Backpfeifen & Kiezpaten

TV

Die Gebrauchtwoche

28. März – 3. April

Eigentlich ja ganz schön, dass dieser apokalyptischen Tage zwei niederschwellige Aggressionen Angriffskrieg und andere Gewalttaten – nein, nicht aus den Schlagzeilen verdrängen, aber multimedial flankieren. Erst ohrfeigt Will Smith den Laudator Chris Rock, nachdem der unmittelbar vorm größten Moment im Berufsleben des Hollywood-Stars billige Witze auf Kosten von dessen krankheitsbedingt rasierter Frau gemacht hatte. Parallel wird Oliver Pocher aus heiterem Himmel einer Boxveranstaltung abgewatscht. Klingt vergleichbar, ist es jedoch nicht.

Während das armseligste Großmaul aller Unterhaltungszeiten mit der Wehklage, die Backpfeife eines Unbekannten sei „feige, hinterhältig, arglistig“ gewesen im Grunde sein eigene Witzniveau auf Kosten anderer beschreibt, das täglich Hunderte, wenn nicht Tausende solcher Schellen erfordert, steht Smiths Gewaltausbruch auf der weltgrößten Showbühne für eine Form von toxischer Männlichkeit, die man dem sympathischen Schauspieler gar nicht zugetraut hätte.

Wer im Jahr 2022 denkt, die Ehre der Frau sei nur per Männerfaust zu verteidigen, wie Will Smith in seiner tränenreichen Dankesrede zum eigenen Oscar ständig wiederholte, steht – sagen wir Wladimir Putin, der die Deutsche Welle zum feindlichen Agenten erklärte, habituell näher als – sagen wir Christian Drosten, der am Mittwoch zum Leidwesen der Vernunft sein (vorerst) letztes Corona Update beim NDR zum Besten gab. Und er stellt zudem eine Veranstaltung in den Schatten, die durchaus Bemerkenswertes zu bieten hatte.

Den ersten Oscar als bester Film für ein Videoportal etwa in Gestalt der Tragikomödie Coda von Apple TV. Wie tranig, träge, trüb ist dagegen deutsches Entertainment Marke Verstehen Sie Spaß?, das Barbara Schöneberger seit Samstag zwar gut durchlüftet, aber ernsthaft: unterhaltsamer als die selbstverliebte Kalauerkanone Guido Cantz ist auch ein defekter Lachsack. Damit nach kurzem Exkurs Richtung AfD, die sich nicht zu blöde ist, eine Sendung mit der Maus als Untergang des völkischen Führerlandes zu adeln, weil sie Transmenschen erklärt, zum Angebot der neuen Woche.

Die Frischwoche

4. – 10. April

Auch wenn es karg ist. Immerhin: Die HBO-Serie Somebody Somewhere übt sich ab Donnerstag auf Sky in der nicht ganz ungefährlichen Fernsehkunst einer halbautobiografischen Dramedyserie – wobei der übergewichtige Stand-up-Star Bridget Everett bei aller Melodramatik wunderbar selbstbewusst und eigenmächtig mit ihrer normabweichenden Körperfülle auf der Suche nach Anerkennung in einer perfektionistsichen Welt hantiert. Ob die Hauptfigur von Single Drunk Female (Samantha Fink) ab Mittwoch auf Disney+ zufällig so ähnlich wie ihre Erfinderin (Simone Finch) heißt, bleibt ungeklärt, aber die Dramedy-Serie erzählt sehr glaubhaft von einer Alkoholikerin auf Entzugstour.

Tags drauf lädt eine Netflix-Doku zur Rückkehr ins Weltall, wozu der Markführer in gewohnter Presseverachtung mal wieder keine Bilder freischalten wollte. War vielleicht auch besser so. Ein profitorientiertes Unternehmen, dem es ausschließlich um Economy of Scales, also Masse um der Masse willen geht und qualitativ ohnehin längst weit hinter Emporkömmlinge von Apple bis Starzplay zurückgefallen ist, dürfte Elon Musks egomanischem SpaceX-Projekt ohnehin kritiklos huldigen.

Parallel startet Disney+ die zehnteilige argentinische Dramedy Paartherapie mal anders von Mariano Cohn und Gastón Duprat um eine Beziehungsberaterin (toll: Selva Pérez Salerno), die eigentlich selbst mal emotional beraten werden müsste. Tags drauf dann hat GoT-Star Maisie Williams sein postmittelalterliches Coming-Out als gegenwartstaugliche Darstellerin des Neo-Sechsteilers Two Weeks To Live, in dem sie vor zwei Jahren bei Joyn+ eine Frau spielt, die von der Eremitin zur Rächerin eines heiteren Verschwörungssthrillers wird.

Ob der deutsche Durchschnittsthriller Trügerische Sicherheit mit Max Simonischek als Politiker-Bodyguard, den eine Beziehung zur Sprecherin (Friederike Becht) seines Schutzobjektes in Teufels Küche bringt, besser ist als sein bescheuerter Titel, darf heute Abend im ZDF jede*r selbst überprüfen; keine Lust auf Fernsehkrimis…  Aber wie immer große Lust auf Arte, das Mittwoch in der Mediathek Die Paten von St. Pauli der 60er Jahre skizziert.



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