Xaviers Abbitte & McKays Lakers

TV

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. April

Die Welt ist wieder ein Stück weit besser geworden. Frankreich hat die Kuschelnationalsozialistin Marine Le Pen mit lächerlichen 41 Prozent der Stimmen an den Rand der Bedeutungslosigkeit verabschiedet. In Polen oder Ungarn werden regierungskritische Journalist*innen noch immer nicht standrechtlich erschossen. Ukraine-Krieg, Gaspreise, Inflationsangst haben die Klimakrise beendet. Und dann leistet Reichsbürger-Heulsuse Xavier Naidoo auch noch Abbitte, ohne dabei in Tränen auszubrechen. Alles in Ordnung also in aller Herren Länder.

Außer Kalifornien.

Dort hat Netflix einen Rückgang von 200.000 Abos vermeldet – wenngleich inklusive jener 700.000 Zugänge, die in Russland gerade kriegsbedingt gesperrt wurden. Ist also alles in allem gar nicht so fürchterlich um den globalen Marktführer bestellt, auch wenn ihm der Aktienkurs zwischenzeitlich eingebrochen ist. Das jedoch passierte auch Mark Zuckerbergs Metaverse, dessen Börsenwert seit seinem Urknall um ein Drittel abgestürzt ist. Und dann hat CNN – unterm Jubelgeschrei von Donald Trump – auch noch das Ende seines digitalen Ablegers CNN+ zum 30. April verkündet.

Während der Abschied so kurz nach dem Start aus publizistischer Sicht ein herber Verlust ist, müsste man Netflix langsam keine Krokodilstränen mehr hinterherweinen. Inhaltlich drängen Frischlinge wie Apple+ den Platzhirsch ohnehin langsam ins feuilletonistische Abseits. Und von ARD über Amazon bis Arte hält kein Streamingdienst, geschweige denn TV-Sender die Pressefreiheit für ähnlich banal, wenn nicht gar lästig wie der Platzhirsch, dessen Kommunikation mit Gutsherrenart noch kooperativ beschrieben wäre.

Auch ProSieben schließt Kritiker*innen zwar für schon mal für unbotmäßige Berichterstattung von Presseveranstaltungen aus. Von RTL gibt’s für Freelancer ab und zu nur dann Sendehinweise, wenn positives Feedback zu erwarten ist. Verglichen mit der Informationsblockade aus dem Silicon Valley allerdings betreiben deutsche Privatsender und ihre Videoportale maximale Transparenz.

Die Frischwoche

25. April – 1. Mai

Kein Wunder, dass von Netflix in dieser Empfehlungsliste mal wieder fehlt. Ganz oben steht dort etwas von – Überraschung – HBO, der wahren Keimzelle des neuen Kinos Fernsehen: Winning Time. Unter der Leitung vom Regie-Wizzard Adam McKay wirft Sky ab heute ein wild zuckendes Schlaglicht auf die Los Angeles Lakers 1979, als sie der windige Immobilien-Tycoon Jerry Buss (John C. Reilly) zum Dreamteam aufplustert und damit nicht nur den Basketball, sondern die Sportwelt insgesamt umkrempelt.

Der Zehnteiler ist demnach alles andere als ein Sportbiopic. Mit Pornoästhetik, Weltklassesound, Splitscreens, Kulissenschieberei und beißender Tragikomik skizziert er vielmehr das Lebensgefühl der frühen Achtzigerjahre, dass der Bildschirm zu explodieren scheint. Man muss das nicht mögen, aber gelassen lässt es wohl niemanden. Ein bisschen weniger gilt das auch fürs zweite HBO-Format, das Sky parallel nach Deutschland holt: We Own This City, eine Art Spin-Off von The Wire, das Korruption und Zerfall von Baltimore visuell auf den Punkt bringt.

Nachdem Magenta Diane Kruger Donnerstag ins Haifischbecken der Serie Swimming with Sharks schickt, geht die fabelhafte Elizabeth Moss im metaphysischen Apple+-Thriller Shining Girls auf die Jagd nach einem Mann, der sie brutal missbraucht hat. Acht Teile atemloser Verfolgung, die sich am Rande aber auch mit Medien der Gegenwart befassen. So wie das ZDF-Drama Gefährliche Wahrheit, in dem es heute Abend nur oberflächlich um die Recherchen der Lokaljournalistin Gehrke (Lisa Maria Potthoff) über einen Plattenbaubrand geht. Dahinter verbirgt sich das Sittengemälde einer Demokratie, die gut recherchierten, also auch finanzierten Journalismus als nebensächlich erachtet – und sich damit ihr eigenes Grab schaufeln könnte.



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