Sophie Passmann: echte & falsche Podcasterin

Ich liebe die Kardashians

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Sophie Passmann wurde mit Poetry-Slam bekannt, mit Büchern berühmt, mit Meinungsstärke berüchtigt. Jetzt macht sie einen Podcast übers Internet, spielt sich in der Amazon-Serie Damaged Goods (Foto: Marc Reimann(Ratpack/Amazon Prime) quasi selbst und ist in beiden Formaten gewohnt böse, bissig, direkt – vor allem aber: ziemlich gut.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Sophie Passmann, sind Sie ein suchtgefährdeter Mensch?

Sophie Passmann: Nur Heroin. Nein, Quatsch – überhaupt nicht. Warum?

Gleich zu Beginn Ihres neuen Podcast Quelle Internet erzählen Sie, von morgens bis abends auf Smartphone zu glotzen. Das ist kein Suchtverhalten?

Gut, dann bin ich definitiv nicht substanzsuchtanfällig, habe also kein Problem mit Tabak, Alkohol und anderen Drogen, verbringe aber viel Zeit im Internet.

Viel oder zu viel?

Viel. Wenn ich nicht einschlafen kann, ist es nicht die dümmste Idee, sich eine halbe Stunde mit Instagram zuzuballern. Aber so oft ich aufs Handy glotze, hab‘ ich auch kein Problem damit, es nicht zu tun – sofern mir was Besseres einfällt. Und weil ich meine Timelines sorgsam pflege, poppt selten etwas auf, das ich irrelevant finde oder mich ärgert. Ich folge nur Medien, Personen, popkulturellen Phänomenen, die mich wirklich interessieren. Selbst, wenn es eine Illusion ist, Social Media autonom kuratieren zu können, bin ich nicht anfällig dafür, ins Rabbithole zu fallen.

Einer Blase also, aus der abweichende Meinungen automatisch gefiltert werden.

Am Ende behalte schon ich die Kontrolle und bin deshalb nicht so anfällig für TikTok. Auch, wenn es nach intellektueller Selbstüberhöhung klingt, ist mir das schlicht zu blöde und nicht lustig genug.

Sie sind im Internet stets auf der Suche nach Substanz, also Bereicherung?

Schon. Wobei es das Privileg einer Kulturkritikerin ist, aus fast allem bereichernde Substanz herauspressen zu können. Wenn ein popkulturelles Zeitgeistphänomen banal ist, überlege ich halt, warum es das ist und beschäftige mich feuilletonistisch damit.

Will der Podcast die bereichernde Substanz im Internet ergründen?

Zum einen. Zum anderen fehlende Substanz ergründen – und zwar in aller Ruhe. Also etwa, warum etwas viral gegangen ist, was uns daran freut, was uns ärgert, wer womöglich dahintersteht. Ich finde es zum Beispiel aufrichtig faszinierend, warum ein Video der Poetry-Slammerin Julia Engelmann vor neun Jahren millionenfach aufgerufen wurde.

Aber besteht nicht das Risiko, durchs abermalige Behandeln von Internetphänomenen selbst die unsinnigen, womöglich gar gefährlichen zu reproduzieren?

Das Risiko besteht. Aber darauf nehme ich insofern kaum Einfluss, als mir vor jeder Sendung ein Phänomen präsentiert wird, das ich dann einzuordnen versuche. Ansonsten würde ich nur solche aus meiner Blase nehmen. Darüber hinaus finde ich das Reproduktionsargument genau wie „Framing“ oder so immer etwas unterkomplex. Die Welt wird zwar nicht besser, wenn wir einen rassistischen Kommentar von Erika Steinbach kommentieren. Aber wenn wir uns konstruktive, intellektuelle Debatten darüber verbieten, erst recht nicht.

Zeigt der Podcast also nur die hässlichen oder auch die schönen Seiten sozialer Medien?

Wer mir nur hässliche Seiten vorsetzt, kriegt Ärger. Schon weil die Frage, was schön ist, viel seltener gestellt wird als die, was problematisch ist. Ich liebe zum Beispiel die Kardashians. Aber weil unser Muskel, etwas proaktiv lustig zu finden, chronisch untertrainiert wurde, gilt das als kulturjournalistisch sinnlos.

Haben Sie selbst eigentlich je einen Hasskommentar abgesondert?

Noch nie! Ich habe allerdings das Gefühl, dass wir mittlerweile viel zu viel über Hass und viel zu wenig über Häme sprechen, die kleine, nicht justiziable Schwester des Hasses. Und ich war viel zu oft hämisch im Internet. Solang ich durch blanken, schwanzgesteuerten Hass keine Angst um mich und meine Familie haben muss, trifft mich Häme viel stärker.

Sind Sie demnach, was digitale Beschimpfungen angeht, souverän oder abgestumpft?

Beides bedingt einander. Ich fühle mich souveräner als vor fünf Jahren, was aber auch mit einem Gewöhnungsprozess zu tun hat, der gesellschaftspsychologisch schwierig sein mag. Anders kommt man in meiner Position allerdings nicht gesund durch soziale Medien. Ich bin halt nicht mehr wütend und 23, sondern amüsiert und 28, genieße aber auch das Privileg, zum Inventar der guten Ecken des Internets zu gehören.

Inventar im Sinne von Influencerin?

Populärwissenschaftlich werden Influencer:innen dadurch definiert, Reichweite zu nutzen, um Produkte zu verkaufen. Bei mir ist es umgekehrt: ich habe durch das, was ich verkaufe, nämlich Bücher und Lesungen, Reichweite erzeugt, passe also nicht ganz ins Raster, zucke aber auch nicht mehr, wenn man mich Influencerin nennt.

Und Sinnfluencerin?

Da schon, das vielleicht schlimmste Wort aller Internetzeiten. Aber Influencerin ist schon deshalb okay, weil der deutsche Kulturbetrieb schlicht nicht gewöhnt ist, dass es Journalist:innen oder Autor:innen mit viel Reichweite gibt. Alles über 300.000 Follower riecht hier irgendwie nach Shampoo-Werbung. Kann ich mit leben.

Hat Amazon Prime für Damaged Goods, wo Sie eine Podcasterin spielen, also Ihre 300.000 Follower eingekauft oder die Schauspielerin Sophie Passmann?

Meine Reichweite natürlich, aber die wird auch bei gelernten Schauspieler:innen immer wichtiger. Darüber hinaus war ich aber auch zuvor schon schauspielerisch aktiv, bin zu einem Casting gegangen und musste mich mit dem Stempel „Frau aus dem Internet“ beweisen. Unterschätzt zu werden, ist die angenehmste Art, Leute zu beeindrucken.

Beeindrucken Sie in dieser Rolle als Sophie Passmann, die wir Ihre Figur auch schon ein paar Podcasts gemacht hat, oder bleibt die Rolle komplett abstrakt?

Komplett abstrakt. Klar gebe ich Nola meine Stimme und Sprachlichkeit, die ein paar Aspekte meiner realen Lebenswelt widerspiegeln, sonst hätte man dafür ja nicht Sophie Passmann nehmen müssen. Aber das Drehbuch hat fast nichts mit mir zu tun.

Haben Sie so eine Art Karriere-Plan, in dem Schauspielerin auch seinen Platz hatte?

Nee, es gibt Bereiche meiner Karriere, die ich sehr bewusst plane, aber viel von dem passiert einfach nicht. Deshalb habe ich meinen Kontrollzwang bei der Karriereplanung ein bisschen eingedämmt und habe in den vergangenen Jahren, was vorher weniger der Fall war, mehr Interesse an einer fiktionalen Lebenswelt zugelassen.

Gibt es dennoch etwas auf der To-Do-Liste, das unbedingt noch kommen muss – Musik?

Um Gottes Willen… Es wird kein Album mit mir geben. Außer, Barbara Schöneberger fragt mich. Niemals Musik.



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