Die Ringe der Macht: Tolkien & Amazon

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Sicherheitslücken in Mittelerde

Selten wurde ein Spin-off lautstärker angekündigt als das Serienprequel von Herr der Ringe. Jetzt laufen Die Ringe der Macht bei Amazon, und nicht nur 1,25 Milliarden Dollar Gesamtkosten sind überwältigend – auch Storytelling, Bildsprache, Originalität.

Von Jan Freitag

Die Bedeutung einer Serie, das war in analoger Zeit noch anders, bemisst sich auch am Grad der Security bei ihrer Preview. Das Handy auszuschalten, zählt zwar schon seit der Markreife kluger Telefone zum Repertoire. Aber Abgeben, Einschweißen, Versiegeln und Wegstecken, gefolgt von einem Sicherheitscheck auf Flughafenniveau – es ist offenbar ein wichtiges Stück neues Kino Fernsehen, das im nostalgischen Zoo Palast zu Berlin gezeigt wird. Prime Video behauptet gar: das wichtigste, was buchstäblich Ansichtssache ist. Im Gegensatz zum Preis.

Denn worauf eine Handvoll Influencer und Journalistinnen ohne Smartphone, aber mit Podcast, Blog oder Youtube-Kanal am Donnerstag zwei Stunden lang als erste gestarrt haben, kostet pro Folge den Gegenwert einer Villa am Wannsee plus Yacht, Limousine, Pool, Butler-Service. Schließlich hat Amazon angeblich 1,25 Milliarden Dollar für das Prequel vom „Herr der Ringe“ bezahlt, 20 Prozent allein für die Rechte. Bei fünf Staffeln dürften die ersten zwei von acht Folgen 50 Millionen vertilgt haben und somit mehr als House of the Dragon, das also nur kurz Rekordhalter war.

So viel zum Zahlenwerk, das Fragen aufwirft. Die wichtigste: Wird der Aufwand vom Ergebnis gerechtfertigt. Die Antwort ist ein bisschen überraschend, bedarf der Erklärung, darf aber erstmal im Konfettiregen durchs Traditionskino fliegen: Ja, nein, mehr als das! Denn natürlich rechtfertigt in Zeiten von Krieg und Krisen, Armut und Inflation, Energiemangel und Klimawandel mal abgesehen vom eskapistischen Nach-uns-die-Sintflut-Denken nichts, absolut gar nichts zwölfstellige Summen für Unterhaltung um ihrer selbst willen. Auch ein noch so obszönes Investment ins übernächste Spin-off von J.R.R. Tolkiens Fantasy-Legende kann jedoch Gutes bewirken.

Und damit zum Finished Product, wie Filmfiktionen in Zeiten von CGI und SFX, Stakeholder-TV und Börsenentertainment heißen. Damit zu Die Ringe der Macht. Sie spielen ein paar Tausend Jahre vor der finalen Schlacht von Peter Jacksons Trilogie und den nachfolgenden Hobbit-Märchen. Nachdem die Orks zu Beginn besiegt wurden, erlebt Mittelerde eine Ära des Friedens. Elben und Zwerge, Menschen und Haarfüßer, die mal possierlichen, meist bedrohlichen Stämme – Berg an Tal an Wüste an Wald an See an Meer existieren sie in ethnischer Homogenität, begegnen sich hier und da, halten aber respektvollen Abstand und wähnen sich auch deshalb in Sicherheit vor Unbill à la Sauron samt seiner Mutantenarmee.

Nur eine mag nicht in die kollektive Harmoniesucht einstimmen: Galadriel, die wir zu Beginn der Auftaktfolge erleben, wie sie sich dank traumatisierender Kindheitserlebnisse mit Feinden aller Art zur skeptischen Kriegerin mit der Überzeugung entwickelt, die Orks hätten sich nur versteckt. Vom Elbenkönig Gil-galad (Benjamin Walker) auf Monstersuche in sämtliche Ecken der topografisch spektakulären Mittelalterkopie entsandt, stößt sie zwar auf Spuren; nur glaubt ihr bei der Rückkehr ins Spitzohr-Idyll Lindon niemand, was da noch im Untergrund schlummert. Am wenigsten der einflussreiche Politiker Elrond (Robert Aramayo) – da kann Galadriel noch so kernig mit dem Waliser Akzent ihrer Darstellerin Morfydd Clark insistieren, „das Böse stirbt nicht, es wartet auf den Moment unserer Selbstzufriedenheit“.

Und wie uns die Showrunner Patrick MacKay und John D. Payne an vielen ihrer großflächig verteilten Handlungsorte klarmachen, ist er längst gekommen. Das wagemutige Haarfußmädchen Nori (Markella Kavenagh) spürt es zwar ebenso wie die naturheilkundige Menschenfrau Bronwyn (Nazanin Boniadi), deren Sohn – Gollum lässt grüßen – vom Keim des Bösen infiziert wurde. Mittelerdes bürgerlicher Mainstream dagegen wiegt sich in betriebslinder Sicherheit – was mit etwas Einbildungskraft als Analogie auf unsere Gegenwart mit einer elbischen EU auf Appeasement-Kurs mit Putin alias Sauron werden kann.

Aber das bleibt schon wegen der jahrelangen Planungsphase Spekulation. Denn Tatsache ist, dass Regisseur J.A. Bayona, durch Jurassic World bombastgeschult, mit finanzieller und digitaler Hilfe einen Kosmos kreiert, der das Sequel vielerorts übertrifft, ja überragt. Anders als die Kinotrilogie „Herr der Ringe“ nämlich emanzipieren sich Amazon Primes „Ringe der Macht“ vom selbstreferenziellen, männerdominierten, effekthascherischen Bombast eines Peter Jackson, der letztlich nur Schlachten reproduziert und damit selbst handfeste Jünger der Bücher verschreckt hatte.

MacKay und Payne nutzen das serielle Format dagegen – zumindest nach Ansicht der ersten zwei Teile – etwas nachhaltiger, um horizontal zu erzählen. Den Charakteren bleibt dabei echte Zeit zur Entfaltung, Dialoge dienen nicht mehr nur der unerlässlichen Vorbereitung anschließender Gemetzel, können sogar von Zwergenkönig zu Elbenkumpel Tiefgang haben. Und auch, wenn Bear McCrearys brachialer Soundtrack wirklich niemals Ruhe gibt, zieht das grob Vertonte sein Publikum mit contentgetriebener Dringlichkeit ins esoterisch angehauchte Universum, als wäre Sauron von Shakespeare statt Tolkien.

Wenn man das bildgewaltige Mythengewitter von Mittelerde also mit irgendetwas von heute vergleichen will, wäre Jacksons Version wohl Wacken und das von Payne/McKay eher Woodstock. Gelegentlich flattern zwar ein paar zu viele Hippies über Auen und Bäche. Doch Actionfans aufgepasst: der titelgebende Ring stet kurz vorm Schmieden. Galadriels Schwertkampfstil deutet an, dass auch die aktuellen Macher Bock auf Martial Arts haben. Und schon bald, so scheint es, sammeln sich neue Gefährten, um Sauron die Hölle kalt zu machen. Das Ringe-Spektakel, es geht also weiter. Immer weiter. Noch sind ja mindestens 750 Millionen Dollar zu verprassen.



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