Joachim Llambi: Tanzen & Fußball

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Ich bin nicht so der Typ fürs Heulen

In der Langzeitstudie Mein Herz schlägt numa hier schildert RTL+ sehr viel Leid und dennoch Freud beim MSV Duisburg – mit einem besonderen Fan als Stichwortgeber: Joachim Llambi (Foto: picture alliance/RTL). Der strenge Juror über seine Leidenschaften Fußball und Tanzen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Llambi, Sie tanzen seit über 40 Jahren, davon fast 30 als Profi und mittlerweile 15 in der RTL-Jury von Let’s Dance. Tanzen begleitet Sie fast Ihr gesamtes Leben. Aber das ist noch nichts verglichen mit dem Fußball!

Joachim Llambi: (lacht) Mein Vater hat mich schon als Vierjähriger mit zum MSV genommen. Man kann das aber trotzdem nicht so ganz vergleichen, weil mein Tanz-Dasein schon immer ein aktives war, während mein Fußball-Dasein bis heute ein reines Fan-Dasein ist.

Das wie bei vielen Traditionsvereinen heutzutage eher von Leid als Freud geprägt ist?

Während sich viele Fans bewusst für den FC Bayern entscheiden, um am Saisonende oben zu stehen, war bei mir schon als Kind klar: einmal MSV, immer MSV, und das hieß nun mal immer auch Leiden. Wobei ich das große Glück eines Vaters, der längst an Krebs gestorben ist, aus der Nähe von Barcelona hatte. Im Moment sind zwar beide Clubs pleite, aber ich genieße das Privileg zweier Extreme von Champions League und Oberliga im selben Herz.

Und was hat darin nun den größeren Platz – Tanzen oder Kicken?

Sportlich gesehen ist die Liebe zum Tanz größer. Was aber auch damit zu tun hat, dass ich darin wirklich vom Fach bin. Die Liebe zum Fußball kommt eher aus dem Bauch, aber auch da versuche ich, etwas mehr Sachkompetenz aufzubauen, die bei RTL oder Magenta sogar schon zum Einsatz bringen konnte.

Haben Fußball und Tanzen darüber hinaus etwas gemeinsam?

Auf jeden Fall die Leidenschaft, die alle Beteiligten dafür haben. Aber unabhängig von völlig verschiedenen Bewegungsabläufen unterscheidet sich Fußball darin, ein Mannschaftssport mit elf Jungs oder Frauen zu sein, während Tanz in der Regel allein oder zu zwei, meist Mann und Frau abläuft.

Ich erinnere mich allerdings an eine Kindheit in den Achtzigern, als die ARD gefühlt jedes dritte Wochenende mit großem Aufwand Welt- oder Europameisterschaften im Formationstanz übertragen hat.

Und nicht nur das, Tanzen war generell normaler Bestandteil des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Das ist deutlich weniger geworden. NDR, MDR und SWR machen da ab und an noch was in den Dritten Programm. Aber wer, wie der WDR, Steffen Simon als Sportchef hat, zeigt nur wenige Sportarten.

Fußball, Fußball, Fußball?

Und wenn doch noch mal ein Sendeplatz frei ist, auf jeden Fall Fußball (lacht). Als ich Medienbeauftragter des deutschen Profitanzsports war, hat er einem Turnier mal einen Sendeplatz gegen „Schlag den Star“ und DSDS oder so gegeben. Zur Quote von 0,2 Prozent meinte er dann nur „siehste! Euch will ja keiner sehen“.

Sie sind also nicht nur in einer Zeit groß geworden, als es bei ARD und ZDF noch viel zu Tanzen gab, sondern als Duisburg, wie die ergreifende Doku MSV – Mein Herz schlägt numa hier beweist, noch relativ erfolgreich war.

Und wie! Ende der Siebziger sogar UEFA-Cup bis ins Halbfinale, mit Bernhard Dietz, der die deutsche Nationalmannschaft als Kapitän zur Europameisterschaft führte. Wir waren ein sehr angesehener Verein mit einigen Highlights in der Clubgeschichte.

Gestern allerdings hat er 3:1 gegen die 2. Mannschaft des BVB verloren.

Da sind wir wieder bei der Leidensbereitschaft. Obwohl es zwischendurch immer mal wieder schöne Dinge gab, mit tollen Teams und dem Pokalfinale Ende der Neunziger, waren meine 50 Jahre Vereinszugehörigkeit weitaus mehr Leid als Freud.

Sind Sie als Typ generell leidensfähig?

Ja, zumal das Leid berechenbar ist. Der MSV hatte nie viel Geld, und jetzt hat er noch weniger denn je. Und wer es gewohnt ist, mit begrenztem Budget zu arbeiten, wird vom Misserfolg weniger überrascht.

Wer Sie davon erzählen hört, spürt sofort die Leidenschaft für das, was die Dokumentation zeigt. Sind Sie auf der Tribüne eher Analytiker oder Hitzkopf?

Mittlerweile bin ich zwar ein bisschen ruhiger geworden, aber egal, in welcher Sportart: ich war immer schon eher das HB-Männchen als stiller Beobachter. Ich stehe öfter auf, schimpfe vor mich hin, und wenn es wie vor zwei Wochen beim Heimspiel richtig eng wird, laufe ich auch schon mal nervös die Tribüne rauf und runter. Hat aber auch nicht geholfen.

Das ist schon deshalb interessant, weil Sie bei Let’s Dance für Impulskontrolle stehen – zwar ziemlich streng, aber stets reserviert.

Weil ich da vom Fach bin, so ein bisschen wie Lothar Matthäus, von dessen Expertise ich übrigens sehr viel halte.

Oha.

Wie, oha?

Da dürften ziemlich viele Zuschauer anderer Meinung sein.

Egal, wie man zu ihnen persönlich steht: fachlich sind Lothar Matthäus und Stefan Effenberg zwei Top-Experten im Fernsehfußball. Und als Tanz-Juror weiß ich ähnlich wie sie, wovon ich rede, und möchte diesen Anspruch – auch, wenn es sich zur Hälfte jeweils um Laien handelt – einigermaßen erfüllt sehen. Sonst brauchen wir weder Wettbewerb noch Jury.

In der zudem noch zwei Persönlichkeiten mit anderen Schwerpunkten sitzen.

Jorge González ist für die gute Stimmung zuständig, Motsi Mabuse fürs gute Herz, ich bringe es dann halt – auch, wenn ich mich damit selten beliebt mache – eher technisch auf den Punkt. Mir geht es darum, dass Tänzer, die wirklich gut sind, besser bewertet werden als Fußgänger. Sportliche Gerechtigkeit verdient manchmal Klartext.

Ist das eine Mentalitätsfrage oder halt ihre Rolle.

Also wenn Sie sich in meinen Freundeskreis oder der Fernsehbranche umhören, werden Ihnen vermutlich viele bestätigen, dass ich als Typ eher locker bin und jeden Quatsch mitmache, mit 57 sogar richtige Streiche. Wenn ich irgendwann mal in die Kiste springe, will ich schon auch meinen Spaß gehabt haben. Ich bin auch in der Jury so, wie ich bin, und spiele niemand anderes. Aber mir geht es in den dreieinhalb Produktionsmonaten, die einen gehörigen Teil meines Berufslebens ausmachen, wirklich um Expertise, nichts anderes.

Umso besser, wenn Sie das RTL-Publikum jetzt mal den heißblütigen Fußballfan kennenlernt.

Finde ich auch.

Sieht man Sie in den ersten vier Folgen angesichts der Misere ihres Vereins mal heulen?

Ich bin nicht so der Typ fürs Heulen. Eher einer, der versucht, das Ding wieder in die richtige Bahn zu bringen.

Werden Sie da persönlich vom Verein angefragt?

Nein. Ich bin in erster Linie Fan, in zweiter Linie Mitglied und erst in dritter mit meinem Geschäftspartner nebenbei für ein wenig Akquise werbender Unternehmen beim MSV zuständig. Ich bin weder in ein Amt gewählt noch würde ich mir sportliche Entscheidungen anmaßen.

Mögen Sie eigentlich den Begriff „Edelfan“?

Was soll das denn bitte sein?! Ich bin so edel oder normal wie der achtzehnjährige Ultra oder Opa Kawuppke, der seit 70 Jahren denselben Stammplatz hat. Nicht mehr, nicht weniger. Mit Edelfan kann ich nix anfangen.

Wenn Sie die Wahl hätten: würden Sie den MSV lieber in der 1. Liga sehen oder Tanzen wieder im Hauptprogramm von ARD und ZDF?

Wenn ich an Steffen Simon denke? MSV in der 1. Liga!



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