Bilderbuch, Kae Tempest, Sophia Bel

Bilderbuch

Rosen, besonders rosarote, haben zu Recht nicht den allerbesten Ruf. Als Ausdruck antiquierter Ansichten von Romantik, sind sie eher was für die Generationen Schlager als Pop. Es sei denn, letzterer okkupiert ersteren und steht auch noch dazu – dann darf die beste Popband der Welt gern die kitschigste Rose der Welt aufs Cover nehmen und dazu “unten am Ende der Straße lebt ein süßes Girl / aber ich weiß nicht wie sie heißt” singen”. Ist auch egal. Wenn man Bilderbuch ist.

Den vier Österreichern um Schmusezyniker Maurice Schmidt vergibt man ja alles: die öligen Gitarrensoli von Michael Krammer, den wattierten Bass von Peter Horazdovsky, das schulterpolsterige  Schlagzeug von Philipp Scheibl und vier Platten, die all das zum geschmeidigsten Lowfi-Bigbeat der Welt vereinen. Jetzt gibt es Gelb ist das Feld mit rosaroter Rose und es beschreitet den Weg gediegener Selbstverseifung konsequent weiter. Wenngleich so brillant, dass die Schlagerhaftigkeit darauf betört, nicht verkleistert.

Bilderbuch – Gelb ist das Feld (Maschin Records)

Kae Tempest

Kae (fka Kate) Tempest ist jemand, der/die/das mit jeder Äußerung Aufsehen im alternativen Kunstbetrieb erregt. Seit einiger Zeit nonbinär definiert, hat er/sie/es schon alles publiziert, was Publikum findet: Lieder, Platten, Stücke, Bücher, Romane, Essays und dummerweise auch Sympathiebekundungen für den latent antisemitischen Israel-Boykott BDS. Mindestens heikel, aber bei aller Kritik: nicht annähernd ausreichend, um ein musikalisches Werk zu ignorieren, das in jeder Hinsicht herausragend ist und bleibt.

Als Rapperin gestartet, haben all ihre Alben eine Kraft des elektronisch ummantelten Sprechgesangs, der kaum noch zu steigern war – in Gestalt von The Line Is A Curve aber doch übertroffen wird. Die zwölf Tracks der realen Kunstfigur aus London sind von einer selbstentblößenden Emotionalität, die mit dem dronigen Triphop ringsum nicht nur korrespondiert, sondern verschmilzt. HipHop aus der Tiefe einer streitbaren, fragilen, trotzigen, lebenswunden Seele, wie er selten zu hören war. BDS ist scheiße, aber Kae Tempest das Beste, was dem Musikbusiness passieren konnte.

Kae Tempest – The Line Is A Curve (Fiction)

Sophia Bel

Als Cindy Lauper Anfang der Achtziger den Musikzirkus aufmischte, war die Zeit reif für feministischen Powerpop, der Gender, nicht Sexus negieren wollte. Fast 40 Jahre später ist die Zeit kaum weniger reif dafür, aber feministische Powerpop-Künstler*innen erregen längst nicht mehr so viel Aufmerksamkeit, was für sich genommen ja schon mal für ihre Verbreitung spricht. Theoretisch. Praktisch sind weibliche Selbstbehauptungen, wie sie Sophia Bel in wunderbaren Powerpop verwandelt, weiter die Ausnahme.

Anxious Avoidant heißt das Debütalbum der amerikanischen Songwriterin kanadisch-holländischer Herkunft, aufgewachsen in Michigan, gemobbt als Kind, als Erwachsene umso robuster im Umgang mit Verletzungen. Und es klingt wie einst Cindy Lauper so eigensinnig verspielt nach dem richtigen Leben im Falschen, dass man ihrem postpunkigen Alternative sogar ein paar Banjos, gar Country-Sequenzen nachsieht. Empowerment darf einen auch mal billig um den Finger wickeln.

Sophia Bel – Anxious Avoidant (Bonsound)



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