Bachs Schweigen & Merkels Leben

TV

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Februar

Was wohl Peter Merseburger gesagt hätte zur Irrsinnsidee, die Olympischen Winterspiele in der perfidesten, dabei effizientesten Diktatur seit Erfindung elektronischer Überwachungsmethoden zu veranstalten? Er hätte es angeprangert. Woche für Woche, Tag für Tag, Minute für Minute seiner streitbaren Berufstätigkeit als journalistischer Spürhund der Bonner Republik, den die Berliner Republik leider nur noch als stillen Beobachter erlebte. Nun ist es nicht so, als hätten ARD und ZDF das Politische am Sportlichen ausgespart, im Gegenteil.

Während Eurosport die verheerende Menschenrechts-, Umweltschmutz- und Dopingsituation in China als Hauptlizenznehmer des tyrannischen IOC herzlich egal, womöglich sogar recht war, wurde öffentlich-rechtlich auch zur besten Sendezeit beharrlich über Abgründe in Peking berichtet. Einer wie Merseburger jedoch hätte es ohne Rücksicht auf Verlust getan und in alle Richtungen ausgeteilt, also auch Richtung Deutschland, das sich zwar zum diplomatischen, aber keinesfalls wirtschaftlichen Boykott durchringen kann.

Nun ist der große, alte Mann von Panorama mit 93 gestorben und mit ihm ein Stück Mediengeschichte. Was von Merseburger bleibt? Die vage Erinnerung, dass politischer Journalismus mal eine Leib- und Seelensache war. Was von Olympia bleibt? Kathi Witts Tränen nach dem verpatzten Lauf des gedopten Gewaltopfers Kamila Walijewa im Ersten. Thomas Bachs Schweigen, als Chinas NOK-Sprecherin auf einer PK neben ihm politische Propaganda betrieb. Und acht Milliarden Dollar Übertragungsgebühr, für die NBC lausige Quoten erntete.

Ach ja, was vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger bleibt, dieser Karikatur pressefreiheitlicher Verbandstätigkeit im Griff von Mathias Döpfner? Eine Clique rückgratloser Opportunisten (und exakt einer Opportunistin), die ihren Führer auch dann noch deckte, als ruchbar wurde, wie er das Gewaltsystem des Bild-Hetzers Julian Reichelt deckte. Immerhin: Mit Funke ging nun ein Verlag auf Abstand, gefolgt von Madsack-Chef Thomas Düffert, der Donnerstag als BDZB-Vize zurücktrat. Mehr davon!

Die Frischwoche

21. – 27. Februar

Und bitte auch mehr Dokumentarfilme von Torsten Körner. Seine Lebensstudie Im Lauf der Zeit porträtiert Angela Merkel morgen Abend auf Arte zwar ästhetisch konventionell; gerade das Fehlen zeitgenössischer Splitscreens und Animationen sorgt aber dafür, dass er der Kanzlerin im Wildgehege männlicher Alpharüden nahekommt, ohne die Distanz zu verlieren. Etwas mehr Distanz, um nicht zu sagen: maximaler Abstand wäre hingegeben zu Diese Ochsenknechts wünschenswert.

Wenn Sky ab heute Milkyway-Hedgefonds, Thunderstorm-Bingewatching, Ntschotschi-Horst und die 25 anderen Kinder von Natascha (ohne Uwe) sechs Teile lang beim, nun ja, b-prominent sein begleitet, würde allerdings auch der volle Erdumfang zwischen uns und der Sippe fürs Seelenheil kaum reichen. Es gab übrigens Zeiten, da wollten Kritiker*innen auch Henning Baum nicht näherkommen als unbedingt nötig. Sein Spiel, sein Typ, der ganze Kerl stand schließlich für eine irgendwie vormoderne Männlichkeit. Das tut sie bis heute.

Er setzt sie allerdings in einer Weise ein, die selten toxisch ist und damit doch wieder ein bisschen modern. Zum Beispiel als Der König von Palma. Nach einer wahren Begebenheit spielt Baum im Sechsteiler von RTL+ einen Clubbesitzer, der sich – an Sandra Borgmanns wunderbarer Seite – ab Donnerstag mit der Gastronomie-Mafia auf Malle anlegt. Anders als der Titel andeutet, ist das allerdings nicht die Spur lustig, aber durchaus ansehnlich.

Gleiches gilt fürs Box-Drama Gipsy Queen, eine Art Million Dollar Baby auf St. Pauli mit Tobias Moretti, der die alleinerziehende Rumänin Ali (Alina Serban) aus der Gosse zurück in den Ring coacht. Und nachdem sich die Dritten zügig mit Karneval füllen, setzt Netflix am Freitag seinen Historien-Blockbuster Vikings mit dem Spin-Off Valhalla fort. Das ZDF startet in ihrer Mediathek die fünfteilige Spießer-Mockumentary Normaloland. Parallel dazu beginnt bei Neo das originelle Mystery-Experiment Unseen, in dem die Bewohner einer belgischen Kleinstadt unsichtbar werden und damit einiges über unsere Überwachungsgesellschaft erzählen.



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