben füllt. Und dazu zählen die drei Grundpfeiler von Katapult.

Die da wären?

Antifaschismus, also die Ablehnung von jeder rechtsradikalen, fremdenfeindlichen und menschenunwürdigen Politik. Gleichberechtigung, also im weitesten Sinne Feminismus und Diversität. Außerdem Ökologie, also Umwelt- und Klimaschutz. Obwohl dieser normative Ansatz unsere Fallhöhe steigert, darf daran bei uns nicht gerüttelt werden.

Spüren Sie diese Fallhöhe in der Resonanz auf Katapult-Berichte?

Klar. Unsere demokratischen Standards kommen in Echtzeit zu uns zurück, aber diesen Druck machen wir uns am Ende selbst. Wenn Recyclingpapier knapp wird, das mit 65.000 Euro Druckkosten pro Ausgabe ohnehin schon teuer ist, aber eben ungleich weniger Bäume verbraucht, können wir nicht einfach auf konventionelles Papier umsteigen. Das ist zwar anstrengend, sichert uns aber den Zuspruch unserer externen Kontrollinstanz: den Lesenden. Kennen Sie unseren Streit mit Hoffmann & Campe?

Über das Buch Deutschland, wie Sie es noch nie gesehen haben, das aus Karten besteht, die schwer an jene von Katapult erinnern?

Eine Kopie, über die ich mich auch öffentlich aufgeregt habe. Allein das brachte uns zwar locker 20.000 Abos, aber kürzlich hat eine Redakteurin aus unserem News-Team den Tweet eines fremden Nutzers benutzt und so in ihre Recherche eingebunden, dass sie es für ein völlig eigenständiges Werk hielt. Als sich der Twitter-Nutzer darüber beklagte, hat er auf Kommentare von mir verwiesen, in denen ich mich über geklaute Ideen anderer beschwere. Da stand es völlig außer Frage, dass wir es sofort berichtigen, ein Honorar anbieten oder zumindest seinen Namen als Autor erwähnen. Wer hart austeilt, muss auch hart einstecken und vor allem fair bleiben.

War das der Ratschlag Ihrer Rechtsabteilung?

Das war vor allem der Ratschlag unserer Moralvorstellung. Ganz unabhängig von den wettbewerbs- oder urheberrechtlichen Kriterien, die man im Zweifel vor Gericht klären muss, sind wir von unserer Position aus dazu verpflichtet, ethisch einwandfrei zu sein und sympathisch rüberzukommen. Wir müssen immer die Guten sein.

Kann dieser Anspruch gepaart mit dem externen Korrektiv Ihrer Kundschaft auch dazu führen, dass Katapult seine Haltungen mal ändert?

Kommt auf die Haltungen an. Denn genauso, wie wir Dinge machen, die uns neue Abos bringen, machen wir auch viele, die uns alte Abos kosten, aber die drei Säulen unserer Berichterstattung bleiben unangetastet. Obwohl wir beim Thema Feminismus inhaltlich hyperprogressiv sind, hat Katapult erst auf Druck des Publikums damit begonnen, zu gendern. Wir haben damit wie jedes Verlagshaus zwar Abos verloren, aber auch neue gewonnen. Und wie in der ganzen Gesellschaft gab es darüber natürlich auch interne Auseinandersetzungen, aber wichtig ist doch, überhaupt konstruktiv zu streiten. Das ist schließlich nicht überall so. Als wir gemeinsam mit einem anderen Medium etwas über Greenwashing machen wollten, ist es daran gescheitert, dass die nur konstruktiven, statt kritischen Journalismus machen, um Anzeigenkunden nicht zu verschrecken. Aber der ist mir zu langweilig.

Sind konstruktiver und kritischer Journalismus denn unvereinbar?

Nicht grundsätzlich, aber wenn man einen deutschen Mega-Konzern als Dauer-Anzeigenkunden hat und darüber einige Mitarbeitende bezahlt, fällt es doch wohl sehr schwer, kritisch über diesen Konzern zu berichten.

Kritischer Journalismus scheint Ihnen ein bisschen lieber zu sein.

Schon. Denn kritischer Journalismus muss aus meiner Sicht stets wunde Punkte suchen, er besteht aber auch darin, dass sich beide Extreme aufeinander zubewegen. Angriff ohne Inhalt ist ebenso sinnlos wie Inhalt ohne Angriff, doch zurzeit überwiegt insgesamt, aber teils auch bei uns noch ein bisschen zu oft letzteres. Das sind dann so harmlose Artikel über die besten Freizeitaktivitäten am Strand oder so. Das langweilt. Brauche ich nicht. Generell wünsche ich mir, dass man für jede Recherche alle Beteiligten lieber den ganzen Tag mit Anrufen nervt und noch was rausbekommt, was über die langweilige Geschichte hinaus geht.

Nerven, bis alle Infos da sind, oder alle, die man sich erhofft hat?

Natürlich alle, die es gibt (lacht). Ich komme aus der Wissenschaft. Wer da nicht ergebnisoffen arbeitet, erzielt niemals Erkenntnisgewinne. Und das gilt auch für meine Art von Journalismus. Überparteilichkeit ist da – mal abgesehen von ultrarechten Partien wie der AfD – absolute Pflicht. Und manchmal ist es auch interessant, bei einer Recherche nichts Aufregendes zu finden.

Haben Sie ein Beispiel, wo Recherchen ins Leere liefen und dennoch ein guter Bericht draus geworden ist?

Manchmal veröffentlichen wir ergebnislose Recherchen einfach und fragen unser Publikum, ob es mehr weiß. Crowdsourcing. Man denkt zunächst, dass es einem etwas journalistische Glaubwürdigkeit nimmt, aber am Ende ist gibt es den Lesenden auch einen Einblick, wie wir arbeiten und woran wir scheitern und auch, dass sie mitmachen können. Wir haben über Crowdsourcing beispielsweise mal Daten über Praktikumsbezahlung gesammelt. Das hat geklappt.

Gibt es so etwas wie Streit-, wenn nicht gar Rauflust der Katapult, also die Suche nach Punchlines und Skandalen statt ergebnisoffenem, überparteilichem Journalismus?

Wenn man Punchlines oder Skandale durch Schwachstellen der Mächtigen oder Regierenden ersetzt, gibt es definitiv eine Streit- oder Rauflust bei Katapult. Aber wenn Ministerpräsidentin Schwesig den Vorpommern-Beauftragten Patrick Dahlemann zum Chef ihrer Staatskanzlei macht, der aber – was sehr ungewöhnlich ist – sein Landtagsmandat behält, prüfen wir natürlich eingehend, ob er die Gelder zuvor gleichmäßig verteilt hat oder zugunsten seiner Heimatregion. Wenn ersteres der Fall ist, schreiben wir das jedoch ebenso auf wie letzteres. Wir suchen nicht nach Skandalen, weil es Skandale werden sollen, sondern weil so eine Aufdeckung gesellschaftlich relevant ist.

Dennoch macht ein haltungsgetriebenes Magazin wie Katapult mit gecheckten und belegten Skandalen doch mehr Auflage als mit gecheckten und widerlegten?

Wichtig ist es, den fairen Mittelweg finden, aber ich freue mich natürlich über jeden Anfangsverdacht, den wir gewissermaßen ermitteln. Da ist die Redaktion eine Art Kommissariat, das möglichen Straftaten zwar nachgeht, aber nicht vorverurteilt. Dafür sind Gerichte da.

Die gerade auf hohem Recherche-Niveau mit aufwändigem Layout teuer ist. Wie genau finanziert sich das wachsende Portfolio von Katapult?

Jedenfalls nicht mit Werbung. Als wir noch klein waren, haben wir ein Anzeigenaustauschgeschäft mit der Titanic gemacht. Mittlerweile sind wir zwar ähnlich groß , behalten das aber bei, weil die uns geholfen haben, als uns am Tag vorm Andruck der einzige Anzeigenkunde abgesprungen ist. Das Problem war aber gar nicht so sehr das fehlende Geld, sondern zwei weiße Seiten, die wir plötzlich füllen mussten. Darüber hinaus haben wir eine Kooperation mit Fritz-Cola, aber die bringt uns eher endlos Getränke als Einnahmen.

Immerhin gut fürs Start-up-Feeling…

Kann man so sagen. Unsere Anzeigenpreise haben wir dagegen mit 30.000 Euro bewusst so hoch angesetzt, dass sie eh niemand zahlt; das sorgt sozusagen für marktgerechte Werbefreiheit. Unlängst hat das Hamburger Label Audiolith gefragt, ob wir Anzeigen von ihnen schalten wollen. Das fanden wir eigentlich schon deshalb super, weil es Feine Sahne Fischfilet unter Vertrag hat.

Eine Punkrockband aus Mecklenburg-Vorpommern, die sich vehement gegen rechts positioniert und dafür sogar vom Landesverfassungsschutz beobachtet wurde.

Klar. Auf jeden Fall Respekt, dass die es da reingeschafft haben. Wir wissen ja heute, wie der Verfassungsschutz damals gearbeitet hat und dass der Verfassungsschutz wohl selbst auch in den Verfassungsschutzbericht gehört hätte. Mit Feine Sahne verbindet uns einiges, aber uns ist eine Kooperation über klassische Anzeigen hinaus lieber, vielleicht mal ein gemeinsames Festival oder so. Das Geld brauchen wir nicht. Unser Ziel ist es, das Heft weitestgehend reklamefrei zu halten.

Um finanziell oder auch politisch und moralisch unabhängig zu bleiben?

Von allem ein bisschen. Als wir noch zu dritt waren, haben wir tatsächlich rumtelefoniert, um Anzeigen zu kriegen, von Verlagen zum Beispiel. Es gab auch Interessenten, aber weil immer mehr Geld in soziale Medien floss, befand sich der Anzeigenmarkt im Printbereich bereits im freien Fall. Und weil unsere Abo-Zahlen parallel explodierten, war die Entscheidung gegen Reklame eher personeller Art: lieber alle Kraft in Abos stecken und unabhängig sein, als zu dritt nebenbei noch Anzeigen akquirieren. Mit 48 Mitarbeiter*innen können wir uns diesen Luxus mittlerweile auch finanziell leisten – merken am Beispiel der erwähnten Greenwashing-Kooperation aber auch, wie gut uns das journalistisch tut.

Inwiefern?

Weil Rewe ein Anzeigenkunde des geplanten Medienpartners ist, wollten die nicht kritisch über ihn berichten. Das kann uns nicht passieren, wir müssen auf niemanden Rücksicht nehmen.

Außer aufs eigene Publikum. Während werbefinanzierte Medien Rücksicht auf Anzeigenkunden nehmen, muss Katapult womöglich mehr Rücksicht auf Leserinnen und Leser nehmen, damit sie nicht in Scharen davonlaufen.

Das glaube ich auch. Die Frage ist, ob wir das aushalten oder nicht.

Und?

Jedes Heft bringt Hunderte Emails und Online-Kommentare von Lesenden, die sich oft heftig über uns aufregen. Da könnte man nun jeden Artikel auf mögliche Entfremdung von der zahlenden Kundschaft hin prüfen, aber das würde uns wahnsinnig machen. Außerdem kennen wir unsere Käufer*innen nicht und erheben auch null Daten über sie – weder Alter noch Einkommen geschweige denn Bildung oder Schicht. Uns interessiert nur die Anschrift und wie sie auf uns aufmerksam geworden sind. Alles andere braucht man nur, um Anzeigen zu verkaufen.

Warum ist es dann wichtig zu wissen, wie die Leute auf Katapult aufmerksam wurden?

Um zu erfahren, wo wir sichtbar sind und Verbreitung finden. Wobei da vor allem Instagram von Interesse ist; Facebook kann man so langsam mal auslaufen lassen. Darüber hinaus fühlen wir uns in dieser Datenarmut sauwohl; das entspricht auch dem hohen moralischen Anspruch unserer Lesenden. Darüber hinaus aber wollen wir ja gerade, dass bei uns in den Kommentarspalten die Hölle los ist. Dafür werben wir sogar gezielt bei Rechtsradikalen.

Bitte?!

Damit die auf uns aufmerksam werden, Streit entfachen und unsere Bubble nicht einfach nur sich selbst genügt. Vielleicht bekommt man ja manche auch irgendwann mal mit einem Argument überzeugt. So sehr unser Medium haltungsgetrieben ist, so wenig wollen wir bloß Zielgruppenjournalismus machen. Katapult steht allen offen, und je mehr sich darüber fetzen, umso besser. Von 48 Leuten hier machen drei deshalb nichts anderes als Moderation, diesen Prozentsatz am Personal hat sonst kein Medium.

Kriegen die dann Sonderzulagen, weil sie sich mit Nazis rumärgern, die Sie gezielt angelockt haben?

Das nicht, aber ab und an psychologische Hilfe. Die wissen aber auch, dass es dem wichtigen Zweck dient, Homogenität in der Zielgruppe vorzubeugen. Inhaltlich bin ich durchaus Fan der taz, aber die haben sich mit ihren Lesenden mittlerweile so homogenisiert, dass den Artikeln – so gut und wichtig ich sie oft finde – öfter mal das Überraschende fehlt, was Journalismus bedeutsam macht. Wir haben jetzt vier leitende Redakteure, und einer davon, Sebastian Haupt, der den Knicker macht…

Ein Spin-Off zum Ausklappen.

… der ist für jedes Thema offen, aber bitte nichts über die Armutsschere in Deutschland, von der wirklich alle berichten. Nur mit breiter Palette kannst du ein breites Publikum erreichen.

Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bilden aber gewiss nicht das gesamte Meinungsspektrum ab, oder?

Na ja. Menschenfeinde von rechts wollen wir nicht im Haus haben, ansonsten aber stehen wir politisch grundsätzlich allen offen, sofern sie nicht parteipolitisch gebunden sind. Darüber gab es grad eine Diskussion, weil zwei Redakteure Parteimitglieder sind. Eigentlich ist das okay, arbeitsrechtlich dürfen wir so was ja nicht mal abfragen, und ich persönlich hätte gern alle demokratischen Meinungen hier vertreten, aber nicht als aktive Parteimitglieder. Unsere Art der Berichterstattung macht Katapult eben extrem angreifbar. Politische Präferenzen werden da sehr genau beobachtet.

Wie verhindert man da, dass bei Katapult keine „waschechten Rassisten“ arbeiten, die Sie im Streit mit der Konkurrenz vom Nordkurier ja in deren Redaktion verortet haben – gibt es einen Fragekatalog, um das Wort „Gesinnungstest“ zu vermeiden?

Der Chefredakteur vom Nordkurier hat nach dem Rassismusvorwurf darauf hingewiesen, dass „nicht alle“ beim Nordkurier Rassisten sind, um damit meine Pauschalisierung zu kritisieren. Guter Punkt. Aber auch eine hochinteressante Aussage über den Rest von „alle“. Egal, wir haben in zwei Jahren 37 Leute eingestellt; deren gute Gesinnungen zu testen, schafft man auch ohne Fragekatalog, anhand der Bewerbungsunterlagen und kurzer Online-Recherche über das, was die vorher gemacht haben. Schwieriger ist es, falls Bewerber*innen von NGOs kommen.

Welche zum Beispiel?

Na ja, Greenpeace etwa oder Amnesty International. Die sind, was ich generell nicht falsch finde, missionsgetrieben. Ihnen fehlt das Ergebnisoffene. Da müssen wir mehr drauf achten, als ob einer mal in der Wiking-Jugend war, der bewirbt sich eh nicht bei uns. Wer dagegen bei Oxfam tätig ist, wird nie zur Erkenntnis gelangen, die Armutsschere wird kleiner; dann würde er seine NGO ja überflüssig machen.

Wie rekrutieren Sie überhaupt Mitarbeiter*innen in einer Region wie Vorpommern, wo junge, besonders weibliche Menschen nach Ausbildung oder Studium mehrheitlich das Weite suchen?

Durch unsere Reichweite in den sozialen Medien haben wir die luxuriöse Lage, weder Stepstone noch Xing zu nutzen oder sonst wie Geld und Zeit in Personalsuche zu stecken. Haben wir mal gemacht, aber schnell gemerkt, dass sich eh alle über social media bewerben. Wenn wir darüber eine Redakteursstelle ausschreiben, haben wir in kürzester Zeit 100 Bewerbungen, also echt keinerlei Nachwuchsprobleme. Am schwierigsten ist es, Köch*innen zu finden.

Die Sie sogar im Impressum ausweisen.

Und zwar völlig zu recht! Auch Programmierer*innen sind etwas schwieriger zu finden als Grafiker*innen und Redakteur*innen, gerade aus der Umgebung. Früher kamen die meisten bei uns aus MV, mittlerweile noch 25 Prozent. Wir haben sogar zwei Leute aus den USA, die unsere englischsprachige Ausgabe machen. War auch kein Problem, die von Alabama nach Greifswald zu kriegen. Problematisch war hier auch etwas anderes. Als wir unsere Abo-Zahlen 2020 verdreifacht hatten…

Trotz Pandemie?

Und wegen der Pandemie! Da bin ich dem Impuls gefolgt, jeden Überschuss sofort für neues Personal auszugeben; das ist bei mir intrinsisch, aber manchmal eben einfach zu viel. Auf 15 alte Mitarbeiterinnen kamen damals 20 neue, das war die Hölle.

Weil der redaktionelle Zusammenhalt gelitten hat?

Eher, weil mehr Personen zum Einarbeiten als zum Arbeiten vorhanden waren, und das geht zulasten von beidem. Manchmal ist langsameres Wachsen trotz voller Kassen sinnvoller. Dieses Jahr haben wir immer noch viel eingestellt, das Ganze aber trotz ähnlich guter Ausgangslage ein bisschen ruhiger angehen lassen.

Gibt es bei Medien grundsätzlich so was wie toxisches Wachstum in der Start-up-Phase?

Wenn es so exponentiell läuft wie bei uns, schadet es jedenfalls schnell mal der internen, also zwischenmenschlichen Kultur – wie wir alle miteinander umgehen also. Selbst unsere Artikel sind in der Zeit etwas schlechter geworden. Umso wichtiger ist der neue Ort, den wir uns hier mit Journalist*innenschule bauen; da kommen wir alle neu zusammen und haben dadurch die Möglichkeit, uns gemeinsam weiterzuentwickeln.

Und in welche Richtung?

Zum Beispiel ein Stück weg vom früheren, leicht anarchistischen Katapult-Humor, der etwas sachlicher wird und angesichts der Entwicklungen auch werden musste, ohne ihn ganz abzuschaffen. Der Verlust des Impulsiven zugunsten einer gewissen Professionalisierung, gepaart mit geregelten Arbeitszeiten, auf die unsere Angestellten ein Anrecht haben, passiert aber allen Start-ups irgendwann. Das tut gelegentlich weh, gehört aber dazu.

Schmerzhaft könnte es auch sein, dass Zeitungen wie die Süddeutsche Ihr Erfolgskonzept bisweilen stumpf kopieren. Oder ist diese Art der Respektsbekundung sogar ein bisschen schmeichelhaft?

Ach, es ist beides. Wenn das offen geschieht wie bei der Schweriner Volkszeitung, die uns auf einer Podiumsdiskussion gesagt hat, sie fänden unser Konzept mit den Karten so toll, dass sie da jetzt eigene machen, aber ersichtlich anders als unsere, finde ich das schmeichelhaft. Außerdem sind Karten jeder Art ja keine Neuerfindung von uns. Als die Süddeutschen Zeitung mehrfach unverkennbar von uns abgekupfert hat, ohne das zu kommunizieren oder kenntlich zu machen, fühlten wir uns dagegen schon veräppelt. Das ist zwar nicht urheber-, aber wettbewerbsrechtlich bedenklich.

Mit welcher wettbewerbsrechtlichen Konsequenz?

Dass eine Redaktion die andere systematisch ausbeutet. Eine sucht tagelang nach lustigen Vergleichen und die andere macht sich diese Arbeit nicht und nimmt sie einfach vom kleineren Medium. Das ist bei einer gewissen Wiederholung wettbewerbsrechtlich relevant und das war bei uns der der SZ leider der Fall.

Sie haben vorhin vom Verlust des früheren Katapult-Witzes gesprochen. Ist Humor mal abgesehen von klarer Haltung und analytischer Tiefe ein Faktor, der den Journalismus gerade in Konkurrenz zum schnelleren Internet zukunftsfähig machen könnte?

Empfehlen kann ich ihn jedenfalls niemandem, der dafür kein Händchen hat.

Ersetzen wir Humor durch Leichtigkeit, die Ihrem Magazin bei aller inhaltliche Tiefe zu eigen ist.

Auch die würde ich Lokalblättern wie Ostsee-Zeitung oder SVZ nur eingeschränkt empfehlen, aber für uns ist es – auch intern – perfekt, jenseits vom Grundton allgemeiner Krisenberichterstattung zu schreiben. Wichtig ist, die Seriosität der Recherche zwischen der Leichtigkeit erkennbar werden zu lassen.

Gute Beispiele für diese Mischung aus Humor und Journalismus wären amerikanische Late-Night-Shows von Jon Stewart, Trevor Noah oder John Oliver, die viele Zuschauer als Informationsmedien nutzen, hierzulande vergleichbar mit Böhmermanns ZDF Magazin Royal oder der heute-show.

Die sind in der Tat großartig und ziehen das Publikum aus dem Trott der Nachrichten heraus, in denen ironiefrei über Politik berichtet wird. Dass dieser Ansatz in MV komplett fehlte, war eine Motivation für uns, Katapult zu machen. Auch wenn Humor nicht deren Ansatz ist, gewinnen wir alle doch ein Stück Würde, wenn wir über uns selbst lachen können. Bei den Lokalblättern im Bundesland erschöpft sich die Selbstironie allerdings darin, es ab und zu Meck-Pomm, statt MV zu nennen. Wobei wir das superschicke Kürzel Meck-Vorp bevorzugen.

Weil Pommern weiter östlich ist?

In Polen, um genau zu sein. Meck-Pomm klingt, ohne dass es so gemeint sein dürfte, unangenehm großdeutsch. Aber Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr das viele hier im Land als Angriff auf Ihre Region empfinden. Auch wegen der Lokalzeitungslandschaft sind viele das gar nicht mehr gewohnt, augenzwinkernd auf ihre Region zu blicken.

Wollen sich die Leserinnen und Leser mit Katapult denn vor allem informieren oder unterhalten lassen?

Beides, und genau darin liegt, um zur Eingangsfrage über die Rettung des Lokaljournalismus, unsere Chance, das tradierte Spektrum gesellschaftspolitischer Zuschreibungen aufzubrechen und bedeutsame Unterhaltung zu machen. Im leichten Bereich, etwa über Bierbrauereien, sprechen wir daher alle ungeachtet ihrer Haltungen an, sind damit extrem demokratisch und bieten gerade damit die Gelegenheit, in härteren Beiträgen über den Tellerrand zu blicken.

Wird dieser Blick über den Tellerrand auch in der Journalistenschule gelehrt, der gerade auf dieser Großbaustelle, auf der wir uns unterhalten, entsteht?

Absolut. Wobei ein wichtiger Schwerpunkt unserer Schule darin bestehen wird, das klassische Journalistenschulen kaum lehren, für uns aber existenziell ist: alles mit Grafik, also Visualität, dazu Programmieren, Datenverarbeitung. Sowas sollten Journalist*innen aus meiner Sicht aber ohnehin in der Ausbildung lernen. Und vielleicht bringen wir ihnen hier auch noch Methodik und Statistik der Wissenschaft bei, was für Katapult im Besondern, aber den Journalismus im Allgemeinen hilfreich ist. Unsere Tendenz geht klar Richtung Wissenschaftsjournalismus.

Mit dem Namen Katapult-Journalistenschule?

Namen gibt’s noch nicht, könnte aber sein und muss auch bald sein. Denn im Frühjahr geht es ja schon los, und wir kriegen jetzt schon massenhaft Bewerbungen – witzigerweise ungefähr halb so viele als Dozierende wie als Studierende. Das wäre mal ein guter Bildungsschlüssel für 106 Leute auf 2000 Quadratmetern.

Die wie viel für die Ausbildung bezahlen?

Hoffentlich gar nichts. Wenn Katapult stark genug ist, bezahlen wir das.

Und werden Sie in der Lehre mitmachen?

Puhh, wenn mir was einfällt, was ich besonders gut kann, vielleicht. Im Grunde aber würde ich da lieber Profis ranlassen. Ich bin ja nicht mal Journalist, ich hab nur Bock drauf irgendwas relevantes zu machen und nirgendwo fühle mehr ich Relevanz als im Lokalen. Man spürt oft: Wenn ich hier heute nicht drüber berichte, dann macht es keiner. Das ist nur im Lokaljournalismus so. Deshalb ist er so befriedigend. Ob ich auch lehren werde, gute Frage. Ich bin Praktiker, kein Didaktiker. Vielleicht lehre ich am Ende das Fach „Peinliche aber virale Tiktok-Videos“!

Das Interview ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen


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