Scheißfragen & Schiffsärzte

Die Gebrauchtwoche

TV

23. – 29. Mai

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie. Das Auftauchen neuer Viren, während der alte noch wüten darf, fügt dieser epidemiologischen Weisheit nun neue Komponenten hinzu: Nach der Pandemie ist vor der Pandemie ist nach dem Widerstand ist vor den Maßnahmen. Kaum nämlich, dass die Affenpocken auch außerhalb Afrikas auftreten, machen populistische Realitätsbastelkeller von Bild bis AfD publizistisch mobil. Die Tröpfchen-Infektion wird dort zwar als linksgrün-versifftes Unterwerfungsinstrument verteufelt, aber nur Zeilen später zur migrantisch-invasiven (AfD) oder homosexuell-diversen (Bild) Gefahr.

Die wutbürgerliche Logik dazu: Affenpocken gibt’s gar nicht, aber falls doch, wurden sie von N**** und Schwu*****n über weiße Heteros gebracht wie biblische Plagen aus Chinas Laboren. Diese „Verbindung zwischen der Vorstellung von Krankheit und der Vorstellung von Fremdheit“, wie sie die Sozialphilosophin Susan Sonntag mal erkannte, schafft ein verrücktes Paralleluniversum aus Affirmation und Negation, in dem widersprüchliche Wahrheiten zugleich abgestritten und anerkannt werden.

Ob es wohl ein leichtes Leben ist, sich mit Logik oder Denkschärfe zum Wohle der reinen Lehre nicht weiter zu beschäftigen? Dem liberalkonservativen Publizisten Georg Gafron wurde es offenbar zu schwer, als er bei Roland Tichys Einblick einen Text über Annalena Baerbock publizierte, der die Außenministerin anders als auf der neurechten Plattform nicht als grün-feministischen Gottseibeiuns verdammte, sondern lobende Worte für sie fand. Das war der Redaktion dann aber doch zu viel, weshalb sie den Text ohne Gafrons Wissen auf Linie schrieb.

Mehr Einfluss auf sein Medienbild wünscht sich auch Toni Kroos – oder wie er es im ZDF-Interview nach dem fast schon lachhaften Madrider CL-Sieg gegen Liverpool am Samstag ausdrückte: „Ich fordere positiv angelegte Fragen“. Also, lieber Nils Kaben: das nächste Mal fragen, wie glücklich der Sieger sei und auch sonst die Produktwerbung aller Field-Reporter betreiben. Kritischer Journalismus ist für Multimillionäre wie Kroos schließlich Majestätsbeleidigung.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

30. Mai – 5. Juni

Und damit nicht nur ein Feindbild selbstverliebter Fußballprofis, sondern natürlich auch Wladimir Putin. Dessen Umgang mit Majestätsbeleidigern kann der dünnhäutige Toni bei RTL+ bewundern, wo ab Mittwoch die bedrückende Dokumentation Nawalny (ab 6. Juni bei ntv, ab 27. Juni bei GEO) läuft. Falls der lautstarke Ärger über die „Scheißfragen“ eines öffentlich-rechtlichen Senders ungefähr seinem Intellekt entspricht, dürfte er an gleicher Stelle allerdings doch eher tags drauf Der Schiffsarzt bevorzugen.

Nachdem er voriges Jahr bereits auf dem echten Traumschiff Richtung Seychellen cruiste, übernimmt der kantige CIS-Supermann Moritz Otto auf einem RTL-Dampfer die Medizinabteilung. Und wer denkt, dem könnte es an Tiefgang fehlen, liegt vermutlich nicht ganz daneben. Vielleicht ist das für Kerle à la Kroos aber auch genauso zu weibisch wie Die ahnungslosen Engel, einer Disney+-Serie, in der eine Frau ab Mittwoch vom schwulen Doppelleben ihres verstorbenen Mannes erfährt.

Echte Männer können auch mit der 4. Staffel Borgen wenig anfangen – schon weil die Geschicke der dänischen Politik darin ab Donnerstag auf Netflix erneut von mächtigen Frauen gestaltet wird – und zwar oft zum Wohle anderer. Wie destruktiv Frauen sind, wenn sie männlicher Macht erliegen, zeigt dagegen das vierteilige Sky-Porträt Ghislaine Maxwell. Ab Freitag können wir der Ex von Jeffrey Epstein dabei zusehen, wie sie dem berüchtigten Sexualstraftäter Minderjährige Vergewaltigungsopfer zuführt.

Unangenehmes, aber erhellendes Thema. Zur Ablenkung sei da die zweite Staffel der großartigen Achtziger-Aerobic-Sause Physical ab Freitag bei Apple TV+ empfohlen. Und parallel dazu (23.55 Uhr) auf ZDFneo: die schwedische Polizeiserie Thin Blue Line.



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