Poschardts Porsche & Stiller Serie

TV

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Februar

Der Rechtspopulismus hat – von seiner parlamentarischen Säbelspitze AfD in Kreis-, Land- und Bundestag perfektioniert – ein kurioses Wirkprinzip: Unsagbares aussprechen, anschließend das Gegenteil beteuern, um ersteres damit in Diskursen, also Köpfen zu verankern. Ulf Poschardt, publizistisches Florett reaktionärer Alpharüden mit Porsche, hat da viel von seiner heimlichen Leibpartei gelernt, Super-Holocaustüberlebende als Schuldige einer angeblich linken Dominanz benannt – und hinterher fehlerhaftes Copy-and-Paste dafür verantwortlich gemacht.

Auf die Entschuldigung des ähnlich weißen, aber etwas älteren Tagesspiegel-Kollegen Harald Martenstein müssen wir derweil noch warten. Aber als der Kolumnist Judensterne mit „Ungeimpft“ als „eindeutig nicht antisemitisch“ verteidigte, hat er das sicher nicht so gemeint. Genauso gemeint wie gesagt war Jan Böhmermanns berühmtes Schmähgedicht über Präsident Erdoğan, dessen Verbreitung das Bundesverfassungsgericht nun kommentarlos und endgültig untersagte. Julian Reichelt darf dagegen weiter klagen, er sei Opfer sexueller Gewalt von Frauen, die wohl einfach zu ungefickt sind, um sein moschusduftendes Brusttoupet sexy zu finden.

Das hat auch Mathias Döpfner so die Sinne vernebelt, dass er Reichelts Missbrauchssystem – wie Nils Minkmar in der Süddeutschen Zeitung schreibt – selbst dann noch aktiv vertuschte, als daran längst kein Zweifel mehr bestand. Mal sehen, besser: hören, ob Helene Fischer den Soundtrack schreibt, wenn RTL den Fall verfilmt. Einen Hang zum Autokratischen beweist sie schließlich im ARD-Song Jetzt oder nie, der an den Diktaturspielen von Peking aber mal gar nix auszusetzen hat.

Allein das qualifiziert sie zur Cash-Cow von Zuckerbergs Meta, dem Europas Datenschutz so zuwider ist, dass er Facebook und Instagram abschalten wollte. Während ersteres kaum noch jemand bemerken würde, hätte letzteres Konsequenzen – etwa für Heidi Klum, deren neun Millionen Insta-Fans nicht so mit negativen Fragen nerven wie das Medienportal DWDL, dem sie deshalb ein zugesagtes Interview verweigert. Weltstars wie diese basteln sich schließlich längst ihre eigene Realität – wer braucht da noch kritischen Journalismus…

Die Frischwoche

14. – 20. Februar

Kanye West jedenfalls nicht, weshalb sich der lukrativste Rapper des 21. Jahrhunderts lieber ein Gefälligkeitsgutachten von Netflix erstellen lässt, als sich aufrichtig durchleuchten zu lassen. Dennoch ist das dreiteilige Abbild Jeen-Yuhs ab Dienstag faszinierend – zeigt es doch Geburt, Aufstieg, Apotheose eines Selbstvermarktungsprofis. Dafür muss man ja nicht gleich seine Trump-Leidenschaft oder den Größenwahn überbetonen…

Fernab von Größenwahn, gar Trump-Leidenschaft ist der MSV Duisburg. Bei RTL+ begleiten Verantwortliche und Fans wie Joachim Llambi den Drittligisten durch eine Clubgeschichte, die so konsequent von Tiefen bei seltener Höhe geprägt ist, dass man mit der Leidenschaft fürs Kellerkind mit Erstliga-Historie körperlich mitleidet, aber auch viel über jene Leidensfähigkeit lernt, von der Bayern-Verantwortliche und -Fans nicht mal träumen dürfen.

Einen Albtraum erleben die Figuren von Ben Stillers Dystopie Severance. Als hätte Wes Andersen Ricky Gervais‘ The Office in der Kulisse von Stanley Kubricks 2001 gedreht, erzählt Hollywoods Spaßkanone vom Personal eines dubiosen Konzerns, dem Hirnimplantate das Privatleben operativ vom Berufsleben trennen. Klingt irre, ist irre, aber so gut erzählt, so toll gespielt, so originell ausgestattet, dass man trotz ereignisloser Dramaturgie im retrofuturistischen Stil neun Teile lang gebannt vorm Bildschirm sitzt.

Wer sechs Folgen der deutsch-deutschen Wirtschaftspolitikserie ZERV sieht, dürfte zwar weniger gebannt sein. Trotzdem stellt die ARD damit heute ein Format in seine Mediathek, das überrascht. Während es oberflächlich um Zwangsadoption vor und Waffenhandel nach der Wende geht, füllen Nadja Uhl und Fabian Hinrichs das zeithistorische Kostümfest als gegensätzliche Ermittler mit so viel Liebe, dass der Krimiplot erträglich wird. Den Rest in Stichworten: Neo zeigt parallel die achtteilige Young-Adult-Sitcom Ich dich doch auch, ab Donnerstag startet Sky sein vierteiliges KI-Finanzdrama The Fear Index. Und zeitgleich im BR schreddert Oliver Polaks Talkshow Gedankenpalast mit Gästen von Patrick Lindner bis Lady Bitch Ray, die er im Wald trifft, wieder alle Seh- und Hörgewohnheiten.



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