Bülent Ceylan: Opas Geige & Neuköllns Kinder

Bülent Ceylan präsentiert Factual-Format im ZDF

Kunst ist wichtig!

Im Social Factual Don’t Stop the Music formte Bülent Ceylan (Foto: ZDF/D4Mance) Mitte April im ZDF (und weiterhin in der Mediathek) einen Kinderchor aus 50 benachteiligten Neuköllner*innen. Ein Gespräch darüber, wie ihm Musik und Humor einst selbst aus dem sozialen Abseits halfen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Bülent Ceylan, was genau passiert bei Don’t Stop the Music?

Bülent Ceylan: Es geht darum, benachteiligten Kindern das Erlernen eines Instruments zu ermöglichen und dabei auch ihre schulische und soziale Entwicklung zu verbessern. Während meine eigenen Kinder allein durch unseren finanziellen Status einen leichteren Zugang zur Musik haben, ist es für viele davon schon finanziell schwierig, Instrumente zu erlernen. An einer Schule in Berlin Gropiusstadt haben sich rund 50 Kinder bereit erklärt, mit uns Geige, Gitarre, Schlagzeug und Trompete zu erlernen oder im Chor zu singen – mit dem Ziel, nach einem halben Jahr intensiver Begleitung ein Konzert zu geben. In Australien hat das wunderbar funktioniert.

Klingt dennoch irgendwie nach dem üblichen Help-TV mit sozial benachteiligten Versuchskaninchen.

Ganz und gar nicht. Das Projekt will zeigen, wie wichtig kreative Fächer für die kindliche Entwicklung sind. Musik oder Bildende Kunst werden gern als bessere Beschäftigungstherapie vernachlässigt, dabei beeinflussen sie die kognitive und emotionale Intelligenz so positiv, dass auch andere Fächer oder Dinge wie Integration besser funktionieren und somit dabei helfen, Gewalt- oder Fluchterfahrungen besser zu verarbeiten. Das wird auch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern begleitet und eingeordnet.

Ist das nicht ein sehr hoher Anspruch für ein vierteiliges Fernsehformat?

Finde ich nicht. Man merkt an den Kindern, die wir über ein halbes Jahr begleitet haben, wie gut sie dadurch integriert wurden und damit insgesamt bessere Schulleistungen erbringen. Ich habe echt schon viele Sachen fürs Fernsehen gemacht, aber bei dem hier geht es wirklich mal um was Grundlegendes.

Stellen Sie dafür nur Ihr prominentes Gesicht zur Verfügung oder haben Sie richtige Aufgaben dabei?

Nee, das ZDF kennt mich ja schon seit Jahren und weiß genau, dass ich seit 2017 eine Kinderstiftung habe, selbst Familienvater bin, leidenschaftlich gern Musik mache und wie ein Großteil der Teilnehmer einen Migrationshintergrund habe. Die Kombination war mindestens genauso ausschlaggebend wie meine Popularität. Ich fungiere daher nicht nur als Motivator, es trotz aller Hindernisse schaffen zu können, sondern auch als Freund und Bindeglied.

Und als Komiker?

Natürlich mache ich auch mal Witze, aber Star der Sendung sind die Kinder, nicht ich.

Wie verhindert Don’t Stop the Music dennoch, sie aus dem Schatten des objektiv einzigen Stars zu holen, nämlich Ihrem?

Die Protagonisten bei uns werden nicht vorgeführt, und wir arbeiten auch ohne Drehbuch – obwohl es sogenannte Fokus-Kinder gibt, die wir etwas intensiver begleiten, und wo die Eltern sich auch bereit erklärt haben, dass wir beispielsweise auch mal bei ihnen zu Hause drehen.

Also leine Tränen unterm Geigenteppich?

Nicht gezielt zumindest. Aber natürlich gibt es über die vier Folgen hinweg ergreifende Szenen, bei denen mir jedenfalls schon mal die Tränen gekommen sind. Einfach, weil jemand etwas schafft, das man nicht erwartet hatte. Es gibt auch mal prominente Paten, deren Namen ich noch nicht verraten darf, aber wir haben eine andere Botschaft als reines Entertainment: Kunst ist wichtig!

Arbeiten Sie mit dieser Botschaft auch ein bisschen Ihre eigene Biografie einer benachteiligten Kindheit als Sohn türkischer Eltern ab?

Natürlich. Ich weiß ganz genau, wie es ist, als Außenseiter aufzuwachsen, hatte allerdings das große Glück eines Vaters, der mir trotz und wegen unseres Migrationshintergrundes echt alles ermöglichen wollte. Ich war deshalb aus voller Überzeugung bei diesem Langzeitprojekt dabei und hoffe, man merkt ihm das auch an. Es liegt mir unabhängig von Quoten und Kritiken wirklich am Herzen, den Leuten zu zeigen: wenn wir es als reiches Land nicht mal schaffen, unsere Kinder einigermaßen gleich zu behandeln – wie sollen wir dann Riesenprobleme wie den Klimawandel in den Griff kriegen? Und nichts eignet sich dafür mehr als die Förderung kreativer Energien.

Was hat Ihnen als türkischer Junge im deutschen Mannheim der Siebziger und Achtzigerjahre mehr geholfen bei der Integration – Ihr Vater oder die Musik?

Beides. Durch die Möglichkeit, ans Gymnasium zu gehen, was damals alles andere als selbstverständlich für Kinder mit meiner Biografie war, hatte ich in einen Musiklehrer, der das Fach und die Schüler tatsächlich ernst genommen hat. Dadurch bin ich irgendwann in den Kinderchor gekommen. Und weil uns zuhause das Geld für ein neues Instrument fehlte, hat mir mein Vater die alte Familiengeige aus dem Keller geholt.

Familiengeige?

Die hatte mein Urgroßvater einst aus der Türkei mit nach Deutschland gebracht. Sie war zwar kaputt, aber mein Vater hat sie damals für’n Appel und’n Ei reparieren lassen. Auch, weil wir mit den Deutschen halten sollten. Und obwohl es am Ende nur für ein paar Weihnachtslieder reichte, hatte ich nach zwei, drei Jahren einen völlig anderen Bezug zur Musik. Johann Sebastian Bach hat mir echt dorthin geholfen, wo ich heute bin.

Und der Humor?

War ebenso wichtig. Dank der Musik konnte ich als Teenager meinen Frust rausschreien, also abbauen. Andere zum Lachen zu bringen hat mich dagegen einfach nur glücklich gemacht.

Nur glücklich gemacht oder bei der Kompensation Ihrer Benachteiligung geholfen?

Auch das. Mein erstes positives Erlebnis hatte ich mit sieben, acht Jahren, als ich die Beerdigung meiner Oma ein wenig aufheitern konnte. Und als Teenager hat er für attraktive Checkpoints bei den Mädchen gesorgt. Wer die zum Lachen bringt, rückt vom Rand der Idioten, die Außenseiter wie mich gehänselt haben, automatisch ein Stück weit Richtung Mittelpunkt. Das war Genugtuung und Exitstrategie in einem.

Haben Sie damals bereits humoristisch mit den Vorurteilen über Ihresgleichen gespielt?

Schon auch.

Aber werden Klischees durch Witze darüber nicht eher verfestigt als beseitigt?

Ich möchte Vorurteile durchs Lachen darüber schon auch brechen. Eines dieser Klischees besteht allerdings darin, dass ich mich auf der Bühne andauernd mit meiner Herkunft auseinandersetze. Dabei beschäftigen sich mindestens 80 Prozent meiner Programme mit Menschen allgemein und was sie so Merkwürdiges machen. Aber weil der Türke ab und zu Witze über Türken macht, wird das halt ständig hervorgehoben. Dabei will mein Humor in der Regel gar nicht um vier Ecken gesellschaftlicher Probleme denken, sondern – gerade in dieser schwierigen Zeit – einfach mal Anlass zum Ablachen geben. Trotzdem beschäftige ich mich natürlich mit Ungerechtigkeiten oder Rassismus.

Und zwar nicht als Kunstfigur…

Sondern Bülent Ceylan, das ist mir enorm wichtig.

Hat das ZDF denn nun den Komiker Ceylan oder den Außenseiter Bülent für Don’t Stop the Music verpflichtet?

Das Gesamtpaket. Komiker mit Migrationshintergrund, Musiker mit Familie, Außenseiter mit Aufstiegsbiografie – alles drin in mir, was fürs Format wichtig ist.

Hätten Sie als Kind vor 30, 40 Jahren dabei mitgemacht?

Absolut. Viele der 50 Kinder schwärmen bis heute davon, wie es sie beflügelt hat. Hoffentlich setzen sie damit ein Zeichen an die Politik, Kreativität mehr zu fördern. An deutschen Grundschulen fehlen 23.000 Musiklehrer. Unglaublich.



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