Krauses Fummel & Schirachs Strafe

Die Gebrauchtwoche

TV

20. – 26. Juni

Wenn RTL seine Prollpfosten in Frauenfummel steckt, als sei die Verwandlung ein Trinkspiel, ist Vorsicht geboten. Mit Kandidaten wie Micky Krause, Bernhard Brink oder David Odonkor sprengte das niederländische Format Viva la Diva am Montag ja nur oberflächlich biologische Geschlechtergrenzen. Moderiert von Tim Mälzer mit Lacknägeln, bewertet von Jorge González bis Jana Ina Zarrella, gaben sich die Knalltüten des kommerziellen Entertainments Dragqueen-Namen wie Minnie de la Cruise, Kandy Rock oder Titania Diamond.

Doch spätestens, als sich der Sender vom Sieger Faisal Kawusi distanzierte, weil er zuvor mit KO-Tropfen in den Schlagzeilen steckte, war RTL wieder ganz bei sich. Entfernte sich allerdings kurz darauf wieder ein Stück, als die Verpflichtung des ZDF-Rechercheteams um Birte Meier publik wurde. Als freie Mitarbeiterin von Frontal 21 hatte sie 2015, Eingeweihte erinnern sich, das Zweite zwar erfolglos, aber wirkmächtig wegen ungleicher Bezahlung verklagt. Ob sie jetzt das Gleiche verdient, wie – sagen wir: Steffen Hallaschka, der als Supa Nova bei Viva la Diva mitfummelte, dürfte sie demnächst also selber veröffentlichen.

Auch sonst handelten viele Meldungen zumindest am Rande vom früheren Marktführer aus Köln. Der hatte sich erst kürzlich den Hamburger Großverlag G+J einverleibt, dessen früherer Stern-Chef Henri Nannen mittlerweile endgültig als Antisemit entlarvt und aller Ehren beraubt wurde – etwa als Namensgeber eines Preises, der nun anders heißt und weiterhin wichtig ist, aber nicht annähernd so wie jener Friedensnobelpreis, den der russische Journalist Dimitri Muratow für 103 Millionen Euro zugunsten ukrainischer Kriegsopfer versteigern ließ.

Dass sich Sat1 laut DWDL von allen Scripted Realitys trennt, bedarf allerdings noch der Bestätigung. Würden die Fakedokus ersatzlos gestrichen, liefe dort ja praktisch nur noch Werbung. Ein Qualitätsverlust wäre das allerdings nicht. Womit es um die Online Grimme Awards gehen darf, bei denen unter anderem und der Podcast Cui bono – WTF happened to Ken Jebsen siegreich war. Und damit zurück zu RTL.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

27. Juni – 3. Juli

Dessen Streaming-Ableger mit + am Ende beweist, dass die Muttergesellschaft digital vieles richtig macht, was linear daneben geht. Zwar adaptiert die Anthology-Serie Strafe ab Dienstag nur den nächsten Schirach-Beststeller, kreiert aber etwas Außergewöhnliches: Inszeniert von sechs Regisseurinnen und Regisseuren wie Oliver Hirschbiegel und Helene Hegemann, sind die Essays über Recht und Gerechtigkeit höchst unterschiedlich, transportieren aber ein grundlegendes Qualitätsmerkmal: In der Ruhe liegt die Kraft.

Und das beherzigt RTL+ zeitgleich auch in seiner bemerkenswerten Doku Das weiße Schweigen über die unfassbare Krankenhausmordserie des Krankenhauspflegers Niels Högel. Dass Arte sachlich unterhalten kann, dürfte dagegen hinlänglich bekannt sein. Dass der Kulturkanal dabei aber auch buchstäblich auf die Zwölf hauen kann, beweist die lässige Aufklärungsstunde Penissimo am Mittwoch, womit Arte gewissermaßen die Vagina-Betrachtung Viva la Vulva von 2019 zwischen Männerbeinen fortsetzt, aber erneut weit übers Fortpflanzungsorgan hinausgeht.

Der Rest ist fiktionale Unterhaltung: Bereits heute setzt Sky die immer noch fesselnde, aber leicht abgehangene Dystopie West World mit der 4. Staffel fort. Sonntag startet Starzplay Teil 2 der großartigen SciFi-Novelle P-Valley. Parallel dazu zeigt wiederum Sky das Sequel der Siebziger-Legende Kung Fu, ersetzt den unvergesslichen Hauptdarsteller David Carradine als Martial Arts-Kämpfer jedoch zeitgenössisch durch eine Frau. Und Zwischendurch startet Amazon die Thriller-Serie The Terminal List mit Chris Patt.

Und weil freitagsmedien nächsten Montag drei Wochen Sommerferien macht, noch zwei Tipps: Ab 6. Juli dürfen Fans grotesker Milieustudien keinesfalls die Wirecard-Persiflage King of Stonks mit Matthias Brandt als Mischung aus Elon Musk und Jan Marsalek auf Netflix verpassen. Und fünf Tage später überrascht die reale Podcasterin Sophie Passmann als fiktive Podcasterin Nola in der achtteiligen Amazon-Komödie Damaged Goods um Twentysomethings am Rande des Nervenzusammenbruchs.

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