Rickolus, The Range, Moonchild Sanelly

Rickolus

Für Eindrücke, die bleiben, hilft es manchmal, sich etwas herunter zu regeln. Von groß auf klein schalten, bisschen digital detox, bisschen Anspruchsentschlackung, Ferien im Kleingarten vielleicht oder falls Beton, dann die Abseiten der Boulevards, besser noch: ein Abend mit Rick Colado alias Rickolus, den es wie so viele Amerikaner nach Berlin verschlug, wo der Songwriter aus Florida ungefähr 200.000 Kneipenkonzerte gegeben hat, bevor er nun sein Debütalbum vollenden konnte.

Bones der Name, und so knöchern das klingt – es eine Art immobiler Großstadturlaub. Zu schäbig schöner E-Gitarre erzählt er uns übers Aufwachsen im Westen oder das Großsein im Osten, über Drogen, Träume, Verwandtschaft, die Liebe. Immer klingt es, als blättere Rickolus in Fotoalben und rede dazu ein wenig vor sich hin, nicht melancholisch, sondern ausgeglichen, hier eine Mundharmonika zur Untermalung, dort ein Saxofonsolo. Urbaner Surfpop, als sei da einer mit sich im Reinen. Sind wir dann auch mal.

Rickolus – Bones (Buback)

The Range

Andererseits ist es bisweilen künstlerisch interessanter, mit sich im Unreinen zu sein, ein bisschen dreckig, ein bisschen übellaunig, was musikalisch vor 20 Jahren im Londoner Eastend eine Ausdrucksform erhielt, die entsprechend Grime genannt wurde, aber auch außerhalb großer Moloche funktioniert. James Hinton zum Beispiel, schon vor seinem Abschied aus Brooklyn als The Range bekannter, hat den städtischen Schmutz gegen die Natur Vermonts getauscht, wo er auf der Suche nach Dunkelheit im Lichterglanz ist oder umgekehrt.

Sein erstes Album seit sechs Jahren heißt entsprechend Mercury, denn Quecksilber mag schimmern wie Platin, im Innern ist es hochexplosiv und toxisch, ein schönes Gift also, wie der technoide Wave von The Rave, basslastig und synthetisch, geheimnisvoll dunkel und zugleich lichthell treibend, eine Art Triphop-House mit etwas Big Beat für verlorene Seelen, die in der inneren Immigration gern unter Leute gehen und tanzen wollen.

The Range – Mercury (Domino)

Moonchild Sanelly

Tanzen ist bei Moonchild Sanelly hingegen keine Option, sondern unerlässlich. Viel zu lange nach ihrem Debütalbum hat Sanelisiwe Twisha ihr zweites Album gemacht, und auch Phases kommt aus dem Grime genannten Wutkorridor elektronisch schwitzenden Raps, den die Südafrikanerin mit dem musikalischen Repertoire ihrer Heimat anreichert und dafür ortsansässige Großtalente wie Blxckie und Sir Trill gewinnen konnte.

Das Resultat klingt schwer nach Capetown auf Cockney, ein viriler, ethnopopkulturell angedickter Mix aus HipHop und TripHop, M.I.A. und Thandisma Mazwaim, hintergründig fiebriger, vordergründig nicht grad queerer, aber irgendwie genderfluider Township-Powerpop randvoll von einer missmutigen Energie, die mit minimalem Aufwand wattierter Bässe und verhallender Vocals eine Aura von gelangweilter Hingabe erzeugt.

Moonchild Sanelly – Phases (Transgressive Records)



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